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28.12.2009

Ein chilenischer Berlusconi?

Multimillion√§r Sebasti√°n Pi√Īera will chilenischer Pr√§sident werden

Obwohl die Wahlplakate vor drei Tagen abgeh√§ngt werden mussten, l√§chelt Sebasti√°n Pi√Īera noch alle 100 Meter im Gro√üformat von den H√§userw√§nden. Der Kandidat der rechten oppositionellen "Koalition f√ľr den Wechsel" kann es sich leisten.

Auf dem Weg zu einem Wahllokal in der Kommune Recoleta, im Norden der Hauptstadt Santiago de Chile, Pr√§sidentschaftswahlsonntag. Obwohl die Wahlplakate vor drei Tagen abgeh√§ngt werden mussten, l√§chelt Sebasti√°n Pi√Īera noch alle 100 Meter im Gro√üformat von den H√§userw√§nden.

Der Kandidat des rechten oppositionellen Parteienb√ľndnis "Koalition f√ľr den Wechsel" kann es sich leisten, die daf√ľr f√§llige Strafe von rund 1000 Euro pro Plakat zu zahlen. Sebasti√°n Pi√Īera ist Multimillion√§r, einflussreicher Gesch√§ftsmann, beteiligt an einem Fernsehsender, dem beliebten Fu√üballclub Colo-Colo und der Fluggesellschaft LAN, die eine Monopolstellung im chilenischen Luftraum innehat. In den Wahlkampfwochen sind seine Werbeaktionen omnipr√§sent.

Seine Plakate pflastern die zentralen Pl√§tze der chilenischen Orte und lassen nicht einmal zwei Meter Platz zwischen den Stellw√§nden. Bereits vor der Wahl ist klar, dass Pi√Īera es auf jeden Fall in die zweite Runde im Januar schaffen wird, falls keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit erreicht. Der Politiker der Partei "Nationale Erneuerung" verspricht eine Million neue Arbeitspl√§tze und will ‚Äď so steht es in seiner Wahlwerbung ‚Äď "das Fest der Kriminellen und Drogenh√§ndler beenden", sowie Inkompetenz und Korruption in seiner Regierung nicht tolerieren. Das kommt an.

Auch bei José, der im Wahllokal der Schule "Liceo Industrial" im Norden Santiagos seine Stimme abgegeben hat. Nun wartet er vor dem Klassenzimmer 107 auf seinen Sohn, der zum ersten Mal wählt. "Heutzutage gibt es in Chile viel mehr Korruption als noch vor ein paar Jahren", sagt er. Der 55-Jährige schaut dabei vom Geländer des dritten Stockwerks auf das Treiben im Schulhof hinab.

Er hat lange im Ausland gelebt: Brasilien, Argentinien und einigen afrikanischen L√§ndern: "Ohne Kohle geht da gar nichts", sagt er. Mittlerweile habe er diesen Eindruck auch immer mehr hier in seinem Land. "Viele Dinge sind einfach schlecht organisiert, ein Wechsel ist unbedingt notwendig", f√ľgt Jos√© hinzu und spielt damit auf den Wechsel ins rechten Lager an, der "Koalition f√ľr den Wechsel".

Die ersten Tische in den Wahllokalen schließen.

Der Fernsehsender Chilevisi√≥n √ľbertr√§gt live aus dem Wahllokal des Estadio Nacional, wo die ersten Stimmen ausgez√§hlt werden. An diesem geschichtstr√§chtigen Ort, der nach dem Milit√§rputsch 1973 einige Monate als Internierungslager gedient hat, faltet eine Wahlhelferin die Stimmzettel auf, eine andere liest laut vor. Beide sind dabei von einer Traube aus Menschen und Mikrophonen umringt. Jeder Name wird von den Umstehenden kommentiert. Bei Stimmen f√ľr den rechtskonservativen Kandidaten Pi√Īera jubeln die anwesenden W√§hler am st√§rksten. Auf den Fernsehbildschirmen l√§uft interaktiv mit, welcher der vier Kandidaten wieviele Stimmen hat.

Die Zahlen bewegen sich im Bereich zwischen 8 und 80. Auch auf anderen chilenischen Kan√§len k√∂nnen die Einwohner in Echtzeit mitverfolgen, wie sich die Stimmanteile entwickeln. Obwohl diese Ergebnisse nicht repr√§sentativ sind, liegt der 60-j√§hrige Unternehmer Pi√Īera bei den ersten Hochrechnungen einige Stunden sp√§ter deutlich vorne.

