ruprecht-Logo Banner
ruprecht/Schlagloch-doppelkeks-Jubiläum
Am 13.10. feiern wir 25 Jahre ruprecht/Schlagloch und 10 Jahre doppelkeks [...mehr]
ruprecht auf Facebook
Der aktuelle ruprecht
ruprecht vor 10 Jahren
Andere Studizeitungen
ruprechts Liste von Studierendenzeitungen im deutschsprachigen Raum
ruprecht-RSS
ruprecht-Nachrichten per RSS-Feed
 StudiLeben
30.01.2013

Das Unternehmen im Kofferraum

Wie Studenten in Heidelberg den Schritt in die Selbstständigkeit wagen

Felix Baumeister mit einem Fahrrad. / Foto: Annika Kasties

Bill Gates hat es getan. Steve Jobs hat es getan. Und Lady Gaga auch. Alle vernachlässigten ihr Studium. Statt Partys, Kaffee trinken oder in der Bib zu flirten, verfolgten sie lieber ihre eigenen Pläne. Doch wie gestaltet sich der Alltag eines Studenten, der sich selbstständig macht?

"Ich hoffe, ihr haltet uns nicht f√ľr Perverse", ist der erste Satz, der aus Sohils Mund kommt. Wir treffen ihn in einem Caf√© gegen√ľber vom Campus Bergheim. Zwischen einer Mutter mit Kind, einem P√§rchen beim ersten Date und einem Professor, der in Ruhe Zeitung lesen will, unterhalten wir uns √ľber Sportkamasutra. "Ich finde es ein bisschen schade, dass nicht mal unsere Freunde die App auf Facebook liken wollen. Nur weil ihre Eltern das auch sehen w√ľrden", beklagt sich Sohil, "betrunkene Party-Fotos sehen Mama und Papa schlie√ülich auch." Dass sein Gesch√§ftskonzept nicht unbedingt familienfeiertauglich ist, nimmt er jedoch mit Humor.

Aus einer Bierlaune heraus entstand mit seinen Freunden die Idee, eine Sportkamasutra-App zu programmieren. Schon √∂fter hatten sie √ľber unterschiedliche Gesch√§ftsideen gegr√ľbelt. "Den schwachsinnigsten Einfall wollten wir umsetzen", so der Soziologie-Student. Eine App, die anzeigt, welche Muskelpartien bei bestimmten sexuellen Stellungen beansprucht werden ‚Äď und diese sogar nach Sportarten kategorisiert ‚Äď geh√∂rte definitiv dazu. So am√ľsant die trunkene Idee auch gewesen sein mag, so ernst stellte sich ihre Umsetzung heraus. 

Den Aufwand, eine App zu etablieren, hatten sich die Studenten geringer vorgestellt. "H√§tten wir vorher gewusst, wie stressig das ist, h√§tten wir uns das zweimal √ľberlegt", gesteht der 27-J√§hrige. Denn mit der Gr√ľndung einer Unternehmergesellschaft fing die Arbeit erst an. Um Geld zu sparen, holte sich das achtk√∂pfige Team bei der praktischen Umsetzung keine externe Unterst√ľtzung. W√§hrend ein befreundeter Informatiker die App programmierte, Sohil als nebenberuflicher Fitnesstrainer die Muskelpartien bestimmte und ein Freund die Grafiken und Zeichnungen anfertigte, √ľbersetzten einige Freundinnen die Texte in f√ľnf Sprachen. Seit Oktober ist die App im Google Play Store erh√§ltlich. Ungef√§hr ein Jahr nach dem feuchtfr√∂hlichen Abend.

Rund 3500 Euro haben die Studenten bisher in ihre Sportkamasutra-App investiert. Daran verdient haben sie noch nichts. Auch deshalb hört die Arbeit, insbesondere auf der Marketing-Ebene, nicht auf, worunter mitunter auch das Studium zu leiden habe.

So stressig ist es bei den Heidelberger Ideen noch nicht. Die harte Realit√§t, mit der Sohil zum Teil zu k√§mpfen hat, verweilt hier in Gedankenspielen. Einmal die Woche treffen sich im Campus Bergheim Studenten aller Fachrichtungen, um sogenannte "Ideenrunden" abzuhalten. Hier hat das Brainstormen Struktur. Die Studenten schreiben ihre Ideen auf Zettel und diskutieren diese in Kleingruppen. Im Fokus steht dabei deren Umsetzbarkeit. Welche H√ľrden k√∂nnen auf einen zukommen? Wo liegt noch Recherchebedarf?

