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26.05.2009

Die Liemba auf dem Tanganjikasee

Mit einem alten deutschen Kriegsschiff ĂŒber den tiefsten See Afrikas

Seit 1915 transportiert die Liemba Soldaten und FlĂŒchtlinge und ĂŒberlebte zwei Weltkriege. Nach zwei Versenkungen und drei Bergungen ist es das einzige Passagierschiff auf dem afrikanischen Binnensee. Unser Autor Samuel Eberenz wagte sich an Bord.



Seit 1915 transportiert die Liemba Soldaten und FlĂŒchtlinge und ĂŒberlebte zwei Weltkriege. Nach zwei Versenkungen und drei Bergungen ist es das einzige Passagierschiff auf dem afrikanischen Binnensee. Unser Autor Samuel Eberenz wagte sich an Bord.

Das grĂ¶ĂŸte GebĂ€ude Fischerdorf Muzi am Tanganjikasee in Tansanias ist eine Fischfabrik. Die Besitzer, ein Ă€lteres indisches Ehepaar, heißen uns willkommen und weisen einen Angestellten an, uns herumzufĂŒhren. Die große graue Halle steht direkt an einem Traumstrand mit Ölpalmen und MangobĂ€umen. Die Halle ist erstaunlich leer. In einer kleinen Kammer trocknet der Fisch, den die Fischer Tag fĂŒr Tag mit ihren Barkassen und EinbĂ€umen in die kleine Bucht bringen. FĂŒr den spĂ€teren Verkauf im ganzen Land wird der Fang dort gefriergetrocknet. Neben der Kammer steht einsam eine Verpackungsmaschine im Raum.

Fisch gibt es genug, aber da die Maschinen einen Dieselgenerator brauchen, sind sie selten in Betrieb. Strom aus dem Generator ist teuer und das Dorf ist nicht an das Stromnetz angebunden. „Die Regierung interessiert sich nicht fĂŒr den Westen des Landes”, erklĂ€rt Oscar, ein lokaler Aktivist, „Investiert wird nur in der Hauptstadt Dar Es Salaam und den Touristengebieten im Norden. Die Menschen hier zahlen in den Topf ein, bekommen aber nichts davon zurĂŒck. Deshalb brauchen wir in Tansania einen Föderalismus, der auch die Belange der abgelegenen Gebiete vertritt.”

Wenn es in Muzi Strom gĂ€be, könnte die kleine Fischfabrik am Tanganjikasee ihre KapazitĂ€ten erweitern. FĂŒr die Fischer und ihre zahlreichen Kinder könnte das einen Weg aus der Armut bedeuten. Den knapp 300 Fischarten im See wĂŒrde das weniger gefallen. Die Bewohner des artenreichsten Sees der Erde sind nicht nur durch zu viel Fischerei bedroht. Wissenschaftler befĂŒrchten, dass der gesamte Tanganjikasee in Folge des globalen Klimawandels und lokaler Umweltzerstörung umkippen könnte.

Der See im Ostafrikanischen Grabenbruch ist der zweitgrĂ¶ĂŸte SĂŒĂŸwasserspeicher der Welt. Mit 688 Meter unter dem Meeresspiegel befindet sich hier der tiefste Punkt Afrikas. Geopolitisch stellt er die natĂŒrliche Grenze zwischen Tansania und dem Kongo dar. Weitere Anrainer sind Burundi im Norden und Sambia im SĂŒden.

Das wichtigste Transportmittel auf der tansanischen Seite ist die MS Liemba, eines der Ă€ltesten aktiven Linienschiffe der Welt. Als MS Goetzen lief sie 1915 vom Stapel und kĂ€mpfte im Ersten Weltkrieg gegen Briten und Belgier. Als die deutschen Kolonialtruppen 1916 die Stadt Kigoma aufgeben mussten, versenkte man das Schiff im Hafen. Im weiteren Kriegsverlauf bargen die Belgiern das Schiff. Allerdings versank es 1920 bei einem Sturm erneut im Hafen. Nach dem Krieg fiel Tansania an Großbritannien. Das Schiff wurde wieder geborgen und 1927 unter dem Namen MS Liemba wieder in Dienst gestellt. Im Zweiten Weltkrieg transportierte die Liemba Soldaten und in den 1990er Jahren BĂŒrgerkriegsflĂŒchtlinge aus Ruanda, Kongo und Burundi. Heute ist die MS Liemba das einzige Passagierschiff auf dem See und stellt fĂŒr etliche Dörfer die einzige Verbindung zur Außenwelt dar.

Wir steigen in Kasanga zu, dass zwei Kilometer sĂŒdlich von Muzi liegt. Es ist acht Uhr abends als die Liemba an dem kleinen Dock neben der von deutschen Kolonialherren errichteten Bismarckburg festmacht. Sie kommt aus Mpulungu in Sambia, der sĂŒdlichen Endstation ihrer derzeitigen Route.

