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 Feuilleton
10.05.2007

Da Terror auf dem Programm steht, ist Terror das Programm

Das Gastst√ľck des Oldenburger Staatstheaters "Terrorprogramm" beim Heidelberger St√ľckemarkt

Was haben ein trostloser aber erfolgreicher Gesch√§ftsmann, zwei langj√§hrige Freundinnen und eine Otto-Normal-Verbraucher-Familie gemeinsam? Auf den ersten Blick eigentlich nichts, und doch bringt sie Marc Becker vom Oldenburgischen Staatstheater in seiner neuesten Inszenierung ‚ÄěTerrorprogramm‚Äú beim Heidelberger St√ľckemarkt unter einen Hut.

Die Leben dieser drei Beispielakteure bieten die Plattform f√ľr den Inhalt des St√ľcks: Terror in den verschiedensten Formen steht auf dem Programm. Doch hat jeder Charakter mit seinem eigenen, pers√∂nlichen Terror zu k√§mpfen. Das Terrorprogramm beginnt mit einer dem Terror klassisch assoziierten Szene, der Geiselnahme des reichen Gesch√§ftsmanns Herrn Pinsel.

 

 

Weiter geht es mit den zwei Freundinnen Emma und Ines. Emma, vollauf begeistert von ihrem gro√üen Idol Margarethe Jobst, terrorisiert Ines diese Lebensform ebenfalls zu verwirklichen. Ines hingegen wirkt zun√§chst, als ob sie dieses kommunistisch-angelehnte Lebensideal ablehnen w√ľrde. Doch verr√§t sie sich, indem sie die Kultur ihrer, in ihrer K√ľche lebenden, aus einem Camembert entstandenen K√§semenschen, in den Himmel lobt: ‚ÄěAlles geh√∂rt allen, jeder hilft jedem, jeder einzelne hat seine Aufgabe, ob als Industriearbeiter oder als Bauer.‚Äú

Die drei f√ľr den Beispiel-Terror ausgew√§hlten Szenen, sowie der zwischen den Szenen auftretende Sprecher, stellen den normalen Alltag, so wie der Zuschauer ihn erwarten w√ľrde, auf den Kopf. Anschaulichstes Beispiel ist die ‚Äěspie√üige‚Äú Familie Stolzenberger der dritten Szene: Mutter und Vater Stolzenberger sind ein ehemaliges Bankraub√ľberfall-Team, das ihren Kindern zum Geburtstag ihre ehemalige Bankraub√ľberfallpistole sowie massenweise gef√§lschte Ausweise schenkt. Sohn Jonas, ein christlich angehauchter Revolution√§r, der nach zwei Jahren Untergrundarbeit f√ľr kurze Zeit wieder nach Hause zur√ľckkehrt, und Tochter Pia, die im absoluten Einverst√§ndnis der Eltern als Prostituierte arbeitet, und die, nach Meinung der Eltern, auf keinen Fall ein Soziologiestudium beginnen sollte. Als Jonas der Zugang zu der Kiste Plutonium, die seine Mutter versteckt h√§lt, verwehrt wird, bezeichnet er seine Eltern kurzerhand als Spie√üer. Liegt die wahre Keimzelle des Terrors also doch dort, wo sie am wenigsten vermutet wird, in der gut beh√ľteten Familie? Eine Frage, die nicht konkret beantwortet wird, jedoch viel Potenzial zum Selbst-Nachdenken hergibt. Gelungen in der Familien-Szene ist, neben den vor Ironie strotzenden Dialogen, das B√ľhnenbild. Wie in den anderen Szenen auch, spiegelt es die Statik, oder die Dynamik, die mit dem Rollen-Model RAF verbunden wird, eingehend wieder.

Vom Zuschauer wollen die Charaktere Bestätigung erfahren, wollen sich rechtfertigen oder rufen um Hilfe, wenn der Terror zu groß wird. Der Zuschauer darf sich nie sicher sein, gleich angesprochen zu werden und Teil des Terrors zu werden, bzw. diesen zu bewerten.

Man merkt, dass Marc Becker Theaterwissenschaft, Politik und Literatur studiert hat. Ungewöhnlich gewöhnlich gestaltet er die schauspielerische Umsetzung, arbeitet das Thema gesellschaftlich auf, ohne dabei ins Extreme zu geraten und begeistert vor allem mit ausgefeilter, drastisch direkter Sprache.

Obwohl das Thema RAF und dessen Verarbeitung schon fast erschöpft ist und immer wieder ausgiebig im Mittelpunkt des Interesses stand und steht, schafft er es die Frage, warum die RAF heute immer noch eine so große Anziehungskraft hat, zu beantworten. In jeder Szene einzeln.

Dabei versucht er nicht einem historisch-kritischen Anspruch gerecht zu werden, sondern setzt das Phänomen und den Mythos RAF gelungen auf eine abstraktere Ebene um und gibt ihr gleichzeitig ein neues Gesicht.

Witzig, aber nicht flapsig, geistreich, aber nicht belehrend, und pointiert, gestaltet Becker die Dialoge, deren perfekt abgestimmte Ironie nicht zu steigern ist. Er schafft es in die Tiefe zu gehen und das St√ľck auf eine urkomische und gleichhaft ernsthafte Weise zu inszenieren. Herzlich Willkommen im Terrorprogramm!

von Susanne Reinig
   

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