Dies ist ein Archiv der ruprecht-Webseiten, wie sie bis zum 12.10.2013 bestanden. Die aktuelle Seite findet sich auf https://www.ruprecht.de

ruprecht-Logo Banner
ruprecht/Schlagloch-doppelkeks-Jubiläum
Am 13.10. feiern wir 25 Jahre ruprecht/Schlagloch und 10 Jahre doppelkeks [...mehr]
ruprecht auf Facebook
Der aktuelle ruprecht
ruprecht vor 10 Jahren
Andere Studizeitungen
ruprechts Liste von Studierendenzeitungen im deutschsprachigen Raum
ruprecht-RSS
ruprecht-Nachrichten per RSS-Feed
 Interview
05.03.2010

Unis f√ľr die Eliten?

Das Pro/Contra-Doppelinterview

Michael Hartmann ist Professor f√ľr Soziologie mit Schwerpunkt Eliteforschung an der TU Darmstadt. Seine Studie ‚ÄěDer Mythos von den Leistungseliten‚Äú belegt, dass es keine Chancengleichheit bei der Besetzung von Elitepositionen gibt, sondern die soziale Herkunft eine zentrale Rolle spielt.

Erstmals erschienen am 13. Juni 2006 in der ruprecht-Ausgabe 102

Das Gespr√§ch f√ľhrte Reinhard Lask

ruprecht: Herr Hartmann, Sie meinen wir brauchen keine Elite-Universitäten in Deutschland? Was brauchen wir stattdessen?

Michael Hartmann: Ich glaube, dass man sich in Deutschland auf die traditionelle St√§rke besinnen sollte: das sehr hohe Niveau in der Breite. Dieses hohe Niveau in der Breite sollten wir ausbauen. Das w√§re ein vern√ľnftiges Ziel, aber daf√ľr br√§uchte man mehr Geld. Indem sich die gesamte Diskussion dank der Eliteinitiative auf die Frage ‚ÄěWer geh√∂rt nun dazu und wer nicht‚Äú konzentriert, t√§uscht sie √ľber das reale Problem hinweg, n√§mlich, dass 80 Prozent der Universit√§ten bald schlechter als heute dastehen werden.

K√∂nnten Studiengeb√ľhren die finanzielle Lage aller Universit√§ten verbessern?

Alle L√§nder, die Studiengeb√ľhren eingef√ľhrt haben, √Ėsterreich, Australien und auch die staatlichen US-Universit√§ten, zeigen, dass das nach dem Prinzip ‚Äěrechte Tasche ‚Äď linke Tasche‚Äú funktioniert. Mit einer zeitlichen Verz√∂gerung von einigen Jahren werden mit der Begr√ľndung leerer Kassen die √∂ffentlichen Gelder f√ľr die Hochschulen gek√ľrzt und wird so das zus√§tzliche Geld wieder herausgezogen.

Sind Kaderschmieden nach ausländischem Vorbild nicht auch ein Wirtschaftsmotor?

Nein. Alle gro√üen Industriel√§nder, wie USA, Frankreich, Gro√übritannien und Japan haben zwar solche Kaderschmieden, trotzdem aber wirtschaftliche Probleme gehabt. Japan stand wirtschaftlich in den 1980ern brillant da, in den 1990er Jahren katastrophal, jetzt geht es wieder aufw√§rts. Gro√übritannien war in den 80ern mittelm√§√üig, in den 90ern gut, jetzt geht es wieder abw√§rts. In Frankreich verlief die wirtschaftliche Entwicklung praktisch parallel zu Deutschland. Wenn man die wirtschaftliche Leistung der Gesellschaften als Ma√üstab nimmt, gibt es keinen Zusammenhang zwischen Elite-Unis und wirtschaftlicher Leistungsf√§higkeit. 

Wie sieht es mit der wissenschaftlichen Leistung aus?

Die der japanischen Elite-Unis ist nicht √ľberragend und die franz√∂sischen Kaderschmieden spielen f√ľr die Forschung √ľberhaupt keine Rolle. Gro√übritannien hat mit Oxford und Cambridge eine lange Forschungstradition, verliert aber deutlich an Boden. Die Elite-Unis in den USA funktionieren nur, weil sie mit enormen Summen Spitzenwissenschaftler einkaufen. Wenn die auf den heimischen ‚ÄěBrainpool‚Äú angewiesen w√§ren, ginge das nicht. Der heimische Pool ist einfach zu schlecht daf√ľr. Au√üerdem w√§hlen die meisten Studierenden F√§cher, mit denen sie ihre Studiengeb√ľhren von bis zu 50.000 Dollar am ehesten wieder ‚Äěrausholen‚Äú ‚Äď also ‚ÄěMedicine‚Äú, ‚ÄěEconomics‚Äú und ‚ÄěLaw‚Äú.

Einige Rektoren setzen auf mehr Auslese und sagen, dass Massenuniversit√§ten in die Beliebigkeit f√ľhrt. Stimmt das?

