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 Hochschule
18.06.2009

Die "Freie Universität Heidelberg"

Innenansichten aus der besetzten Alten Universität

Die handgemalten Plakate sind ein seltsamer Kontrast zur ehrw√ľrdigen Fassade der Alten Universit√§t. Auch innerhalb des Geb√§udes spielt sich Ungew√∂hnliches ab: Die Besetzer f√ľhlen sich hier wie zuhause, diskutieren, organisieren - und putzen.



Die handgemalten Plakate sind ein seltsamer Kontrast zur ehrw√ľrdigen Fassade der Alten Universit√§t. Auch innerhalb des Geb√§udes spielt sich Ungew√∂hnliches ab: Die Besetzer f√ľhlen sich hier wie zuhause, diskutieren, organisieren - und putzen.

Die Fassade der Alten Universit√§t ist mit Spruchb√§ndern gepflastert. Vor dem Eingang stehen zwei Tische, zwischen denen sich jeder durchzw√§ngen muss, der ins Innere will. Nicht weil die Tische eng beieinanderstehen, sondern ein andauerndes Kommen und Gehen herrscht. Der Uniplatz ist gegen 18 Uhr von etwa 50 Studenten bev√∂lkert, die sich neueste Nachrichten erz√§hlen oder √ľber die Themen im gro√üen Plenum austauschen, das bereits den ganzen Tag √ľber im Senatssaal tagt.

Von einem Pulk umringt steht Philosophie-Professor Andreas Kemmerling. Auch sein Institut ist besetzt und hatte am Morgen einige fachfremde Magisterkandidaten beherbergt. Diese waren am Donnerstag morgen gegen acht Uhr vor der Alten Universit√§t aufgetaucht, um dort die Pr√ľfung abzulegen.Weder Rektorat noch die zentrale Universit√§tsverwaltung hatte ihnen Bescheid gesagt, dass ihr Pr√ľfungsraum der Senatssaal der Alten Uni besetzt ist, geschweige denn eine Ausweichm√∂glichkeit organisiert.

Gut organisiert

Schnell hatten die Streikenden daf√ľr gesorgt, dass die Pr√ľfungen im Philosophischen Institut stattfinden konnten. Nach absolvierter Pr√ľfung befragten die Streikenden, ob die Bedingungen f√ľr die Pr√ľfling in Ordnung gewesen seien. Den "Aktivisten", so nennen sich viele, zufolge habe sich keiner √ľber den spontanen Umzug beschwert. Im Gegenteil h√§tten einige sogar die Besetzung begr√ľ√üt.

√úberhaupt sind die Besetzer gut organisiert. In der Alten Uni fegen Putzkolonnen regelm√§√üig den Boden oder r√§umen M√ľll einiger Besucher weg, die weniger Disziplin an den Tag legen. Man achtet auf Sauberkeit. Schlie√ülich will keiner Rektor Bernhard Eitel unn√∂tige Angriffsfl√§che bieten oder gar durch Vandalismus auffallen. Wie auch immer die Besetzung ausgeht - Eitel wird seinen Amtssitz besenrein zur√ľckbekommen.

"Bitte keine Fotos mehr"

Über dem Eingang ergänzt ein Banner "Freie" den alten Schriftzug "Universität Heidelberg". Dahinter ist das Kunstgebilde der beiden stilisierten Tore mit den Lettern "Semper Apertus" - immer offen - zu Litfaßsäule umfunktioniert. An den Stahlstreben sind schwarz-weiße Fotoausdrucke Bilder von der Demonstration am Mittwoch mit Tesafilm befestigt.

Und wirklich ist die Alte Universit√§t derzeit immer offen. Auch die Fl√ľgelt√ľren zum Alten Senatssaal, wo fast alle Sitzungen unter Ausschluss der √Ėffentlichkeit stattfinden, stehen sperrangelweit offen.

