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 Interview
09.06.2010

„Die Bibel ist auch Goethe“

Martin Walser über seine neue Novelle „Mein Jenseits“

Martin Walser las im DAI aus seiner neuen Novelle und seinen Tagebüchern. Das Gespräch führte Fiona Byrne.

Martin Walser las im DAI aus seiner neuen Novelle und seinen TagebĂĽchern.

Das Gespräch führte Fiona Byrne

ruprecht: In Ihrer neuen Novelle fragt die Hauptfigur Augustin Feinlein: „Warum glauben?“ Seine Antwort ist: „Weil uns etwas fehlt.“ Was ist für Sie Glaube?

Martin Walser: Was ich geschrieben habe, kann ich natürlich nicht in einer positiven Antwort trivialisieren. Mir ist der Glaube wichtig geworden, dann habe ich eine Novelle darüber geschrieben. Das wieder zurückzu-übersetzen in mein Privatbekenntnis wäre absurd.

ruprecht: In Ihren BĂĽchern ist Scheitern oft ein Thema. Feinlein ist dennoch durch seinen Glauben glĂĽcklich geworden.

Walser: Ich würde nicht „glücklich geworden“ sagen. Ich kann ihn nur zitieren: „Glauben ist das Gegenteil von Ergebnis, es ist ein Prozess.“ Glauben können und wollen kann nie aufhören. Es gibt keinen Punkt, an dem du „Das ist es!“ sagst.

ruprecht: Zum ersten Mal kommt in Ihrem Werk der Glaube so ausdrĂĽcklich zur Sprache. Liegt das an Ihrem Alter?

Walser: Das bewusste Glauben spielte bei mir immer eine Rolle. Ich bin aber noch nie erzählerisch damit umgegangen. Ich plane nicht, was ich schreibe, das läuft anders: Etwas kommt auf mich zu, ich kann es ablehnen oder nicht und dann schreibe ich es. Aber, um aus dem Buch zu zitieren, „dass wir mehr glauben als wissen“ stimmt doch. Auch „Lieben“ bedeutet Glauben. Du kannst nie wissen, ob du geliebt wirst, sondern musst das glauben. Ich habe mich also mit dem Thema Glauben auch dem entzogen, was beweisbar ist.

ruprecht: Sie schreiben: „Glaube heißt, sich die Welt schöner zu machen, als sie ist.“ Das ist doch zu einfach! Glaube ist mehr als das zu glauben, was ich gerade brauche.

Walser: Wirklich? Für mich ist Glauben der Versuch, alles so zu sehen, wie ich es brauche. Das gelingt ohnehin nicht. „Glauben, was nicht sei, das es ist“ – das ist natürlich paradox. Nehmen Sie Urknall und Genesis. Die Genesis lesen bedeutet, sich die Welt schöner zu machen, als sie ist. Das war jedoch nie so und wird auch nie so sein!

ruprecht: FĂĽr manche Menschen ist Glaube die einzige Wahrheit, obwohl heute auch Glaube und Wissenschaft vereinbar sind. Wie sehen Sie das?

Walser: Das Wort Wahrheit ist überflüssig. Die Genesis ist wunderschöne Literatur, auch das Weihnachts­evangelium. Wenn man so etwas von Kindheit an mitbekommt, kann ich das gar nicht durch etwas, was man Wahrheit nennt, ersetzen. Diese Wahrheit ist mir auch egal. Maria und Josef an der Krippe ist für mich wie Kafka oder Goethe, nur früher. Das Wort „Wahrheit“ vergessen wir. Ich brauche bei einem Roman auch nicht „Wahrheit“.

ruprecht: Wie viel Walser steckt in Augustin Feinlein?

Walser: Ich kann durch die Figuren mehr aus mir herausbringen. Was Feinlein sagt, würde ich privat nie sagen. Martin Walser ist jedoch nicht gleich Augustin Feinlein. Bei Kindern ist das auch so: Beim Spielen lassen sie Figuren Dinge sagen, die sie selbst nie sagen würden. Es ist einfach schön, mit Figuren zu spielen, es macht Spaß und provoziert.

ruprecht: Vielen Dank für das Gespräch!

   

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