Die Liemba zu betreten ist ein Abenteuer fĂŒr sich. Erst mĂŒssen die Passagiere einen Frachter kletternd ĂŒberqueren, der Zement nach Burundi transportieren soll und daher direkt am Dock liegen muss. Um das Schiff selbst zu betreten, muss man sich durch eine kleine Luke ins Innere ziehen. Die Fahrt von Kasanga nach Kigoma kostet Erster Klasse knappe 40 Euro. In der Dritten sind es zwar nur etwa 16 Euro, dafĂŒr sind die Passagiere die ganze Reise ĂŒber in einem Gemeinschaftsraum unter Deck zusammengepfercht, der lediglich mit mehreren Reihen harter HolzbĂ€nke ausgestattet ist. 

Keiner lĂ€sst sein GepĂ€ck auch nur eine Sekunde aus den Augen. Es riecht nach Schweiß, Urin und Erbrochenem. Wenn man die Stiege auf das Deck hinaufsteigt, Ă€ndert sich das Bild. Hier dĂŒrfen sich nur Passagiere der Ersten und Zweiten Klasse aufhalten. Aber auch hier sitzen und liegen viele Menschen um ihr GepĂ€ck herum auf Matten, bunten TĂŒchern und BĂ€nken. Die frische Seebrise verdrĂ€ngt den Lagerkoller. Bis zu 600 Passagiere finden auf der Liemba Platz. Darunter befinden sich GeschĂ€ftsleute aus den StĂ€dten, die ihre Familien auf dem Land besucht haben, Familien auf Reisen oder auf dem Weg ins Krankenhaus, HĂ€ndler und hin und wieder auch Rucksacktouristen aus SĂŒdafrika oder Europa.

Mit seinen idyllischen Fischerdörfern, Trauminseln und SandstrĂ€nden könnte der Tanganjikasee viele Touristen anlocken. Es gibt auch Lodges und ZeltplĂ€tze, wie in Kigoma, Kipili, Muzi und im Mahali Mountains Nationalpark und sogar ein Luxushotel auf einer Insel, deren Kunden per Wasserflugzeugen kommen und gehen. Doch die katastrophale Infrastruktur und die instabile politische Lage der Region schrecken auslĂ€ndische Touristen bis heute meist ab. Eine Erholung ist derzeit nicht in Sicht.

Viele der kleinen Dörfer, an denen die Liemba ankert, liegen abseits des befestigten Straßennetzes. Manche sind zwar durch Pisten mit der Außenwelt verbunden, diese sind aber in der Regenzeit unbefahrbar. Hier beschrĂ€nkt sich die medizinische Versorgung auf traditionelle Heiler, kleine Stationen und Apotheken, die Malariamittel, Antibiotika und Schmerzmittel verkaufen - wenn ĂŒberhaupt. Auf Coca Cola und Bier wollen die Fischer nicht verzichten. So besteht die HĂ€lfte der Fracht auf der Fahrt nach Norden aus Leergut, das gemeinsam mit Passagieren, Ananas und reichlich Trockenfisch in Fischerbooten zur Liemba gebracht wird.

Beim Ein- und Aussteigen der Passagiere auf die kleinen Barkassen kommt es regelmĂ€ĂŸig zu GedrĂ€nge und Streitereien der BootsfĂŒhrer um die FahrgĂ€ste. Seinen schwarzen Aktenkoffer fest an sich gedrĂŒckt, balanciert ein GeschĂ€ftsmann in Anzug und Krawatte auf dem Rand einer Barkasse und versucht sich in die Luke der Liemba zu ziehen. Eine Frau nimmt ihr Baby in Empfang, dass andere Passagiere ihr aus dem Schiffsbauch reichen. Eine andere schreit einen Fischer an, er solle ihr endlich ihr GepĂ€ck aushĂ€ndigen. Plötzlich kommt es auf einem Boot zum Faustkampf zwischen zwei MĂ€nnern. Auf dem Deck der Diemba drĂ€ngen sich die Passagiere und genießen das Schauspiel. Auf die Frage, was denn der Auslöser des Streits war, zuckt der junge Mann neben mir nur mit den Schultern und sagt: „Das Leben ist hart, die Menschen haben kein Geld.“

Nach drei NĂ€chten in der stickigen Erste-Klasse-Koje, etlichen Kartenspielen und SprĂŒngen in das unendliche Blau des Tanganjikasees wĂ€hrend der Verladepausen und einer Geburt auf Deck, erreichen wir um sechs Uhr morgens den Heimathafen der Liemba in Kigoma. Endstation – alles aussteigen!

von Samuel Eberenz
   

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