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 Leserbriefe
03.02.2010

"In selbstgef├Ąlliger Routine erstarrt"

Leserbrief zur Ausgabe 124

Hallo ruprecht-Redaktion, ich wollte als mehrj├Ąhrige Leserin ein paar Anmerkungen zu eurer Arbeit machen, da mir in letzter Zeit leider aufgefallen ist, dass eurer Zeitung ein steter Makel anhaftet: Sie ist in selbstgef├Ąlliger Routine erstarrt.

Hallo Ruprecht-Redaktion,

Ich wollte als mehrj├Ąhrige Leserin ein paar Anmerkungen zu eurer Arbeit machen, da mir in letzter Zeit leider aufgefallen ist, dass eurer Zeitung ein steter Makel anhaftet: Sie ist in selbstgef├Ąlliger Routine erstarrt.

Vielleicht haben die Auszeichnungen der Vergangenheit satt gemacht, vielleicht liegt es an der mangelnden Kreativit├Ąt der Redakteure, m├Âglicherweise aber auch nur am Zeitmangel durch den Bachelor, jedenfalls ist nicht zu ├╝bersehen und vor allem zu ├╝berlesen, dass sich Ihre Zeitung inhaltlich stinklangweilig pr├Ąsentiert.

Was Druck, Format und Layout angeht, ist das zwar alles in Ordnung. Der ruprecht kommt daher wie eine richtige Zeitung, professionell gemacht und nicht so st├╝mperhaft, sch├╝lerzeitungsm├Ą├čig wie die "Unimut". Sicher kann man auch hier noch ein bisschen was verbessern, wie die Darstellung der Bewertung bei der Kinokritik, welche man nur m├╝hsam entziffern kann. Aber das sind Kleinigkeiten.

Kommen wir zum Inhalt: Wenn man eure Zeitung liest, bekommt man den Eindruck, da schrieben Mittf├╝nziger kurz vor ihrer Fr├╝hpensionierung; es fehlt alles, was man bei einer Studentenzeitung einer Elite-Uni, die mit dem Motto "dem lebendigen Geist" aufwartet, erwarten w├╝rde: Biss, Witz, Dynamik, Forscherdrang, Neugierde und Aufkl├Ąrungsgeist.

Ihr schreibt so brav, bieder, angepasst; kurz: soo langweilig, dass einem beim Lesen die F├╝├če einschlafen. Dies gilt nicht nur stilistisch, sondern auch f├╝r die Themenauswahl und wie ihr diese aufbereitet.

Fangen wir auf Seite 1 an: Die Glosse. Das Thema an sich ist nicht schlecht und enth├Ąlt wenigstens noch etwas - den sonst vermissten - Biss. Aber sie ist schlecht aufgebaut, wenig durchdacht und es sitzt nicht jedes Wort. In einer Glosse sollte aber sogar jede Silbe sitzen!

Der erste Absatz ist gut. Das Bild Steinzeitmensch/Mammut ist schlecht gew├Ąhlt, weil es nicht passgenau ist. Auch der Darwin-Vergleich ist schwach, weil das Diplom nicht wegen mangelndem Erfolg eingestellt wurde. (Beim Magister kann man dar├╝ber streiten;)) Der Schlusssatz ist kindisch.

Das Titelthema "Vandalismus-Party" ist langweilig, unaktuell, trocken geschrieben und andere Medien waren schneller. Kurz: kein Neuwert f├╝r den Leser. Zweiter Artikel: Dass die Germanisten ├╝berlastet sind, interessiert - au├čer den Germanisten - keine Sau!

Seite 2: Was hat der Nacktscanner mit der Uni-Heidelberg zu tun? Den einzigen Flughafen den wir haben, ist der Modellflugplatz ÔÇô und der geh├Ârt zu Dossenheim. Das Thema Nacktscanner wurde schon vor Wochen ausf├╝hrlich durch die ├╝brigen Medien behandelt. M├╝sst ihr wirklich solchen ausgelutschten Themen hinterher rennen?

Und damit sind wir schon bei der Ressort- und Themenstruktur. Wenn Ihr schon kein vern├╝nftiges Pro/Kontra-Thema findet, warum ersetzt Ihr es dann nicht einfach? Ist die Pro/Kontra-Seite ├╝berhaupt noch tragf├Ąhig, oder doch schon insgesamt verbraucht? Das meinte ich mit dem Eingangssatz: Ihr seid in Routine erstarrt, bringt mal was Neues.

Seite 3: Das Interview ist interessant.

Seite 4: Ein weiterer gro├čer Mangel des ruprechts wird beim H├Âlscher-Interview deutlich: Wo ist der Bezug zu Heidelberg, zur Uni, zur Stadt? Das Interview ist an sich interessant, aber man m├╝sste nur die Namen austauschen und es k├Ânnte jede andere Uni in Deutschland sein. Die Fragen zu Bologna und Arbeitsbedingungen wurden schon wortw├Ârtlich so oft gestellt, kann die Fragestellerin da nicht mal kreativ sein?

