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13.05.2013

Richard Wagners britische Fanbase

Der deutsche Komponist schlechthin wird in Großbritannien von erstaunlich vielen Kennern verehrt. Die BeschĂ€ftigung mit seinem Werk hat hier eine lange Tradition.

„Johohoe!“: Rachel Nicholls als Senta in der Scottish Opera Produktion von Wagners ‚Fliegendem HollĂ€nder‘. / Foto: ames Glossop

Richard Wagner, heißt es, sei typisch deutsch: deutsche Opernstoffe, deutsche Texte und dazu noch Hitlers Lieblingskomponist. Dass solche Klischees in Kulturdingen nur wenig zutreffen, zeigt ein Blick auf Wagners PopularitĂ€t außerhalb des deutschen Sprachraums.

Nur sechs Prozent der Deutschen kennen Richard Wagner nicht. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls eine ‚reprĂ€sentative‘ Umfrage, die der Stern dieser Tage in seiner Online-Ausgabe prĂ€sentiert. WĂ€hrend ich schon an der Richtigkeit dieser Aussage meine Zweifel hege, wundere ich mich beim nĂ€chsten Satz noch mehr. „Etwa die HĂ€lfte der 18- bis 34-JĂ€hrigen“, heißt es, seien laut Umfrage daran interessiert, die Bayreuther Festspiele, das Mekka fĂŒr Wagner-Enthusiasten, zu besuchen. Dabei dachte ich bis jetzt immer, die mir bekannten 18- bis 34-JĂ€hrigen seien unreprĂ€sentativ, weil sie sich tendenziell mehr fĂŒr Wagner interessieren als der Durchschnitt.
Der Anlass fĂŒr die Umfrage ist Wagners Geburtstag, der sich (wie anscheinend 94 Prozent aller Deutschen wissen) dieses Jahr zum 200. Mal jĂ€hrt und mit einer ganzen Reihe von Opernvorstellungen und Konzerten gefeiert wird.

 

Umso tragischer fĂŒr mich, dass ich die HĂ€lfte dieses Jubeljahres in Großbritannien verbringe, wo sich die Wagnerbegeisterung (im Vergleich zur deutschen, statistisch belegten Euphorie) eher in Grenzen hĂ€lt. Dachte ich jedenfalls immer. Im Laufe der letzten Monate bin ich allerdings eines Besseren belehrt worden. Selbst in einer mittleren Großstadt wie Edinburgh gibt es am laufenden Band WagnerauffĂŒhrungen und die Menschen, die ich bei solchen Gelegenheiten kennenlerne, sind grĂ¶ĂŸtenteils enthusiastischer und kenntnisreicher in Sachen Wagner, als ich das jemals von mir selbst behaupten wĂŒrde. Eigentlich nicht verwunderlich, denn der britische Wagnerkult hat eine lange Tradition.

 

Hitlers Lieblingskomponist


Besonders im 18. und 19. Jahrhundert neigten die Briten dazu, ihre Musikikonen aus dem Ausland zu importieren – HĂ€ndel, Haydn und Mendelssohn sind dafĂŒr nur die bekanntesten Beispiele. Wagner fand nach anfĂ€nglichen Schwierigkeiten in Großbritannien einen besonders treuen Verehrerkreis, dessen VermĂ€chtnis noch heute in Wagner Societies und Opernkreisen weiterlebt. Doch auch im dunkelsten Kapitel der Wagnerrezeption gibt es eine englische Komponente. Houston Stewart Chamberlain, einflussreicher Theoretiker des rassisch-motivierten Antisemitismus, wurde zu Wagners posthumem Schwiegersohn und politischen Sachverwalter. Ihm hatte der junge Hitler seine erste Einladung nach Bayreuth zu verdanken. Winifred Wagner, die Frau von Wagners Sohn Siegfried, unter deren Leitung das Bayreuther Festspielhaus zum Haus- und Hoftheater der Nationalsozialisten wurde, war ebenfalls gebĂŒrtige EnglĂ€nderin. WĂ€hrend Wagners Karriere im Dritten Reich in deutschen Diskussionen stĂ€ndig prĂ€sent ist, scheint dem Problem in Großbritannien eine geringere Bedeutung beigemessen zu werden.


Vielleicht sind gerade deshalb Wagners politische Ansichten und seine posthume Verbindung zum Nationalsozialismus zentrale Themen in einem Seminar, das ich an der UniversitĂ€t belege. Meine anfĂ€ngliche Wagner-Überheblichkeit legt sich schnell, als ich bemerke, dass sich meine englischen Kommilitonen teilweise sehr viel besser auskennen und die Diskussionen mĂŒhelos mit obskuren Wagnerzitaten auflockern. Manchmal wundere ich mich, was sie an einem angeblich so ‚deutschen‘ Komponisten wie Wagner so faszinierend finden. Als ich in die Runde frage, sagt Marina, angehende OpernsĂ€ngerin: „Ich finde es interessant, wie ungewöhnlich er fĂŒr die Singstimmen schreibt. Ich glaube uns allen gefĂ€llt sein unglaublicher Orchesterklang“.


