Dies ist ein Archiv der ruprecht-Webseiten, wie sie bis zum 12.10.2013 bestanden. Die aktuelle Seite findet sich auf https://www.ruprecht.de

ruprecht-Logo Banner
ruprecht/Schlagloch-doppelkeks-Jubiläum
Am 13.10. feiern wir 25 Jahre ruprecht/Schlagloch und 10 Jahre doppelkeks [...mehr]
ruprecht auf Facebook
Der aktuelle ruprecht
ruprecht vor 10 Jahren
Andere Studizeitungen
ruprechts Liste von Studierendenzeitungen im deutschsprachigen Raum
ruprecht-RSS
ruprecht-Nachrichten per RSS-Feed
 StudiLeben
17.02.2010

Studienabbruch: Chance oder Schande?

Ist eine Karriere auch ohne Studienabschluss möglich?

Die Chancen von Studienabbrechern beleuchten unsere Experten aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Andreas Menzinger brach sein Psychologie-Studium im 5. Semester ab und gr√ľndete eine Filmproduktion. J√∂rg Tauss ist gelernter Lebensversicherungskaufmann und war Mitglied des Bundestages.

Erschien erstmals am 5. September 2006, in der ruprecht-Ausgabe 101

Die Frage, ob Studienabbrecher weniger Chancen haben, wurde von unseren Experten aus unterschiedlichen Positionen beleuchtet. Zu einem eindeutigen Ja oder Nein kam keiner von beiden. Andreas Menzinger brach sein Psychologie-Studium im f√ľnften Semester ab und ist Mitbegr√ľnder einer erfolgreichen Filmproduktion. J√∂rg Tauss ist Lebensversicherungskaufmann und seit 1994 Mitglied des Bundestages.


JA

Andreas Menzinger

Gesellschafter der Referenz Film GmbH in W√ľrzburg


Die Entscheidung, ob es sinnvoll ist, das Studium abzubrechen, h√§ngt in erster Linie von den pers√∂nlichen Zielen jedes Einzelnen ab, wobei diese Ziele damit verbunden werden sollten, in welchem Bereich der Einzelne erfolgreich sein m√∂chte. Eine Karriere in einem gro√üen Unternehmen ist h√§ufig direkt verbunden mit dem Studienabschluss und der jeweiligen Note, w√§hrend in einem kleinen oder mittelst√§ndischen Unternehmen mehr Wert auf die Leistung und die Pers√∂nlichkeit gelegt wird. Wer aber von einer Karriere in einem Gro√ükonzern tr√§umt, f√ľr den ist ein Studienabbruch sicher die falsche Entscheidung.

Es gibt viele Menschen, die sich in den meist verkrusteten Strukturen gro√üer Unternehmen nicht wohl f√ľhlen, Menschen, f√ľr die es vielleicht mehr bedeutet, ihre Ideen und Meinungen √§u√üern und umsetzen zu k√∂nnen, ohne auf Unternehmens-, Macht-, und Positionspolitik R√ľcksicht nehmen zu m√ľssen. Falls Sie Ihre Zukunft nicht in einem der gro√üen Unternehmen sehen, dann ist ein Abbruch vielleicht sinnvoll. Dabei ist nicht der Abbruch an sich das Hauptproblem, sondern der Zeitpunkt. W√§re die Entscheidung fr√ľher gefallen, so h√§tten die Studenten bei gleichem Ergebnis weniger Zeit verschwendet.

Bei der Besetzung von Ausbildungspl√§tzen werden Studienabbrecher h√§ufig bevorzugt. Sie haben bereits Lebenserfahrung gesammelt, sind in der Regel selbst√§ndiger und haben h√§ufig in der Ausbildung mehr Durchhalteverm√∂gen. Viele mittelst√§ndische und kleine Unternehmen bevorzugen Studienabbrecher, da die Gehaltsforderungen in der Regel niedriger sind. Wenn Sie dann rechnen, dass Sie zehn Jahre mit 70 Prozent des Gehaltes arbeiten, w√§hrend der Kommilitone nach einem um vier Jahre l√§ngeren Studium nur sechs Jahre bei 100 Prozent arbeitet, ist das Einkommen des Studienabbrechers f√ľr diesen Zeitraum trotzdem h√∂her. In fast allen mittelst√§ndischen Unternehmen werden nach zehn Jahren Berufserfahrung die Personalentscheidungen nicht mehr auf der Basis des Studienabschlusses, sondern nach Leistung getroffen.