So wie bei diesem Interview, so kann man bei allen Artikeln einfach die Namen ├Ąndern und es k├Ânnte von beliebigen anderen deutschen Uni-St├Ądten die Rede sein. Ob Vandalismus bei Studi-Protesten, ├╝berf├╝llte Seminare, neue Cafes, Theaterst├╝cke, Klimawandel, Ausstellungser├Âffnungen: Das ist so austauschbar, unoriginell und uninspiriert. Das gibt es auch alles in anderen Uni-St├Ądten. Ihr seid kein ├╝berregionales Medium. Ihr werdet von Heidelbergern Uni-Leuten gelesen, also schreibt auch Artikel ├╝ber die Heidelberger Uni.

Wo sind die sp├Âttischen Artikel ├╝ber den besonderen Elite-D├╝nkel der Heidelberger Studenten? Wie erleben eigentlich die normalen Leute, die den Laden am laufen halten, (Hausmeister, Mensa-K├Âche) den Alltag an der Uni und vor allem die Studenten und Professoren? Warum gibt es keinen ankl├Ągerischen Bericht, wenn mal wieder ein asozialer Jura-Student die Bibliothekare anp├Âbelt, weil ein anderer asozialer Jura-Student B├╝cher versteckt hat?
Wo sind die lakonischen Erfahrungsberichte ├╝ber den Laufsteg und Heiratsmarkt namens Universit├Ątsbibliothek, die t├Ąglichen "Schl├Ągereien" ums Mensa-Buffet?

Wo verstecken sich die investigativen Reportagen ├╝ber die Verbindungsorgien auf dem Schlossberg? Oder die am├╝santen Anekdoten ├╝ber den Uni-Sport, wenn der brasilianische Feldwebel 300 Knechte zum Beinespreiz-Appell ruft? Und ist nur eine kleine Auswahl an Themen, die m├Âglich w├Ąren. Und was bringt Ihr: die 63. Kneipenkritik und eine Kritik ├╝ber einen Weinf├╝hrer. Ein Weinf├╝hrer. Wie als seid Ihr? Ergrauter Geist in jungem K├Ârper.

Es gibt so viele interessante Geschichten an der Uni Heidelberg. Warum findet keine davon den Weg in den ruprecht? Erz├Ąhlt doch mal was aus dem richtigen Uni-Leben, aus dem Uni-Alltag.

Und jetzt, ich komme zum Ende, die gr├Â├čte Sauerei, die sich auf Seite 5 versteckt (zum Beten in die Ecke): Ihr studiert an einem Ort des aufgekl├Ąrten Geistes und wagt es, solch einen gef├╝hligen, verst├Ąndnisvollen Artikel ├╝ber r├╝ckst├Ąndige Schleiereulen mit ihren idiotischen Glaubensritualen zu bringen.

Dass die Universit├Ąt in Heidelberg heute ohne Zensur und Aufsicht der Religionsw├Ąchter frei forschen und lehren darf, hat in den vergangenen Jahrhunderten Millionen von Menschen das Leben gekostet. Und ihr macht Euch zum Sprachrohr f├╝r solche Leute, deren Religion das alles ablehnt? Ihr macht euch zum Sprachrohr f├╝r solche Leute, die nicht in der Lage sind, sich in den universit├Ąren Ablauf einzuf├╝gen, wie alle anderen auch?

Die gl├Ąubigen Studenten f├╝hlten sich also in der Erf├╝llung ihrer religi├Âsen Pflichten behindert, schreibt Ihr. Richtig ist, dass diese gl├Ąubigen Studenten alle Studenten behindern, die in der UB lernen wollen. Ihr m├╝sstet diese Studenten eher mal fragen, was die an einer s├Ąkularen Uni ├╝berhaupt zu suchen haben. Da m├╝sst ihr viel kritischer sein und d├╝rft euch nicht f├╝r geistesfeindliche Zwecke einspannen lassen!

So, dass war jetzt nat├╝rlich starker Tobak. Ich hoffe, Ihr haltet ein bisschen Kritik aus. Ich will Euch ja nicht dem├╝tigen, ich will, dass ihr besser werdet.;)

Gru├č,
Lena



Anmerkung der Redaktion: Jeden Montag w├Ąhrend der Vorlesungszeit ist ab 20 Uhr Redaktionssitzung in der Albert-Ueberle-Stra├če 3-5. Wer meint, dass der ruprecht "soo langweilig" sei, hat da Gelegenheit ihn mit Ideen aufzufrischen und mitzumachen. Kritik ist immer erw├╝nscht, Mitmachen erst recht. Wir werden allerdings auch in Zukunft keinen Studenten fragen, was er hier "zu suchen" hat - nicht mal solchen, die Trendsportarten wie "Islambashing" nachgehen.

   

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