Mit letztendlich rund 44 Prozent hat sich Pi√Īera f√ľr die stattfindende Stichwahl gegen Eduardo Frei am 17. Januar eine gute Ausgangsposition. Frei f√ľhrte von 1994 bis 2000 schon einmal eine Regierung des Vier-Parteien-B√ľndnisses aus Christdemokraten und Sozialisten an. Die Concertaci√≥n stellt seit dem Ende der Diktatur Augusto Pinochets vor 20 Jahren die Regierung. Zuletzt mit Pr√§sidentin Michelle Bachelet, die zwar in Umfragen eine sehr hohe Beliebtheit im Volk besitzt, aber nach chilenischem Wahlrecht erst nach einer Legistaturperiode Pause wieder antreten darf.

Obwohl die drei geschlagenen Kandidaten Jorge Arrate und Marco Enriquez-Ominami wie Eduardo Frei alle links der Mitte zuzuordnen sind, k√∂nnten gerade W√§hler des mit 20 Prozent Drittplatzierten Ominami zu Pi√Īera wandern.

Der Wahlkampf des erst 36-jährigen charismatischen Marco Enriquez-Ominami stand unter dem Motto "Veränderung". Er will die Reformen, die Bachelet in ihrer Amtzeit nich umsezen konnte weiter vorantreiben.

"ME-O", wie er kurz genannt wird, ist als unabh√§ngiger Kandidat angetreten, nachdem die "Concertaci√≥n", die "Koalition der Parteien f√ľr Demokratie", ohne Vorwahl Eduardo Frei als gemeinsamen Pr√§sidentschaftskandidaten bestimmt hatte.

Der Sohn des einstigen Anf√ľhrers der marxistisch-leninistischen Revolutionsbewegung Miguel Enr√≠quez, der 1974 w√§hrend der Milit√§rdiktatur umgebracht wurde kam aus dem Nichts und begeisterte das Land. Bei Wahlkampfveranstaltungen feierten seine Anh√§nger den jungen Ominami wie einen Popstar. K√ľsse flogen ihm zu, jeder wollte ihn anfassen. Auf Wahlplakaten streicht er sich l√§ssig das Haar aus der Stirn.

Mit eben dieser Handbewegung √ľbersetzen auch die Geh√∂rlosendolmetscher im Fernsehen seinen Namen. In seiner Rede am Sonntagabend gibt Ominami keine Empfehlung zur Stimmabgabe f√ľr die zweite Runde. Eine Ver√§nderung gebe es seiner Meinung nach mit beiden verbliebenen Kandidaten nicht.

Montag nach der Wahl ‚Äď Nachbereitung.

Chilenische Zeitungen schreiben vom Triumph Sebasti√°n Pi√Īeras, deutsche Zeitungen von einem Rechtsruck und einem chilenischen Silvio Berlusconi. "Ich glaube weder daran, dass ein Rechtsruck stattfindet, noch dass Chile einen Berlusconi bekommt", meint der chilenische Politikwissenschaftler Raimundo Heredia von der Universidad de Chile. Sein Fachgebiet sind die Politischen Systeme Lateinamerikas. W√§hrend der Semesterferien kann er sich nun ausgiebig mit den Wahlen besch√§ftigen. "Pi√Īera hat schon immer auf eine W√§hlerschaft im konservativen Zentrum gesetzt", berichtet er. Radikale Umbr√ľche seien Heredia zufolge schon allein deshalb nicht m√∂glich, weil das rechte Lager daf√ľr keine Mehrheiten in den beiden Kammern des chilenischen Parlaments besitzt. Es gilt, wie so oft, die Konsenssuche.

Einen Konsens zwischen den Generationen zu finden ist schwierig. W√§hrend die Eltern sich f√ľr Pi√Īera begeistern, kritisiert die 28-J√§hrige Carolina dessen N√§he zu Politikern, die bereits zu Zeiten der Diktatur aktiv waren. "Er gibt vor, ein Pr√§sident aller zu sein, doch die gro√üe Ungleichheit, die in Chile zwischen Arm und Reich herrschen, wird er nicht verringern", sagt die Anglistikstudentin und bewegt auf dem Sofa sitzend mit dem Fu√ü die Babywippe ihres zehn Wochen alten Sohnes. An der Wand hinter ihr h√§ngt ein schwarz-wei√ües Gem√§lde eines befreundeten K√ľnstlers. Es zeigt das zerbombte Regierungsgeb√§ude 1973 w√§hrend des Milit√§rputsches gegen den damals amtierenden sozialistischen Staatschef Salvador Allende.

