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 Feuilleton
25.06.2013

Unterhaltsam und tiefgrĂĽndig inszeniert

Die Theatergruppe Vogelfrei spielt Kästners "Schule der Diktatoren"

In diesem Jahr inszeniert die Theatergruppe des Germanistischen Seminars "Die Schule der Diktatoren" von Erich Kästner / Plakat: Theatergruppe Vogelfrei.

In seiner Komödie verarbeitete Kästner seine Erfahrungen mit der nationalsozialistischen Diktatur. Nun wird sie von Vogelfrei, der studentischen Theatergruppe des Germanistischen Seminars, aufgeführt.

Der Staat, den Erich Kästner in seiner „Schule der Diktatoren“ zeichnet, ist eine totalitäre Diktatur, wie sie im Buche steht: Das Volk wird mit Reden und Propaganda bei Laune gehalten, Regimegegner kommen ins Gefängnis oder in Lager oder werden erschossen. Gut geht es dagegen den Schülern der Schule der Diktatoren. Sie genießen ein Leben mit allen Annehmlichkeiten, von Champagner bis hin zu einem Harem willfähriger Prostituierter – „ein Leben wie im Goldfischglas“ wie es einer der Schüler beschreibt. Aber auch dieses Leben hat seinen Preis: Auch von ihnen erwartet man Unterordnung und totalen Gehorsam.

Die Theatergruppe Vogelfrei besteht aus 20 Studenten unterschiedlicher Fachrichtungen, die Freude am Theaterspielen haben, und hat es sich zur Aufgabe gemacht, auch unbekanntere deutschsprachige Stücke aufzuführen; So brachten sie etwa letztes Jahr den Einakter „Anatol“ von Arthur Schnitzler auf die Bühne. Dieses Jahr ist mit der „Schule der Diktatorten“ also eine politische Satire dran, tiefgründig, komisch und mit teils bitterbösem Humor.

Verortet ist sie in einer fiktiven, zeitlich wie räumlich nicht näher bestimmten Diktatur, einer dystopischen Welt, in der das Volk rücksichtslos unterdrückt wird. Völlig kontrollieren aber lässt es sich nicht – immer wieder kommt es zu Attentaten auf den Präsidenten, wie der Diktator genannt wird. Und gelegentlich fällt er ihnen zum Opfer. Deshalb hat man die Schule der Diktatoren ins Leben gerufen, eine Schmiede von Doppelgängern, deren einzige Bestimmung es ist, im Falle eines geglückten Anschlags den Platz ihres Vorgängers einzunehmen. Der ursprüngliche Diktator, in den Jahren der Revolution an die Macht gekommen, ist längst tot, inzwischen „regiert“ sein dritter (später sein vierter) Nachfolger. Darauf trainiert, das Vorbild in Aussehen, Sprache, Gestik und Mimik perfekt zu imitieren, besteht seine Aufgabe darin, vorbereitete Reden zu halten und vorgefertigte Todesurteile zu unterschreiben. Die eigentliche Macht haben andere.

Denn in Wahrheit herrscht eine Clique aus vier skrupellosen Machthabern, bestehend aus Premierministerin, Leibärztin, Kriegsminister und Professor. Mit den Präsidentendarstellern bieten sie dem Volk den Anschein von Kontinuität und zugleich eine jederzeit austauschbare Projektionsfläche für Bewunderung wie für Hass, während sie selbst im Hintergrund unbemerkt die Fäden ziehen. Da der Präsident keine Macht hat, trifft kein Attentat das Regime wirklich. Die vier heimlichen Herrscher haben sich ihren Traum erfüllt: Die (scheinbar) unzerstörbare Diktatur.

Gefahr droht ihr allerdings aus dem Inneren. Denn in der Diktatorenschule befindet sich, von ihnen unbemerkt, ein Idealist, ein Rebell, der das System von Innen heraus zerstören und durch eine Demokratie ersetzten will. Bald hat er, scheint es, Gleichgesinnte um sich versammelt, und auch der von ihm geplante Staatsstreich scheint reibungslos zu funktionieren. Dann aber wenden sich seine vermeintlichen Mitstreiter gegen ihn und ergreifen selbst die Macht. Anstatt dem Volk die Freiheit zu geben, ersetzen sie die alte durch eine neue Gewaltherrschaft.

Der Theatergruppe Vogelfrei gelingt es, das Stück so unterhaltsam wie tiefgründig auf die Bühne zu bringen. Mühelos und leicht verständlich entwickelt sich die komplexe Handlung zwischen Umsturzplänen, halbphilosophischen Betrachtungen im Bordell und den Unterrichtstunden bei dem verrückten Professor, der mit seiner Überdrehtheit im Stil eines Didi Hallervorden nicht unwesentlich zur Komik der Aufführung beiträgt. Bei seiner Premiere am 20. Juni kam das Stück beim Publikum gut an, aufgrund der überzeugenden Schauspiel- und Regieleistung wie wohl auch aufgrund des Improvisationstalents der Theatergruppe, die bei einem plötzlichen Regeneinbruch die Freilichtaufführung kurzerhand nach Innen verlegte. Wer also gut dargebotene und geistvolle Unterhaltung (noch dazu zu studentenfreundlichen Preisen) sucht, der sollte sich die Aufführung nicht entgehen lassen.

 


Weitere AuffĂĽhrungen: 27.06. und 28.06., jeweils um 20 Uhr
Ausweichtermin bei Regen: 30.06.
Ort: KarlstraĂźe 2
Eintritt fĂĽr Studenten: 4 Euro

von Michael Abschlag
   

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