"Der Verein selbst f√ľhrt keine Projekte durch", erkl√§rt Vereinsvorsitzender Hendrik. "Es funktioniert leider oft nicht, wirklich in die Tiefe zu gehen." Dennoch steckt hinter dem Verein mehr als der Name suggeriert. Zwei Ausgr√ľndungen gibt es bereits. Obwohl die Heidelberger Ideen erst seit anderthalb Jahren existieren.

"Junge Gr√ľnder brauchen einen Businessplan"

Noch fehlt den Studenten das geeignete Know-how, um Unternehmensgr√ľndungen zu forcieren. Das soll sich √§ndern. "Zurzeit arbeiten wir an Strukturen, damit Ideen auch realisiert werden", so Hendrik. Bisher verstauben die meisten Gedanken im Protokoll. Im kommenden Semester soll in Kooperation mit dem Gr√ľndungsmanagement der Universit√§t Heidelberg ein Gr√ľndungscaf√© entstehen. Dort werden Laien mit Experten zusammenkommen, um ein Netzwerk zu etablieren.

Zu diesem Netzwerk geh√∂rt auch Raoul Haschke. Seit Anfang Dezember ist der Physiker und promovierte Astronom als Gr√ľndungsmanager der Uni t√§tig. Da sein Studium nicht lange zur√ľckliegt, kann er sich noch gut in die Perspektive von Studenten hineinf√ľhlen. Seine Aufgabe ist es, Studenten auf dem Weg in die Selbstst√§ndigkeit zu beraten.

"Angenommen, jemand will von den Einnahmen seines Unternehmens leben und hat eine ungef√§hre Vorstellung davon, wie viel er verdienen will. Sagen wir, 2000 Euro netto im Monat; dann bedeutet es, dass dieser Gr√ľnder 5000 Euro im Monat verdient", erkl√§rt Haschke und erg√§nzt: "Bei drei Leuten im Team sind das Gehaltszahlungen von 15 000 Euro im Monat. Ob diese Summen mit der vorgeschlagenen Idee realisierbar sind, versuche ich mit den Gr√ľndern im Gespr√§ch abzusch√§tzen."

Dar√ľber hinaus informiert er auch √ľber F√∂rderm√∂glichkeiten. Jungunternehmer haben unter anderem die M√∂glichkeit, sich um Stipendien zu bem√ľhen. Dazu geh√∂ren Programme wie "Exist" oder das Landesprogramm "Junge Innovatoren". Mitunter erhalten Unternehmer bis zu 100 000 Euro. Etwas B√ľrokratie mag manche abschrecken, geh√∂rt aber dazu: "Junge Gr√ľnder brauchen einen Businessplan. F√ľr Exist muss man ein Ideenpapier einreichen ‚Äď und das ist schon ein halber Businessplan", bekr√§ftigt Haschke. "Ob es sich lohnt, die Formulare daf√ľr auszuf√ľllen, sch√§tze ich im Gespr√§ch mit erfahrenen Coaches ab."

"Es ist nicht schwer, sich selbstständig zu machen"

Diese Beratung hat Felix Baumeister nicht gebraucht, geh√∂rt hatte er bisher allerdings auch nicht davon. Der 21-J√§hrige hat eine Marktl√ľcke entdeckt: "Im letzten Sommer gab es in Bergheim eine Fahrradauktion. Da fiel mir auf: Nirgends in Heidelberg sonst kann man Fahrr√§der unter 100 Euro kaufen." Im Oktober beschloss er, defekte Fahrr√§der zu erwerben, sie zu reparieren und selbst kosteng√ľnstig wieder zu verkaufen. Die R√§der repariert und lagert er in der Tiefgarage seiner Wohnung. Seine Wohnung sieht er als B√ľro. Als Fahrradspezialist will er sich nicht bezeichnen. "Anfangs konnte ich nur Schl√§uche wechseln und Bremsen einstellen", erkl√§rt er. "Aber viel kann man sich auch √ľbers Internet aneignen."

Die Anmeldung seines Unternehmens war unkompliziert: "Es ist gar nicht so schwer, sich in Deutschland selbstst√§ndig zu machen: Alles, was man braucht, ist ein Personalausweis und eine Idee." Werbung geh√∂rt nat√ľrlich auch dazu: Ein Freund erstellte die Website, seine Facebook-Seite sendete er an Freunde, die ihn wiederum weiterempfahlen. Auch Flyer und Visitenkarten habe er drucken lassen, sowie Kugelschreiber; vieles laufe jedoch durch Mund-zu-Mund-Propaganda.

