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 Heidelberg
30.06.2009

Dem umnebelten Geist

Die Ausstellung "Intermedia 69|2009" zeichnet das Bild einer politisierten Zeit. Welches Licht das auf die aktuelle Studenten-Generation werfen könnte, gingen Maximilian Oehl und Max Mayer nach.

Die Ausstellung "Intermedia 69|2009" zeichnet das Bild einer politisierten Zeit. Welches Licht das auf die die aktuelle Studenten-Generation werfen könnte, gingen Maximilian Oehl und Max Mayer nach.

Laut skandierend ziehen die Studenten am Bismarckplatz vorbei und biegen in die Hauptstra√üe ein. Wie gew√∂hnlich kommt es zu Ausschreitungen, die Polizei setzt Wasserwerfer ein. Im Hintergrund leuchtet das Wei√ü der Planen, in die der K√ľnstler Christo das DAI geh√ľllt hat. Es steht nach wie vor unter st√§ndiger polizeilicher Bewachung. Im Dunst des Tr√§nengases geht ein junger Mann zu Boden, die Nase von einem Gummikn√ľppel zertr√ľmmert. Die Stimmung in Heidelberg ist hochexplosiv.

Heidelberg im Bildungsstreik? Eine spontane Assoziation, die nahe liegt, aber freilich nicht zutrifft. Die beschriebenen Szenen entstammen einer anderen Zeit. Die Ausstellung Intermedia 69|2009 im Heidelberger Kunstverein transportiert in ihren Exponaten die Atmosph√§re des Jahres 1969 in die Gegenwart. Die R√ľckschau pr√§sentiert das gleichnamige Fluxus-Festival und Happening aus dem Jahr 1969, das Klaus Staeck und Jochen Goetze inmitten des damaligen politisch und gesellschaftlich aufgeladenen Zeitgeistes initiiert und inszeniert hatten.

An dem dreit√§gigen Fluxus-Festival hatten sich 80 internationale K√ľnstler beteiligt. Es sollte einen Gegenpol zu einer Ausstellung im Heidelberger Kunstverein bilden, in der dessen damaliger konservativer Vorstand ein Spektrum seiner Auffassung nach zeitgen√∂ssischer Kunst pr√§sentieren wollte. Die Aktionskunstbewegung Fluxus hatte es sich indessen zur Aufgabe gemacht, den klassischen Kunstbegriff in Frage zu stellen und einen Neuen zu definieren. Die sch√∂pferische Idee wurde in den Mittelpunkt des Kunstschaffens ger√ľckt, alles konnte als Form k√ľnstlerischen Ausdrucks dienen. Die alte Bindung von Kunstwerken an gegenst√§ndliche Formen war aufgel√∂st. In den Augen der K√ľnstler verschmolz vor dem Hintergrund von Massenkommunikation und -konsum das Leben mit der Kunst und die Kunst mit dem Leben.

Von den linken Studenten als gem√§√üigte, unpolitische Kunst verschrien und vom B√ľrgertum und den ‚Äěkonservativen Studentenverb√§nden‚Äú als unsinnig abgetan, war das Spektakel wie ein Keil zwischen die verh√§rteten Fronten gefahren und hatte sie gleichwohl in ihrer Acht vereint.

Entsprechend gespalten pr√§sentiert sich die heutige Ausstellung im Kunstverein. Im Eingangsbereich h√§ngen Fotografien des lieblichen Heidelbergs der 60er Jahre, die Hauptstra√üe mit ihren Gesch√§ften dient als Symbol f√ľr das konservative B√ľrgertum. Auf der gegen√ľberliegenden Seite des Ausstellungsraums braust, auf gro√üformatigen Fotographien und in Kampfschriften dokumentiert, der radikale Protest der Studierenden auf. In diesem Milieu trifft die Kunst mit ihren zahlreichen Originalexponaten des Festivals wie den in Polyester getauchten Grasb√ľscheln, dem Diktatoren-Trinkbecher oder Flugbl√§ttern ihre ureigene Aussage. Ein Film bleibt besonders in Erinnerung: Er zeigt einen Mann an einem Tisch der wankt und sich √ľbergibt, zu betrunken, um seine Utopien zu √§u√üern.

