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30.06.2009

Manchmal ein bisschen Venedig

Vom Auslandsstudium an den Kanälen des niederländischen Leiden

Windm√ľhlen und Wasserstra√üen, Holzschuhe und Hollandrad, K√§se, Tulpen, Heineken und Coffee Shops. Weltweit bekannt sind ‚ÄěExportschlager‚Äú der Niederlande. Doch das Land hat mehr zu bieten als seine Klischees.

Text und Fotos von Verena la Mela, aus Leiden, Niederlande

Spanien, Italien oder Frankreich haben, vor allem im Bezug auf das Wetter, ihre Berechtigung als beliebte Erasmus-Ziele. Doch die Niederlande stehen den s√ľdeurop√§ischen Staaten in nichts nach. Mit einer Fl√§che von 41.500 Quadratkilometern sind sie um einiges kleiner als Bayern. Um das Land einmal von Norden nach S√ľden mit dem Zug zu durchreisen, braucht man gerade mal viereinhalb Stunden.

Ganz besonders lieben sie ihre K√∂nigin Beatrix, die in Leiden Jura, Geschichte und Soziologie studiert hat. In tiefe Trauer fiel das Land, als dieses Jahr am "K√∂niginnentag" ein Attentat auf die K√∂nigsfamilie ver√ľbt wurde. Partys im ganzen Land wurden abgesagt, lediglich in Amsterdam wurde weiter getanzt.

Gleichzeitig ist den Niederlande ein Liberalismus beheimatet, wie man ihn in kaum einem anderen europ√§ischen Land findet. Das betrifft nicht nur die Drogenpolitik, auch das Einwanderungsrecht gilt als eines der freiz√ľgigsten in Europa. Doch seit der Regisseur Theo van Gogh von einem islamischen Fundamentalisten auf offener Stra√üe erstochen wurde, sind w√§chst bei immer mehr Niederl√§nder das Misstrauen gegen√ľber muslimischen Asylbewerbern. Mittlerweile hat der Staat das Einwanderungsrecht versch√§rft: Wer den Sprachtest nicht besteht und sich mit der Landeskultur nicht auskennt, wird abgewiesen.

Leiden: das Heidelberg der Niederlande

Bei meiner Ankunft in Leiden, einer 120.000 Einwohner z√§hlenden Studentenstadt in der Prozinz S√ľdholland, √ľberkam mich ein √§hnliches Gef√ľhl wie damals, als ich nach Heidelberg zog. Leiden ist die √§lteste Studentenstadt des Landes und verspr√ľht auch genauso viel internationalen Charme wie Heidelberg. Einen Gro√üteil der ausl√§ndischen Studenten sind Deutsche. 2008 f√ľhrten die Deutschen die Liste der ausl√§ndischen Studenten an ‚Äď noch vor den Chinesen und den Belgiern. 

Belege seiner Internationalit√§t liefert Leiden an beinahe jeder Ecke. "Das ist die Sehnsucht: Wohnen im Gewoge und keine Heimat haben in der Zeit", hinterlie√ü ein Fan Rainer Maria Rilkes an einer Hauswand im Herensteeg. Aber auch chinesische Austauschstudenten heben regelm√§√üig verwundert ihre K√∂pfe, wenn sie ein Gedicht in geschwungener Kalligrafie auf dem Weg zur Uni sehen. 1992 sind zahlreiche Hausw√§nde im Rahmen des "Leiden Mural Poem"-Projekts mit insgesamt 101 Gedichten versehen. Von Arabisch bis Spanisch sind Verse verschiedener Poeten in insgesamt drei√üig Sprachen √ľber die Stadt verteilt zu lesen. 

Auch ohne Schloss besitzt diese Kleinstadt eine geh√∂rige Portion Attraktivit√§t. Durchzogen von Kan√§len und engen Pflastersteingassen, gl√§nzt das nur wenige Kilometer vom Nordseestrand entfernte Leiden als Perle der Wissenschaft und K√ľnste. Johannes Diderik van der Waals, Nobelpreistr√§ger f√ľr Physik, und der niederl√§ndische Maler Rembrandt sind nur zwei der Koryph√§en, die Leiden hervorgebracht hat. Die Stadt zeichnet sich au√üerdem durch exzellente Museen, wie beispielsweise das Museum f√ľr V√∂lkerkunde aus. Dort ist derzeit die aufwendig gestaltete Ausstellung "Music in Motion" zu bestaunen.

Weitere √Ąhnlichkeit zu Heidelberg weist Leiden bei der Wohnungssituation auf. Das Angebot f√ľr Studenten ist ebenso knapp und teuer. Zwischen 450 und 550 Euro kostet ein Einzelzimmer mit gemeinsamer Bad- und K√ľchenutzung im Stadtzentrum.

Nicht nur kulinarische Offenheit

Doch wer Leiden im Fr√ľhjahr und Sommer besucht, merkt dass die Menschen wenig Zeit hinter verschlossenen T√ľren verbringen. Vor den Haust√ľren stehen Liegest√ľhle, Studenten mit Lehrb√ľchern in den H√§nden lassen die F√ľ√üe im Kanal baumeln, w√§hrend Jugendliche mit ihrem Motorboot am Basketball-Platz anlegen. Leiden ist manchmal ein klein bisschen Venedig. Auch der Gaumen wird hier von einer Vielfalt kulinarischer K√∂stlichkeiten, insbesondere aus Asien und Afrika verw√∂hnt. 

Englisch ist unter Holländern verbreiteter als in Deutschland. Fast alle Marktschreier bieten ihren Fisch im angelsächsischen Idiom feil. Bedienstete der Bekleidungsindustrie parlieren akzentfrei mit englischen Kunden in deren Muttersprache. Selbst kleine Kinder zitieren ihre Cartoonhelden im Original.

In den Niederlanden werden ausländische Filme in der Regel nur mit Untertiteln versehen, aber nicht synchronisiert. Hier im Rahmen des Auslandsstudiums die Landessprache zu erlernen, ist schwierig. Auf entgegenkommende Art und Weise fallen die Holländer sofort ins Englische, sobald sie merken, dass Niederländisch nicht die Muttersprache des Gesprächspartners ist.

Immerhin kann man so zumindest sein Englisch verbessern.

von Verena La Meya
   

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