Untersch√§tzt hatte er anfangs, wie viel Zeit es bedarf, eine Internetseite auf dem Laufenden zu halten. Auch an Garantief√§lle hatte er bei der Anmeldung seines Gewerbes zun√§chst keinen Gedanken verschwendet: "Den Einfall hatte ich erst, als die Leute mit einem kaputten Rad zur√ľck zu mir kamen." Mit so einem hohen finanziellen Aufwand hatte er auch nicht gerechnet. "Ich habe anfangs 20 R√§der gekauft, das ging schon ganz gut ins Geld", gibt Felix zu.

Sein kleines Unternehmen sei relativ leicht mit dem Studium vereinbar und scheint die perfekte Alternative zum Nebenjob: "Die Kunden kommen zu mir, wenn ich Zeit habe. In Pr√ľfungszeiten mache ich weniger, in den Semesterferien mehr f√ľr meinen Fahrradladen. Worauf ich achten muss, ist, dass nicht alles ausverkauft ist." 20 Fahrr√§der hat er schon verkauft, mit seinem Handel macht er bereits Gewinne.

Zu seinem trockenen VWL-Studium sei sein Fahrradhandel ein toller Anreiz, um in die Wirtschaft einzusteigen. "So macht das Studium viel mehr Spa√ü und man lernt auch mal die andere Seite kennen." Er w√ľrde es sich w√ľnschen, dass die Uni junge Leute bei ihren Ideen unterst√ľtzte, gerade VWL-Studenten erleichterte dies das doch sehr praxisferne Studium.

Haschke hat viele Pläne

Auch Sohil h√§tte sich etwas Unterst√ľtzung von der Uni oder ein Netzwerk von weiteren studentischen Jungunternehmern gew√ľnscht. Das Gr√ľndungsmanagement war auch ihm unbekannt. Dass die Uni bei der studentischen Unternehmensgr√ľndung in Heidelberg keine gro√üe Rolle spielt, best√§tigt die Studie "Vom Studenten zum Unternehmer: Welche Universit√§ten bieten die besten Chancen?" von 2011. In dem Ranking belegte Heidelberg von 64 untersuchten Hochschulen Platz 60.

M√∂glicherweise √§ndert sich das bald, denn Haschke hat viele Pl√§ne. Zum einen will er das Gr√ľndungsmanagement in sozialen Netzwerken und mit Hilfe von Plakaten bekannter machen, zum Anderen hat er es sich zur Aufgabe gemacht, die Enterpreneurship-Lehre in Heidelberg auszubauen.

Bisher beschr√§nkt sich das Angebot zum Thema Unternehmensgr√ľndung auf drei Lehrveranstaltungen pro Jahr in drei Studieng√§ngen. "Die Uni sieht ihren Schwerpunkt nicht im Gr√ľnderbereich. Das m√∂chte sie lieber anderen Unis √ľberlassen", erkl√§rt Haschke. Aus seiner Sicht sei es neben der Forschung Aufgabe der Hochschulen, auf den sp√§teren Beruf vorzubereiten: "Existenzgr√ľndung und Selbstst√§ndigkeit ist ein m√∂glicher Karriereweg und da geh√∂rt es an der Uni dazu, M√∂glichkeiten aufzuzeigen und entsprechendes Handwerkszeug mitzugeben."

Das Gr√ľndungscaf√© soll nur ein Weg sein, um dies zu erm√∂glichen. Haschke zeigt sich diesbez√ľglich verhalten optimistisch. Die Grundeinstellung der Uni bez√ľglich des Gr√ľndungsbereichs √§ndere sich zurzeit ein wenig. "Man realisiert, dass es hier auch M√∂glichkeiten gibt, mit Ausgr√ľndungen Geld zu verdienen. Das ist ein langwieriger Prozess. Erfolgreiche Gr√ľndungen helfen dabei, die Unileitung zu √ľberzeugen."

 


Studie: "Vom Studenten zum Unternehmer"

Die vom Bund gef√∂rderte Studie des Lehrstuhls f√ľr Wirtschaftsgeografie und Tourismusforschung der LMU M√ľnchen untersucht alle zwei Jahre die akademische Gr√ľndungsf√∂rderung an deutschen Hochschulen. Die Grundlage des Rankings sind acht Kriterien. Die Universit√§t Heidelberg geh√∂rt zu den Hochschulen mit dem gr√∂√üten Punkteverlust. Die Autoren der Studie bem√§ngelten insbesondere das sp√§rliche Angebot von Lehrveranstaltungen zum Thema Unternehmensgr√ľndung. Zudem beobachteten sie einen r√ľckl√§ufigen Trend bez√ľglich der Kommunikation bestehender Angebote.

von Annika Kasties und Corinna Lenz
   

Archiv StudiLeben 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004