Wie steht es um unsere Generation? Ist auch sie zu benebelt, um ihre Utopien zu artikulieren? Hat sie denn Utopien?

Vor dem Hintergrund des Bildungsstreiks m√∂chte man sagen: Ja. In seinem Rahmen wurden Ideen und Ideale, die Forderungen an Universit√§tsleitung und Politik ausformuliert und auf Pamphleten und Streikzeitungen abgedruckt. Skandiert wurden sie auf Demonstrationen und anderen Veranstaltungen, verk√ľndet von Rednern der Studierenden, Parteien und Gewerkschaften. Klar und deutlich stehen sie im Raum.

Dennoch: Am Marstall steht ein Student und versucht vergeblich, seine Kommilitonen zu einer Teilnahme am Streik zu bewegen. ‚ÄěMehr Mitbestimmung f√ľr die Studenten und so‚Äú, h√∂rt man ihn wackeln. Sonderlich durchdrungen zu haben scheinen sie ihn nicht, die Ideale, die er eben noch in klaren und mahnenden Worten auf Handzetteln gedruckt unter die Leute bringen m√∂chte. Sich seiner Unwissenheit bewusst steht er sinnbildlich f√ľr unsere Generation.

F√ľr eine intensive Auseinandersetzung mit ‚Äěfachfremden Themen‚Äú fehlt ihm die Zeit. Dass er √ľberhaupt welche f√ľr politisches Engagement findet, unterscheidet ihn schon wesentlich von den Allermeisten seiner Kommilitonen. Die Notwendigkeit des Handelns erkannt, lehnt er die moderne, deregulierte Hochschule zwar ab, sp√ľrt den durch Bologna gewachsenen Druck vielleicht gar am eigenen Leib.

Gleichwohl wagt er aber nicht, sich dem System des universitären Ausbildungsbetriebs gänzlich zu widersetzen und sammelt nach Ende der Bildungsstreik-Demo fleißig weiter ECTS-Punkte. Eine rosige Zukunft erfordert Pragmatismus und Karrieredenken; gesellschaftliches Engagement dient lediglich der Aufbesserung des Lebenslaufs. Leistungsnachweise sind relevanter als Persönlichkeit.

So kommt es, dass schlie√ülich gesellschaftliche und politische Themen in seinem Denken immer weniger Platz finden. Grund daf√ľr ist allerdings nicht nur, dass ihm das Studium keine Zeit und Kapazit√§t mehr lie√üe. Es fehlt ihm gleichzeitig schlicht an Interesse und Bereitschaft, sich mit √∂ffentlichen Themen intensiv und kritisch auseinanderzusetzen. Um der Intensit√§t des Studiums und dem damit verbundenen Lern-, Zeit- und Erfolgsdruck etwas entgegenzusetzen, fl√ľchtet er sich in seiner arbeitsfreien Zeit in Unterhaltung und Zerstreuung.

‚ÄěLangeweile‚Äú, schreibt Saul Bellow, ‚Äěist eine Art Schmerz, der von ungenutzten Kr√§ften, vergeudeten M√∂glichkeiten oder Talenten ausgeht.‚Äú Zur Entfaltung seiner au√üerhalb des Studiums liegenden M√∂glichkeiten und Talente findet unser Student zwischen den Polen Studium und Unterhaltung, die die Dimension seines Lebens darstellen, keinen Raum. Das Resultat ist ein Gef√ľhl der Langeweile und Leere, das er durch Ablenkung zu bet√§uben sucht. Politisches und gesellschaftliches Denken und Handeln finden darin keinen Platz.

Es bleibt ein Student, dessen Leben sich in einem Dreieck aus Effizienz, Konsum und Lethargie abspielt.

Selten war es wichtiger, Ausrichtungen, Ideale und Proteste zu reflektieren. Ob die Studenten von 1969 politisch durchdachter waren, mag zwar fragw√ľrdig erscheinen, aber politisch aktiver ‚Äď intellektuell wie in Hinblick auf ihr tats√§chliches Engagement ‚Äď waren sie allemal.

von Maximilian Oehl und Max Mayer
   

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