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 Heidelberg
28.04.2009

Historie: Wohnen im Schlosshotel

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten in Heidelberg, exponierte Gebäude im Zustand des Verfalls zu belassen. Neben einem prägenden Bauwerk in Schlossnähe steht jedoch seit einigen Wochen ein Baukran.

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten in Heidelberg, exponierte Gebäude im Zustand des Verfalls zu belassen. Neben einem prägenden Bauwerk in Schlossnähe steht jedoch seit einigen Wochen ein Baukran. Der Würfel mit der breiten Fensterfront ist das ehemalige Schlosshotel, dessen Umbau möglicherweise der Beginn eines neuen Kapitels seiner einst glanzvollen Geschichte ist – oder die Fortsetzung seines stetigen baulichen Niedergangs.

Man sieht dem Schlosshotel heute nicht an, dass es sich um die beste Adresse der Gründerzeit handelte, als es 1875 öffnete. Unter anderem stiegen Kaiserin Elisabeth von Österreich – Sissi – und Richard Wagner hier ab. Ein anderer Besucher beschreibt seine Vorzüge so: „Dieses Hotel hatte (...) eine Folge von verglasten Salons an der Außenseite des Hauses (...). Diese sind wie lange und schmale Vogelkäfige mit hohen Decken.“ Den Autor dieser Zeilen, Mark Twain, begeisterte die Aussicht und die Gegend so sehr, dass er fast drei Monate in Heidelberg blieb – der längste Aufenthalt auf seiner Europareise.

Die „Vogelkäfige aus Glas“ verschwanden bei einer Modernisierung in den zwanziger Jahren. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte das Schlosshotel seine größte Zeit schon hinter sich: Im Ersten Weltkrieg diente es als Lazarett. Nach 1945 nahmen die amerikanischen Truppen das Gebäude im Beschlag und schließlich verwandelte es sich in ein Studentenwohnheim.

Abgesehen von den großzügigen Ausmaßen der Zimmer erinnerte das Hotel immer weniger an den Luxus vergangener Zeiten: Vor zwanzig Jahren erklärte die Uni das Gebäude als baufällig. Seit 2000 steht es leer. Die Besetzung durch das Autonome Zentrum im Exit 2004 blieb eine Episode. Dem Abriss entkam es nur, weil der Eigner, das Land Baden-Württemberg, die Gebäude in bester Lage verkaufen wollte. Nachdem etliche Investoren absprangen, griff die Hochtief-Construction AG zu.

Nun entstehen dort Eigentumswohnungen, deren Quadratmeterpreis laut Rhein-Neckar-Zeitung rund 6.000 Euro beträgt. Die Umbauten sollen den gewohnten Anblick nicht stören, versprachen die Architekten. Im Inneren wird jedoch nichts mehr wie zu Twains Zeiten aussehen: Das Gebäude wird vollständig entkernt.

von Gabriel Neumann
   

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