ruprecht-Logo Banner
ruprecht/Schlagloch-doppelkeks-Jubiläum
Am 13.10. feiern wir 25 Jahre ruprecht/Schlagloch und 10 Jahre doppelkeks [...mehr]
ruprecht auf Facebook
Der aktuelle ruprecht
ruprecht vor 10 Jahren
Andere Studizeitungen
ruprechts Liste von Studierendenzeitungen im deutschsprachigen Raum
ruprecht-RSS
ruprecht-Nachrichten per RSS-Feed
 StudiLeben
17.06.2013

Hexenjagd im Netz

In Shitstorms entl√§dt sich kollektive Wut im Internet ‚Äď und trifft oft Unschuldige

Angriff der anonymen Masse: Gegen einen Shitstorm kann sich kaum jemand wehren. / Foto: Jin Jlussi.

In der deutschen Berichterstattung tauchte vor drei Jahren erstmals gehäuft ein Wort auf, das eines der unangenehmsten Internet-Phänomene beschreibt: "Shitstorm".

Gemeint ist eine Welle der Entr√ľstung. Sie geht mit extremen Reaktionen einher und verhindert die sachliche Diskussion. Nicht nur Firmen und Institutionen sind davon betroffen, sondern immer √∂fter auch Privatpersonen. Und obwohl der Name "Shitstorm" zun√§chst harmlos klingt, ist das Ph√§nomen f√ľr Betroffene alles andere als lustig.

F√ľrchten bereits gro√üe Unternehmen wie Nestl√© und Dell die ‚Äď teils begr√ľndeten ‚Äď Shitstorms, so sind vor allem Privatpersonen davon besonders hart getroffen, weil sie alleine kaum eine M√∂glichkeit haben, darauf zu reagieren. Und inzwischen sind bereits eine ganze Reihe von ihnen diesem Problem begegnet. Aktuelles Beispiel ist die ehemalige Dschungelcamp-Teilnehmerin Georgina Fleur, die auf einem Foto vor dem vom Hochwasser √ľberfluteten Heidelberg posierte und damit eine Welle der Entr√ľstung hervorrief. Aber w√§hrend auch sie den Protest selbst provozierte und als halbwegs prominente Person mit einer gewissen Resonanz auf ihr Verhalten rechnen muss, trifft es nicht selten v√∂llig Unschuldige.

Vermeintliche Täter werden zu Opfern

Traurige Ber√ľhmtheit erlangte etwa vergangenes Jahr der Fall der 15-j√§hrigen Amanda Todd, die sich nach jahrelanger Hetze im Internet umbrachte. In ihrem Fall wurde aus einem Shitstorm reines Mobbing. Ihr Fall ersch√ľtterte die Welt, obwohl Cybermobbing beileibe kein Einzelfall ist. Gelegentlich kommt es im Netz sogar zu Aufrufen zur Lynchjustiz, wie etwa bei jenem Emdener Berufssch√ľler, der im Mordfall der 11-j√§hrigen Lena als Verd√§chtiger festgenommen worden war. Im Netz kam es darauf zu einer ganzen Reihe von Drohungen und Mord-Aufrufen, die dazu f√ľhrten, dass er Selbstmord beging. Wenig sp√§ter stellte sich heraus, dass er unschuldig war ‚Äď und der Fall hatte sein zweites Opfer.

Auch die Heidelberger Studentin Sophie Herold hat am eigenen Leib erfahren, was Shitstorm bedeuten kann. Vor zwei Jahren nahm ihr Leben √ľber Nacht eine so unerwartete wie unerfreuliche Wendung. Eines Morgens hatte sie hunderte Freundschaftsanfragen auf ihrer Facebookseite und ebenso viele E-Mail erhalten. "Ich war zun√§chst v√∂llig erstaunt", erkl√§rt die heute 22-J√§hrige. "Dann hat mir eine Freundin den Link zu einem Blog geschickt. Dort hatte jemand einen Link zu meinem Facebookprofil gesetzt. Den habe ich da zum ersten Mal gesehen." Der Blog hetzt √ľbel gegen Homosexuelle. Auch werden Menschen geoutet, deren Familien und Freunde bisher noch nichts von ihrer sexuellen Orientierung wussten. Betrieben wird die Seite von einer Amerikanerin: Sophie Miriam Herold.

