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 Wissenschaft
30.06.2009

"Obama ist ein Ank√ľndigungspr√§sident"

100 Tage Barack Obama: Detlef Junker analysiert die Regierungsarbeit

Professor Detlef Junker ist Gr√ľndungsdirektor des Heidelberg Center for American Studies. Mit dem ruprecht sprach er √ľber die bisherige Regierungszeit von US-Pr√§sident Barack Obama und wagte einen Ausblick in die Zukunft.



Professor Detlef Junker ist Gr√ľndungsdirektor des Heidelberg Center for American Studies. Mit dem ruprecht sprach er √ľber die bisherige Regierungszeit von US-Pr√§sident Barack Obama.

ruprecht: Herr Junker, was zeichnet Barack Obama aus?


Detlev Junker: Er hat einen au√üerordentlichen Intellekt, eine gro√üe Sachkompetenz, die F√§higkeit, sich in komplizierte innen- und au√üenpolitische Probleme einzuarbeiten und dar√ľber sachverst√§ndig zu sprechen. Er benutzt das bereits im Wahlkampf aufgebaute Netz weiter, und jeder, der sich einmal dort eingeschrieben hat, bekommt sozusagen jeden zweiten Tag eine Mail vom Pr√§sidenten. Zudem versucht er die Medien im In- und Ausland zu beeinflussen, die "message control" zu verfeinern. Mit seiner charismatischen Erscheinung und der F√§higkeit, √∂ffentlich zu sprechen, macht er das alles grandios.

Vor welchen Problemen steht er?

Junker: Obama hat viele innen- und au√üenpolitische Probleme am Hals, die ein Sterblicher nicht zu l√∂sen vermag. Nicht nur die Finanz- und Wirtschaftskrise, sondern auch all die Versprechungen, die er seinen W√§hlern gemacht hat. In dieser Hinsicht ist er bisher ein "Ank√ľndigungspr√§sident" geblieben. Er hat noch nichts im Kongress durchbekommen. Dieser arbeitet aber auch langsam. Allerdings hat er das gro√üe Konjunkturprogramm von 800 Milliarden Dollar durchgesetzt. Der Haushaltsentwurf f√ľr das Jahr 2009/10 ist dadurch mit einer enormen Verschuldung verbunden. Der Finanzspielraum wird dadurch immer geringer, um andere Fragen zu l√∂sen.

Wie verhält er sich außenpolitisch?

Junker: Obama versucht moderater zu wirken und √∂fter Verhandlungen anzubieten. Mit der Rede von Kairo hat er zum Beispiel versucht, der muslimischen Welt das Feindbild zu nehmen. W√ľrde er das schaffen, w√§re das eine unglaubliche strategische Leistung. Ob das beim Adressaten ankommt, h√§ngt auch von der Medienkontrolle in den islamischen L√§ndern ab. Weiter hat er mit der internationalen Finanzkrise zu k√§mpfen, den Kriegen im Irak und in Afghanistan, der explosiven Situation in Iran, dem gro√üen Problem der Atombombe in Nordkorea und dem ungel√∂sten israelisch-pal√§stinensischen Konflikt. Russland und China verfolgen eine nationalistische Politik, Lateinamerika erhofft sich etwas von Obama und Afrika ist entt√§uscht, dass er dort nicht mehr macht. Die Europ√§er spielen nur eine marginale Rolle.

Hat sich das deutsch-amerikanische Verhältnis verändert?

Junker: Es gibt große sachliche Differenzen zwischen der Bundesregierung und
der Obama-Administration. Die Amerikaner haben immer gesagt, wir seien zu zögerlich im Schuldenmachen, aber die Kanzlerin hat die Politik der weiteren Verschuldung kritisiert. Zudem gehen Kanzlerin Merkel die amerikanischen Versuche, in der Umweltpolitik etwas zu bewirken nicht weit genug - vor allem dabei die Emission von Kohlendioxid zu senken. Es ist ein altes Problem, dass die Amerikaner erwarten, dass wir viel mehr Soldaten nach Afghanistan schicken. Die Amerikaner senden weitere 17.000 und die Bundeswehr gerade mal 300 zusätzlich.

Was können wir von Obamas Umweltpolitik erwarten?

Junker: Ich bin davon √ľberzeugt, dass er meint, was er sagt. Die Frage ist, ob er das durchsetzen kann. Seine programmatischen Reden laufen auf eine Revolution der amerikanischen Energiepolitik hinaus, auf eine √∂kologische Erneuerung. Der Vorteil w√§re, dass Amerika unabh√§ngiger vom √Ėl im Nahen Osten w√§re. Bisher klafft aber eine L√ľcke zwischen Theorie und Praxis. Fraglich ist, ob die Amerikaner diese Revolution mitmachen, was eine komplette Lebensumstellung f√ľr sie bedeuten w√ľrde.

Sind die USA weiter eine Supermacht?

Junker: Ihr Einfluss ist geringer geworden. Allerdings werden die Amerikaner immer gerufen, wenn es ein Problem in der Welt gibt. Ich glaube, dass sie immer noch die bedeutendste Macht der Welt sind. Erstens haben die Amerikaner mit Abstand die gr√∂√üte Milit√§rmacht der Welt. Sie k√∂nnen zu Wasser, aus der Luft und aus dem All jeden Punkt auf der Erde innerhalb von 20 Minuten pulverisieren. Zweitens gibt es weltweit kein anderes exportf√§higes Modell als das freiheitlich-demokratische der USA. Seit 1948 haben fast alle Staaten die UNO-Menschenrechtserkl√§rung unterschrieben. Diese stimmt im Gro√üen und Ganzen mit der amerikanischen Ideologie √ľberein. Das hei√üt: Keine andere Ideologie hat eine vergleichbare Anziehungskraft, wie die amerikanische. Gerade deshalb hassen die Geistlichen in Iran die USA wie der Teufel das Weihwasser.

Herr Junker, Vielen Dank f√ľr das Gespr√§ch.


Das Gespr√§ch f√ľhrte Karla Kelp

von Karla Kelp
   

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