Wenn wir im Seminar nicht gerade ĂŒber Hitler, Schopenhauer oder sozialistische BĂŒhnenĂ€sthetik diskutieren, sehen wir uns Wagnerinszenierungen an. Die erste Gelegenheit außerhalb des Kurses bietet sich uns dazu an einem Ort, an dem man Wagner nicht unbedingt vermuten wĂŒrde: dem Kino. Wir besuchen eine ‚AuffĂŒhrung‘ des Parsifal, Wagners letzter Oper, aufgezeichnet am Vorabend in der New Yorker Metropolitan Opera. Die AtmosphĂ€re scheint mir ungezwungen und deshalb typisch undeutsch: das Publikum ist mit Popcorn und Softdrinks bewaffnet und zwischen den drei jeweils etwa eineinhalbstĂŒndigen Akten gibt es halbstĂŒndige Pinkelpausen, die auf der Leinwand von einem Countdown begleitet und jeweils mit einer kinotypischen Werbeorgie beendet werden. Auch wenn das ‚Oper im Kino‘-Konzept mehr junge Leute fĂŒr das Genre begeistern soll – von unserem Kurs abgesehen bemerke ich meist nur Ă€ltere schottische Wagnerianer.

 

"Ich spreche Wagnerisch"


Ein etwas anderes Bild bietet sich im Festival Theatre, in dem wir ein paar Wochen spĂ€ter eine Neuinszenierung einer der ersten Wagneropern, dem Fliegenden HollĂ€nder, sehen. Dass die AuffĂŒhrung von spĂŒrbar mehr jĂŒngeren Menschen besucht wird, liegt vielleicht auch an der PR-Strategie der Scottish Opera, die die Produktion mit dem etwas vereinfachenden Zusatz „only love can set them free“ bewirbt. Anders als in Deutschland, wo Wagner gerne als Steilvorlage fĂŒr exzessive Regietheaterexperimente genutzt wird, ist der HollĂ€nder, den wir an diesem Abend sehen, gemĂ€ĂŸigt modern und wie die meisten britischen Produktionen leichter verdaulich. Das Gewagteste daran ist die Anpassung der nordischen Elemente des StĂŒcks: Die Handlung ist in ein schottisches Fischerdorf verlegt und spielt in den sechziger Jahren; Sentas Geliebter Erik heißt plötzlich George und wird vom JĂ€ger zum anglikanischen Priester.


Doch bei aller ‚Schottifizierung‘: gesungen wird immer noch auf Deutsch. Nicht ohne Grund, denn viele britische Wagnerianer verstehen Deutsch so gut, dass sie den Texten der Opern so mĂŒhelos folgen können wie das bei Wagnertexten ĂŒberhaupt möglich ist. Als ich mich im Wagnerseminar umhöre und Jake, einen der glĂŒhendsten Wagnerverehrer im Kurs, nach seinen Deutschkenntnissen frage, sagt er stolz: „Ich spreche Wagnerisch!“ Daraufhin stellt er sich vor, in Deutschland zu sein und zu versuchen, mit einem auf Wagner beschrĂ€nkten Wortschatz zu flirten – was natĂŒrlich damit endet, dass er von den als „freisliche Maid“ bezeichneten Frauen entweder abgelehnt oder gar nicht erst verstanden wird.

 

"Only love can set them free"


Manchmal scheint mir Wagners Deutsch fĂŒr Muttersprachler eine grĂ¶ĂŸere Sprachbarriere zu sein. FĂŒr Zeilen wie Alberichs Verfluchung der Rheintöchter („Garstig glatter glitschiger Glimmer! ... Nicht fasse noch halt‘ ich das schlecke GeschlĂŒpfer!“) fremdschĂ€me ich mich neben ihrer plumpen Alliterationen wegen vielleicht nur, weil ich sie zu gut und zu wörtlich verstehe. Ein typisches Beispiel fĂŒr den unbekĂŒmmerten Umgang der Briten mit Wagners Texten ist eine Situation, die ich letztes Jahr in Bayreuth miterleben durfte. WĂ€hrend einer der Pausen von Tristan und Isolde saß mir auf einer Parkbank ein englisches Ehepaar gegenĂŒber. Der Mann, in sein Textbuch vertieft, las seiner Frau den Text des folgenden Akts auf Deutsch vor, wobei ich von seiner Aussprache von Wörtern wie „himmelhöchstes WeltentrĂŒcken“ sowohl verstört als auch fasziniert war. Offenbar verstanden beide Deutsch so gut, dass es Sinn machte, den Text im Original zu lesen. Als die Frau gelegentlich nach der Bedeutung von AusdrĂŒcken wie „der Welten-Ehren Tages-Sonne“ fragte, erwiderte ihr Mann, ebenso ratlos wie sie (und ich): „Forget about the meaning, it‘s about how it sounds.“


Auch wenn wahrscheinlich mehr als sechs Prozent der Briten noch nie in ihrem Leben von Richard Wagner gehört haben, ist das Interesse fĂŒr sein Werk unter Kulturinteressierten groß und hat eine lange Tradition. Wie vereinfachend und oft schlichtweg falsch das Bild von Wagner als dem typisch deutschen und auf Deutschland beschrĂ€nkten Komponisten ist, wird einem bei AuffĂŒhrungen und GesprĂ€chen hier immer wieder bewusst. Obwohl Wagners Opern in ihrer Sprache und Stoffwahl ‚deutscher‘ wirken als viele andere, erweisen sie sich trotzdem als erstaunlich anpassungsfĂ€hig und grenzĂŒberschreitend.      


Ohne den rezeptionsgeschichtlichen Ballast wird Wagner, scheint mir, im Ausland begeisterter und unvoreingenommener wahrgenommen als in Deutschland selbst. Aber vielleicht trĂŒgt der Eindruck bloß, und die Deutschen entdecken ihre Liebe zu Wagner neu. Laut Stern-Umfrage erklĂ€ren jedenfalls 37 Prozent „sie hĂ€tten durchaus Interesse daran, sich weiter mit Richard Wagner und dessen Werk“ beschĂ€ftigen zu wollen. Dabei könnten sie sich ein Beispiel an den Briten nehmen.

von Tim Sommer aus Edinburgh, Schottland
   

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