"Ich hoffe, du stirbst einen langsamen und schmerzvollen Tod"

Die verh√§ngnisvolle Namens√§hnlichkeit sorgte daf√ľr, dass das Profil der deutschen Sophie Herold mit dem amerikanischen Blog in Verbindung gebracht wurde. Bald geisterte das Ger√ľcht durch das Netz, der Blog stamme in Wahrheit von ihr. Schlagartig traf eine Flut von Nachrichten bei ihr ein. Einige positive von Ultrakonservativen, die ihre vermeintlichen Positionen unterst√ľtzten, die meisten aber negativ, darunter Beleidigungen und sogar Bedrohungen: "Du bist eine dumme Fotze und ich hoffe, du brennst in der H√∂lle", schreibt einer. Ein anderer √§u√üert: "Ich hoffe, du stirbst einen langsamen und schmerzhaften Tod, und dein erstgeborenes Kind lernt nie lesen." Ein weiterer verk√ľndet: "Ich werde dir so sehr die Schei√üe aus dem Leib pr√ľgeln, dass dein Freund weint."
Es offenbart sich die gef√§hrliche Macht, die von der ungez√ľgelten, kollektiven Wut im Netz ausgeht ‚Äď und nun eine Unschuldige trifft.

Weil immer wieder Menschen zum Opfer von Shitstorms werden, gibt es Internetseiten, die sich auf den Schutz dagegen spezialisiert haben. Zum Beispiel soll die Web@ktiv-Versicherung vor Verleumdung, Beleidigung und Rufsch√§digung im Netz sch√ľtzen. Sie hilft den Opfern, Schadensanspr√ľche geltend zu machen und rufsch√§digendes Material zu entfernen. Sie informiert auch √ľber rechtliche Risiken, wie das versehentliche Verletzen von Urheberrechten.

In der allgemeinen Aufregung macht sich niemand die M√ľhe, das haltlose Ger√ľcht zu √ľberpr√ľfen. "Nur wenige haben mich gefragt, ob dieser Blog wirklich von mir stammt", erz√§hlt Herold. Die Welle des Zorns traf sie v√∂llig unvorbereitet. "Ich war zun√§chst v√∂llig geschockt", erz√§hlt sie heute, "Dann bin ich zur Polizei gegangen. Die haben herausgefunden, dass der Link zu meinem Profil auf einem Rechner in Houston, Texas unter den Blog gesetzt wurde. Aber wer genau dahinter steckte, hat man bisher noch nicht herausfinden k√∂nnen."
Ebenso unklar ist, wer wirklich hinter dem homophoben Blog steht. Hat die Verfasserin sich einen Namen als Pseudonym gesucht, ist zuf√§llig auf Sophie Herold gesto√üen und hat einen zweiten Vornamen hinzugef√ľgt? Oder hei√üt sie wirklich so, und jemand ist bei der Suche nach ihrer Identit√§t auf die falsche Sophie Herold gesto√üen? M√∂glicherweise wird das nie gekl√§rt werden.

Inzwischen hat die Mailflut nachgelassen. "Dar√ľber bin ich nat√ľrlich sehr erleichtert", sagt Sophie Herold. In Zukunft will sie noch vorsichtiger als bisher in sozialen Netzwerken unterwegs sein. "Leider ist mein Bild immer noch mit diesem Blog in Verbindung, weil es zwar auf der Seite, auf der es urspr√ľnglich auftauchte, beseitigt, davor aber auch oft kopiert wurde", erkl√§rt sie. "Ganz aus dem Internet l√∂schen wird man es wohl nie k√∂nnen."

von Michael Abschlag
   

Archiv StudiLeben 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004