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 Heidelberg
10.06.2010

Macht Public Viewing Spaß?

Geteilte Meinungen zum gemeinsamen Fußballerlebnis

Neben dem traditionellen Fußballschauen mit Freunden daheim oder in der Kneipe, erfreut sich Public Viewing großer Beliebtheit. Benjamin Weineck und Julia Held beleuchten Vor- und Nachteile der Open-Air-Fußballunterhaltung.

Am 11. Juni beginnt die Fußball-WM. Ganz Deutschland freut sich. Doch wie sollte man die Spiele erleben? Neben dem traditionellen Fußballschauen mit Freunden daheim oder in der Kneipe, erfreut sich Public Viewing großer Beliebtheit. Benjamin Weineck und Julia Held beleuchten die Vor- und Nachteile der Open-Air-Fußballunterhaltung.


Eine Freiluft-Feier mitten im Sommer: großartige Stimmung, Sonnenschein und Fußball. Da lass‘ ich mich nicht zweimal bitten. Es macht doch immer am meisten Spaß, mit möglichst vielen anderen Fans zusammen meiner Mannschaft zuzurufen und zu jubeln!

Die Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land löste eine Welle der  Fußballbegeisterung aus, die alle ĂŒberrascht hat. Mitverantwortlich dafĂŒr war vor allem ein PhĂ€nomen: Public Viewing. Das gemeinschaftliche Fan-Erlebnis erfreute sich wĂ€hrend der letzten WM eines enormen Zulaufes und hat in jenem Jahr das Fußballschauen revolutioniert. Das Spiel, das ich sonst immer in der Eckkneipe oder zu Hause auf der Couch verfolgt habe, wird so zur großen Party, die begeisterten Rufe der Fans zur Musik. Gegner und Mitstreiter, Fans und Gelegenheitszuschauer feiern zusammen.

Der Ball rollt, das Bier fließt und alle machen mit. Hier bin ich Fan, hier darf ich‘s sein. Hier kann ich rufen, schreien oder weinen. Denn niemand kommt, um sich das Spiel in Ruhe und innerer Einkehr mit sich selbst anzusehen. Die messerscharfen Spielanalysen erarbeite ich mir mit denen, die um mich herum stehen – auch mit denen, die ich gar nicht kenne (oder nur noch nicht kannte).

Die Freude ĂŒber ein geschossenes Tor ist umso schöner, wenn man sie mit hunderten von begeisterten Fans teilen kann. Gewonnene Spiele lassen sich so ausgelassen feiern wie man es zu Hause auf der Couch kaum erleben wird. Wenn ich zu laut bin, kommt in einer Kneipe schon mal ein Zischen vom Nachbartisch. Man sei ja schließlich zum Fußballschauen, nicht zum Unterhalten gekommen, heißt es da. Selbst im Stadion habe ich das schon erlebt. Nicht jedoch beim Public Viewing. Hier stellt mich niemand ruhig. Niemand will unbedingt dem Kommentator lauschen, der meistens, außer Namen aufzuzĂ€hlen, sowieso nur wenig interessante Informationen beisteuert.

WĂ€hrend ich mir die Spiele sonst immer im gleichen Kreis von Leuten und Meinungen anschaue, kann die öffentliche Fan-Feier mit diesem Trott brechen. Wann erhalte ich schon die Gelegenheit, an so vielen verschiedenen Fußball-Ansichten und Emotionen teilzuhaben? Was Fußball in Stadien nicht immer leisten kann, klappt beim Public Viewing wunderbar. Alle stehen dicht an dicht beieinander, Bierverbrauch und Aufregung sind groß, die Stimmung aufgeheizt – aber eben fröhlich, friedlich und gewaltfrei. Schön ist es, mit Gleichgesinnten zu sein, die sich nicht ĂŒber das enge Beieinanderstehen und  die Hitze beklagen, sondern das gemeinschaftliche Fußballerlebnis genießen.

Zudem entfalten sich Ideen in dem bunten Gewimmel aus Fahnen, Wimpeln, HĂŒten und Tröten, die weit ĂŒber das Spiel an sich hinausgehen: Public Viewing und damit das öffentliche Feiern der Nationalmannschaft hat einen neuen, unverkrampften Umgang mit Schwarz-Rot-Gold angestoßen. Die Fan-Feste sind ohne ihre Farbenpracht, ohne Wimpel und Fahnen nicht denkbar. Und wenn sich das MĂ€del neben mir die Deutschlandfahne um Kopf, BrĂŒste oder Taille  geschlungen hat, freue ich mich nicht nur ĂŒber den Anblick, sondern auch ĂŒber den lockeren Umgang mit der Fahne.