Darin tagt das gro√üe Plenum, das nicht nur den Forderungskatalog diskutiert, sondern alle Entscheidungen, wie Rauchverbot, Putzdienst oder auch den Umgang mit der Presse basisdemokratisch beschlie√üt. So entschied dieses Gremium auch, dass ab Donnerstag 19 Uhr im Inneren der Alten Uni das Fotografieren untersagt ist. Grund daf√ľr sind die Bedenken einer Beraterin des linken Rechtshilfevereins "Rote Hilfe". Da die Besetzung illegal ist, k√∂nnten von der Presse fotografierte Personen sp√§ter identifiziert und f√ľr die Beteiligung an der Aktion zur Rechenschaft gezogen werden.

H√§nde sch√ľtteln statt Dazwischenrufen


Auch im Plenum herrscht ein Kommen und Gehen. Jeder darf sich zu Wort melden und hat bei Entscheidungen eine Stimme. Doch auch hier haben sich die Streikenden ein strenges Reglement auferlegt. Wer etwas sagen will, muss sich melden und kommt auf eine Redeliste, die nacheinander abgearbeitet wird.

Um Atmosph√§re und Lautst√§rke der Diskussion ruhig zu halten, d√ľrfen die Teilnehmer ihre Zustimmung oder Ablehnung nicht mit Zwischenrufen, sondern per Handzeichen ausdr√ľcken. Dabei kommt es f√ľr Neuank√∂mmlinge im Plenum zu bizarr anmutenden Szenen. W√§hrend einer Rede fangen etliche Zuh√∂rer pl√∂tzlich mit erhobenen H√§nden zu wackeln (Zustimmung) oder sie sch√ľtteln sie mit gesenkten Armen vom K√∂rper weg (Ablehnung). Doch das System funktioniert. Die "Zurufe" per lautloser Kommunikation sind zahlreich und die Redner reagieren auch darauf - besonders die Zuh√∂rer beide H√§nde √ľbereinanderrollen und so "Du wiederholst Dich" signalisieren.

Barrikaden gibt es nur drinnen

Trotzdem sind die Diskussionen lang, aber nicht ineffektiv. Alle versuchen einen m√∂glichst breiten Konsens zu finden, schlagen Formulierungen f√ľr den Forderungskatalog vor. Wer ersch√∂pft ist, verl√§sst den Saal und bedient sich am aufgebauten Buffet im Vorraum, dass zum Teil die Streikenden selbst gekauft haben, aber auch Sympathisanten spendeten.

Im ersten Stock, wo sich mit der "Bel Etage" die Empfangsr√§ume des Rektors und die Alte Aula befinden, h√§ngt ein etwa zehn Meter langes gelbes Transparent. Die T√ľr zur "Bel-Etage" und der Zugang zur Alten Aula sind mit massiven Tischen blockiert.

Zeltlager Alte Uni

Schlafs√§cke, Isomatten, Pullover, Handtaschen, Lebensmittel und Wasserflaschen liegen auf den G√§ngen, wo 50 Streikende die Nacht verbracht hatten. Erinnerungen ans Zeltlager kommen in den Sinn. Nur dass man selten auf den Steinb√∂den eines mehrere hundert Jahre alten Geb√§udes √ľbernachtet.

Am Eingang des Rektorats im zweiten Stock ist die Linse der √úberwachungskamera ist mit einem Bildungsstreik-Aufkleber blind gemacht worden. Ein langer Tisch und ein hochkant stehender Aktenschrank blockiert die T√ľr. Da der Rektor am Mittwoch sein Amtszimmer √ľber eine Feuerleiter verlie√ü, wollten die Streikenden alle R√§ume blockieren, durch die ungebetene G√§ste von au√üen ins Geb√§ude eindringen k√∂nnten.

Im Senatssaal diskutiert das Plenum gerade die letzte Fassung des Forderungskataloges, der m√∂glichst bald an die Presse gehen soll. Eine Wortmeldung, ob man diese Diskussion nicht verschieden k√∂nne, weil andere Punkt wichtig sind. Viele quittieren diese mit hefigem H√§ndesch√ľtteln vom K√∂rper weg.

Die Diskussion geht weiter.

von Reinhard Lask
   

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