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28.01.2013

Die Qual der Wahl

Propädeutische Vorsemester bieten Orientierung

Der Campus der Schule Schloss Salem. / Foto: Dominik Waibel.

Die Universität Tübingen und die Schule Schloss Salem bieten Orientierungssemester für zukünftige Studenten an.

Ein Drittel aller Bachelor-Studenten brechen ihr Studium frühzeitig ab. Bei den Ingenieuren sind es sogar die Hälfte. Das liegt an der nach dem Abitur einsetzenden Orientierungslosigkeit vieler Schüler, welche sich entscheiden sollen, womit sie sich den Rest ihres Lebens beschäftigen. Aus über 8000 Studiengängen können Abiturienten in Deutschland wählen. Sich mit dieser Vielfalt auseinander zu setzen ist unmöglich und überfordert viele Schüler.

Der Bayrische Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) schlug deshalb ein „Semester Generale“ vor dem Studium vor. Abiturienten sollten einen Überblick über die angebotenen Studiengänge bekommen und auf die Anforderungen des Studiums vorbereitet werden. Genau ein solches Angebot gibt es in Tübingen.

Seit 1948 will das Leibniz-Kolleg jungen Menschen diese Orientierung geben. Ein Jahr lang lebt ein „Leibnizianer“ mit 53 Jugendlichen zusammen, besucht eine Auswahl aus 40 Seminaren, welche von Dozenten der Universität angeboten werden. Es ist Pflicht, mindestens ein Fach aus den Bereichen Rechts- und Sozialwissenschaften, den Geisteswissenschaften und den Naturwissenschaften zu belegen. Mindestens sechs Fächer sind Pflicht. Die meisten belegen deutlich mehr. Das demokratisch organisierte Zusammenleben in einem Haus mit Gemeinschaftsküchen, Gemeinschaftsduschen und Einzel- oder Zweierzimmern bereitet die zukünftigen Studenten auf das Leben in Wohnheimen oder Wohngemeinschaften vor.

Selbstständig können sie Referenten zu bestimmten Themen einladen und Kurse oder Themen vorschlagen, welche behandelt werden. Ihr letztes Trimester planen die Studenten zusammen mit ihren Professoren selbst. Dieses Angebot ist sehr beliebt; es bewerben sich jährlich über 200 Schüler auf die 53 Plätze des Leibniz-Kollegs.

Eine ähnliche Idee verfolgt das Salem-Kolleg, das im September 2013 am Bodensee für 24 Abiturienten seine Türen öffnet. Auf dem Campus der renommierten Schule Schloss Salem sollen zukünftige Studierende in ihrer Persönlichkeit reifen und auf das Studium vorbereitet werden. Sie wohnen zu acht in Wohngemeinschaften: So lernen und leben sie im intensiven Austausch untereinander.

Besonderen Wert wird auf die Entfaltung der Persönlichkeit, im erlebnispädagogischen Sinne Kurt Hahns, dem Gründer der Schule gelegt. Unter dem Motto „Verstehen, Stärken, Entscheiden. Finde deinen Weg“ wird es zahlreiche Angebote zur Förderung der Eigenverantwortung, der Rhetorik und Kommunikation, sowie zur erfolgreichen Zielsetzung geben. In drei Trimestern werden Fächer aus den Bereichen Natur-, Gesellschafts- und Geisteswissenschaften angeboten. Junge Forscher der Studienstiftung des Deutschen Volkes werden die Kollegiaten bei Forschungsprojekten betreuen und in das wissenschaftliche Arbeiten einführen. Zudem stehen Berufsberater, Entscheidungstrainer und Bewerbungscoaches zur Verfügung.

Robert Leicht ist Vorstandsvorsitzender des Trägervereins der Schule Schloss Salem und langjähriger Chefredakteur der Zeit. Er ist überzeugt vom Konzept des Salem-Kollegs: „Wer dieses Jahr dazwischenschaltet, spart hinterher Zeit. Wir ersparen diesen jungen Leuten zwei, drei Semester, vier Semester orientierungslosen Studiums. Wir helfen ihnen, das Studium, das sie dann wählen, viel gezielter anzufangen. Sie werden reifer und zügiger studieren. Sie verlieren nicht etwa Zeit.“

von Dominik Waibel
   

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