Was außerhalb der Public-Viewing-Zonen sonst als faux pas gilt, hat hier nichts mit Nationalismus zu tun, sondern ist eine gesunde Neuverortung nationaler Symbole, bei der die Fahne ihr nationalistisches GeschmĂ€ckle verliert. Deshalb freue ich mich, wenn es am Freitag wieder heißt: Anstoß fĂŒr das Fan-Fest!

Es ist ein Fluch! Ich bin nicht konsequent genug. Jedes Mal nehme ich mir vor, nicht zum Public Viewing zu gehen, und wo lande ich am Ende? In einer schubsenden, stinkenden, ĂŒberhitzten Menge, die fuchtelnd und verzweifelt „ihren Jungs“ zuschreit, was sie zu tun haben. Nur so viel: Sie hören Euch nicht; es gibt also keinen Grund mir bis zur Taubheit ins Ohr zu brĂŒllen! Vor einer WM oder EM hört sich fĂŒr mich Public Viewing verlockend an. Die Stimmung beflĂŒgelnd, die Leinwand riesig, die Luft quasi geschwĂ€ngert von nostalgischen Erinnerungen an das SommermĂ€rchen 2006. Immer mit dabei: die Vorstellung, dass es so auch dieses Mal werden könnte: Sommer, Sonne, Fußball-Party pur.

Doch der Schein trĂŒgt. Regen, schlechte Sicht und miserable Akustik zerstören die schönen Illusionen ĂŒberraschend schnell. Public Viewing, was im Englischen eigentlich „Leichenschau“ bedeutet, erinnert mich eher an eine Affenschau, Ă€hnlich wie im Zoo. Auch wenn ich oft gewillt bin, zu behaupten, dass sich die Affen im Gehege zivilisierter verhalten als die Menschenmassen, die sich drĂ€ngend und grölend um die Leinwand versammeln, um dort mit ihrer proletenhaften Verhaltensweise zu punkten.

Dabei tun die Spezis, die das ganze Jahr ĂŒber kein einziges Fußballspiel gesehen haben, so, als hĂ€tten sie den Durchblick eines Bundesligatrainers. Ich gebe zu: auch ich bin nur einer dieser unwĂŒrdigen LĂ€nderspielfans. Aber wenigstens weiß ich, dass ich keine Ahnung habe und halte darum besser den Mund. Wie sehr wĂŒnschte ich mir, andere tĂ€ten es mir gleich.

Da sich das Ganze nur mit Alkohol ertragen lĂ€sst, fĂŒhrt dazu, dass die pöbelnde Menge sich immer mehr in Aggressionen gegenĂŒber der gegnerischen Mannschaft hineinsteigert. Da werden Italiener zu „dummen Spaghettifressern“, Franzosen zu „Franzecken“ – keine Spur mehr vom harmonischen, europĂ€ischen Einheitsgedanken. Aber auch der Respekt vor den Spielern der eigenen Mannschaft scheint oft non-existent zu sein, wenn sie nicht die vom Publikum gewĂŒnschte Leistung bringen. Sportlich faires Auftreten sollte jedoch nicht nur von den SportsmĂ€nnern auf dem Fußballfeld, sondern auch von den Zuschauern vor den LeinwĂ€nden erwartet werden.

GetrĂ€nke und Essen dĂŒrfen natĂŒrlich nicht selbst mitgebracht, sondern mĂŒssen an StĂ€nden teuer erstanden werden. DrĂ€ngt man sich dann mit den vollen Bechern zwischen schwitzenden Leibern hindurch, verschĂŒttet man die HĂ€lfte des Biers gezwungenermaßen auf die rempelnden Nebenstehenden. Und die eigenen Freunde, mit denen man das Spiel genießen und begießen wollte, findet man garantiert nicht wieder.

Auf einmal laufen hunderte unbekannte homines heidelbergensis auf dem  Uniplatz herum. Um eine Entwicklung von einer halben Million Jahre rĂŒckgĂ€ngig zu machen, braucht manch einer beim Public Viewing nur gute 90 Minuten. Der Gruppenzwang begĂŒnstigt diese Re(-E)volution nur noch mehr. Leider kann ich zu einer solchen RĂŒckentwicklung nicht gratulieren.

Doch ich bin mir sicher: Fußball schauen geht kultivierter. Manchmal ist konservativ eben doch besser: bequem mit Freunden zu Hause auf dem Sofa lĂŒmmeln, Bier trinken und wirklich etwas vom Spiel mitbekommen – sowohl Ton als auch Bild – oder wer den Zusammenhalt der Menge spĂŒren will auch gern in der Kneipe, in der man sitzend (!) das Spiel genießen kann.

von Julia Held und Benjamin Weineck
   

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