Ein verlockendes Angebot, sozusagen die Chance Ihres Lebens, kann auch zum Abbruch bewegen. Der Arbeitsmarkt ist voller Menschen, die den Rest Ihres Lebens dar√ľber nachdenken: ‚Äěwas w√§re ich heute, wenn ich damals das Angebot angenommen h√§tte‚Äú. Die g√§ngige Meinung ist, dass nur das solide Studium eine stabile Basis f√ľr den beruflichen Erfolg darstellt, allerdings verwundert es, wie viele Menschen in beruflichen T√§tigkeitsfeldern erfolgreich sind, die mit dem Studium nichts mehr zu tun haben. Wie sinnvoll war die Zeit, die Sie in ihr Studium investiert haben? Erfolgreiche Quereinsteiger‚Äú sind ein Beweis daf√ľr, dass berufliche Leistung nicht das Ergebnis des vorangegangen Studiums ist, sondern auch ein Ergebnis der individuellen F√§higkeiten und der Pers√∂nlichkeit sein kann.

Der Studienabbruch ist eine Entscheidung, die jeder f√ľr sich treffen sollte, basierend auf seiner Pers√∂nlichkeit und seinen Zielen. Wenn Sie sich mit diesem Gedanken besch√§ftigen, dann sollten Sie sich so fr√ľh wie m√∂glich entscheiden.



NEIN

Jörg Tauss

Ehemaliger Bildungs- und forschungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag


Sicherlich ist nicht f√ľr jeden Studierenden ein Studienabbruch zwangsl√§ufig mit negativen pers√∂nlichen Folgen verbunden, auch sind die Gr√ľnde und Anl√§sse mindestens ebenso vielf√§ltig wie die individuellen Lebenslagen. Eine moralisierende Sicht auf die Studienabbruchsfrage f√ľhrt allerdings nicht weiter. Gerade die Bildungspolitik muss das Ziel im Auge behalten, dass begonnene Qualifizierungswege auch erfolgreich abgeschlossen werden ‚Äď vor allem im Hinblick auf die Nachhaltigkeit von Arbeitsmarktchancen.

Innerhalb der OECD-L√§nder liegt die Quote der Studienanf√§nger, die den von ihnen angestrebten Hochschulabschluss nicht erreichen, bei durchschnittlichen 30 Prozent. Wo liegen die Ursachen daf√ľr, dass auch in Deutschland von 100 Studienanf√§ngern lediglich 70 das Studium beenden? K√∂nnen wir uns den langfristigen Mangel an hoch- und h√∂chstqualifizierten Arbeitskr√§ften leisten? Welche Konzepte und Instrumente sind geeignet, die Quote der Studienabbrecher zu minimieren und die Zahl der Studienanf√§nger zu steigern?

H√§ufig werden insbesondere zwei strukturelle Gr√ľnde f√ľr die hohe Studienabbruchquote in Deutschland genannt. Zum einen eine oft ungesicherte Studienfinanzierung, zum anderen eine falsche Studienwahl.

Ann√§hernd 70 Prozent der Studierenden in Deutschland geben an, dass Sie parallel zum Studium einer Erwerbst√§tigkeit nachgehen. 50 Prozent davon geben an, dass durch die Erwerbst√§tigkeit das Studium √ľberhaupt erst finanzierbar ist. Diese offenbar notwendige Erwerbst√§tigkeit l√§sst sich aber immer weniger mit den zeitlichen Anforderungen der Lehrveranstaltungen in Einklang bringen. Insbesondere Studierende, deren finanzielle Unterst√ľtzung durch das Elternhaus ‚Äď zumeist Arbeiterhaushalte ‚Äď nur unzureichend ausf√§llt, sind auf eine erh√∂hte Erwerbst√§tigkeit angewiesen. Dem muss entgegengewirkt werden.