Carolina wollte w√§hlen, war auf dem Amt, um sich registrieren zu lassen. Doch da ihr Personalausweis vor einige Wochen samt Geldbeutel gestohlen wurde, weigerten sich die Beamten. Ihr Freund Emilio ist Anfang 30 und h√§tte schon bei drei Pr√§sidentschaftswahlen w√§hlen k√∂nnen. Doch erst 2009 gab er erstmals seine Stimme ab. Damit liegt er im Trend: Nur etwa ein F√ľnftel der Chilenen unter 30 Jahren lassen sich zur Wahl √ľberhaupt registrieren. Sie scheuen die langen Schlangen vor den Wahllokalen, in denen sie oft bis zu zwei Stunden in sommerlicher Hitze von mehr als 30 Grad ausharren m√ľssen.

Sie sind aber vor allem genervt von der chilenischen Wahlpflicht. Hat man sich einmal zur Wahl registrieren lassen, ist man verpflichtet, bei jeder k√ľnftigen Wahl sein Kreuz zu machen oder auf Anfrage als Wahlsch√∂ffe zu helfen. Wenn keine besonderen Gr√ľnde, wie Auslandsaufenthalte, den Wahlgang verhindern, droht ein Bu√ügeld in einer H√∂he von umgerechnet rund 50 Euro. "Das ist zwar auch f√ľr die Mehrheit der Chilenen noch kein Verm√∂gen, aber diese Einschr√§nkung und Kontrolle st√∂rt die Jugend am Wahlsystem", meint Emilio.

Im September hat er sich dennoch registrieren lassen. Bei der Wahl hat er f√ľr Ominami gestimmt, wegen dessen Ideen und dessen Zuversicht ‚Äď und weil Emilio verhindern will, dass die Rechte an die Regierung kommt. Vielleicht aber auch deswegen, weil sich seine Lebensumst√§nde ge√§ndert haben: Zwei Wochen nach seiner Registrierung kam sein Sohn Salvador zur Welt.

Tag zwei nach der Wahl auf dem "Vega", den Markthallen Santiagos, Alltag.

Zwischen dem Geruch von rohem Fleisch und frischem Fisch und den leuchtenden Farben der Erdbeeren und Zitronen dr√§ngen sich die Menschen in der Mittagszeit zu den Essensst√§nden. Hier gibt es f√ľr wenig Geld "Completos", die chilenischen Hotdogs, oder "Pastel de Choclo", einen Mais-Fleisch-Auflauf.

Auf der einen Seite des Durchgangs stehen Tische und St√ľhle auf zwei Ebenen, auf der anderen wird geschnitten und gebrutzelt. Man kann dem Koch Ren√© im Vorbeigehen direkt in den Topf schauen. Er ist 74 Jahre alt und arbeitetet seit fast 50 Jahren in seinem Familienbetrieb t√§glich bis zu elf Stunden. Nur am Montag etwas weniger. Nat√ľrlich war er zusammen mit seiner Frau, den Kindern und Enkelkindern w√§hlen. "Ich sehe die Leute hier jeden Tag durchlaufen. Auch wenn wir im Vergleich zu unseren Nachbarl√§ndern gut entwickelt sind, gibt es viel Armut. Sehr viel Armut", sagt er. Diese k√∂nne man nur bek√§mpfen, wenn man das schlechte Bildungssystem verbessere und dem Drogenhandel und der Kriminalit√§t entschlossen entgegentrete.

Daher hat er Sebasti√°n Pi√Īera gew√§hlt und wird es auch bei der Stichwahl tun. "Die Concertaci√≥n war nun 20 Jahre lang an der Regierung. Die Linke hat einfach keine Ideen mehr, sondern wiederholt sich st√§ndig", begr√ľndet er. Von Eduardo Frei, dem zweiten Kandidaten der Stichwahl im Januar, spricht hier in diesen Tagen keiner.

von Stefanie Fetz
   

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