Wichtig ist es aber, den studienwilligen jungen Menschen so fr√ľh wie m√∂glich Information √ľber Studienm√∂glichkeiten und den damit verbundenen T√§tigkeitsprofilen und Berufsperspektiven zu vermitteln. Leider wird immer wieder festgestellt, dass junge Menschen oftmals erst nach sieben oder acht Semestern erkennen, dass das gew√§hlte Studienfach nicht den Vorstellungen entspricht oder aber nicht zum gew√ľnschten Berufsziel f√ľhrt.

Es ist daher zu unterst√ľtzen, dass in den vergangenen Jahren sowohl Schulen, als auch Hochschulen und die Studentenwerke ihr Beratungsangebot ausgebaut und intensiviert haben. Zur Beratung geh√∂rt auch die Darstellung alternativer Berufswege (Berufsakademien, Fachhochschulen), um so m√∂glichen Entt√§uschungen entgegenzuwirken. Ob diese Initiativen den gew√ľnschten Erfolg haben, werden nicht zuletzt die kommenden Studien zum Thema Studienabbruch zeigen.

Eines sollte dennoch klar sein: F√ľr die Gesellschaft sollte die Frage des Studienabbruchs keine Frage der Moral sein. Sie muss die Rahmenbedingungen daf√ľr schaffen, dass junge Menschen entsprechend ihrer F√§higkeiten auch ein erf√ľlltes und selbstbestimmtes Erwerbsleben f√ľhren k√∂nnen.



Ein Studienabbruch kann nur individuell betrachtet werden. Aus diesem Grund haben wir uns noch anderweitig nach Meinungen und Erfahrungen umgehört.

Sebastian Back, 21 Jahre, Sportwissenschaften, 2. Semester: "Das Studium sollte schon deinen Neigungen entsprechen. Vorher ausreichend informieren, was man mit dem Studium erreichen kann. Klar, eine Lehre bringt auch was, aber ein Studium öffnet dir ein weites Spektrum an Tätigkeitsfeldern. Ich hab mich während des Zivildienstes gut informiert und bin sehr zufrieden mit meinem Studium, auch wenn’s manchmal zu theoretisch und trocken ist."
Sebastian will sp√§ter im Bereich Rehabilitation arbeiten und Therapien f√ľr Profisportler entwickeln.

Gustav Plocher (Name ge√§ndert), 22 Jahre, brach sein Maschinenbaustudium ab und ist seit zwei Jahren selbstst√§ndiger Kunststoffwerktechniker: "Das Studium hat mir keinen Spa√ü gemacht. Ich hatte keine Lust zehn Jahre etwas zu studieren, um danach als Angestellter zu arbeiten." Seinen Betrieb hat er aus Eigennutz gegr√ľndet: "Ich habe Motorradverkleidungen f√ľr mich hergestellt und bin dann auf die Idee gekommen, das gewerblich zu machen." Nebenher f√§hrt er Motorradrennen beim GSXR-European-Cup: "Ich kann mir ja daf√ľr Zeit nehmen, soviel ich will".

Das Hochschulteam der Bundesagentur f√ľr Arbeit: "Insgesamt muss jeder f√ľr sich selbst entscheiden, ob ein Studium sinnvoll ist oder nicht. Jeder kann erfolgreich sein, wenn er wei√ü, was er will. Ein abgebrochenes Studium bringt einem keinerlei fachliche Qualifikation, auch nicht bei bestandenem Vordiplom. Ohne einen abgeschlossenen Berufabschluss tut man sich im Berufsleben schwer. Generell haben Akademiker bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Wichtig ist au√üerdem, sich als Studienabbrecher zu √ľberlegen, warum es nicht funktioniert hat".


Der Artikel erschien urspr√ľnglich am 5. September 2006, in der ruprecht-Ausgabe 101.

von Jennifer Gesslein und Rebecca Winter
   

Archiv StudiLeben 2022 | 2021 | 2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004