Nein. In den 1970er Jahren wurden die Universit√§ten ausgebaut, um einem gr√∂√üeren Teil eines Jahrgangs ein Studium zu erm√∂glichen. Darin sind wir international gesehen immer noch relativ weit hinten. Ihr Rektor Hommelhoff hatte in einem Interview mit der New York Times mal behauptet, dass Heidelberg Weltspitze war, als es noch 10.000 Studierende hatte. Viele Elitekandidaten behaupten, dass das Konzept Massenuniversit√§t gescheitert sei und haben die Vorstellung ‚Äěklein und fein‚Äú. Wenn man das in Deutschland fl√§chendeckend durchziehen w√ľrde, w√§ren wir wohl endg√ľltig Schlusslicht in der Bildungsbeteiligung im Hochschulbereich. Die wenigen, die es schaffen, werden sich als Elite-Unis, mit Konzentration auf Forschung, institutionalisieren und versuchen ihre Studierendenzahlen zu senken, um so die Forschungs-Bedingungen zu verbessern.

Das heißt der Zugang zum Studium dort wird also maßgeblich erschwert werden.

Mit Sicherheit. Die Studierenden, die man nicht mehr haben will, werden dorthin abgeschoben, wo gro√üe Massen schnell bis zum Bachelor-Abschluss durchgeschleust werden. Die Hochschullandschaft wird sich in etwa 25 Forschungsuniversit√§ten und 80 Ausbildungsuniversit√§ten aufteilen. Das mag f√ľr die, die zu den 25 geh√∂ren attraktiv sein, nur machen die sich keine Gedanken dar√ľber, was mit den anderen passiert. F√ľr die ‚ÄěAusbildungsuniversit√§ten‚Äú bedeutet das schlicht kurze Studieng√§nge unter schlechten Bedingungen.

Wie wird sich das auf die Gesamtqualität von Forschung und Lehre auswirken?

Qualit√§t und Niveau des deutschen Hochschulsystems insgesamt werden sinken. Eliteuniversit√§ten werden durch mehr Geld bessere Rahmenbedingungen und Forschung als heute haben und so die besten Professoren anziehen. F√ľr die zehn besten Unis wird es also sp√ľrbar besser, f√ľr weitere zehn bis 15 vielleicht etwas besser werden, f√ľr den Rest aber erheblich schlechter werden. Dass diese Ma√ünahmen den Wissenschaftsstandort voranbringen, ist eine Illusion.

Was könnte die Universitäten stärken? Sind alle derzeitigen Konzepte falsch?

Die Zielsetzung, die Forschung zu st√§rken ist nicht schlecht. Es ist aber problematisch, dass im Rahmen der Exzellenzinitiative nicht √ľber die Lehre gesprochen wird, was f√ľr die Studierenden ja weitaus wichtiger w√§re. Nur kann man die nicht verbessern, wenn man nicht bereit ist, deutlich mehr Geld in den Bildungssektor zu investieren. Bislang gibt es unter verschleiernden Namen, wie etwa das ‚ÄěHochschuloptimierungskonzept‚Äú in Niedersachsen, nur K√ľrzungen.

Ist die Einf√ľhrung vom Bachelor/Master-Studieng√§ngen ein Fehler?

Vom derzeitigen Modell halte ich nicht viel, aber es h√§tte auch n√ľtzlich sein k√∂nnen. Es w√§re sinnvoll gewesen, wenn die Ausbildung f√ľr andere Berufsfelder, etwa f√ľr Kinderg√§rtnerinnen, Krankenpfleger oder medizinisch-technische Assistentinnen in die Hochschulen integriert worden w√§re. Diese Leute auf Bachelor-Niveau auszubilden, w√§re ein Gewinn gewesen. Wir machen aber das Gegenteil.

Welche Auswirkungen haben ihrer Meinung nach die Zulassungsbeschränkung zu den neuen Master-Studiengängen?

Bisher waren unsere Diplome weltweit gesehen mit dem Master vergleichbar. Wenn man jetzt durchschnittlich nur noch die H√§lfte, in Baden-W√ľrttemberg wohl 30 Prozent, der Bachelor-Absolventen zulassen will, dann werden wir im internationalen Vergleich deutlich unter dem Durchschnitt der Masterstudierenden pro Jahrgang liegen. Daf√ľr werden wir ein paar mehr Bachelorabschl√ľsse haben. In der Gesamtsumme wird das im internationalen Vergleich aber weit weniger sein.

Können Sie da ein Beispiel geben?

In Berlin sollen jetzt 20 bis 30 Prozent der Studienpl√§tze gestrichen werden, da sonst die Betreuungsverh√§ltnisse f√ľr die Akkreditierung der neuen Studieng√§nge nicht mehr ausreichen. Mittelfristig will die TU Berlin statt 4000 nur noch 3000 Erstsemester zulassen. Man glaubt, dass man mit den gleichen oder weniger finanziellen Mitteln wie heute, die gesetzten Ziele erreichen kann. Das geht einfach nicht.

W√§re es nicht f√ľr den einzelnen Studenten nicht besser, wenn sich durch die Verringerung der Studierendenzahlen die Lehrbedingungen an seiner Uni verbessern w√ľrden?

Ja, f√ľr den, der dann noch reinkommt. Bei mir in den Seminaren wird manchmal √§hnlich argumentiert. Die Darmst√§dter Soziologie hat als eines von wenigen F√§chern an der TU keine Zugangsbeschr√§nkung. Die Politikwissenschaft dagegen hat eine drastische Zulassungsbeschr√§nkung eingef√ľhrt und damit die Erstsemesterzahlen auf ein Drittel reduziert. Wenn ich in den 100 Teilnehmern in meinem Proseminar sage, dass zwei Drittel raus m√ľssen, freut das die 33, die bleiben d√ľrfen. Nur was sagen die 67, die gehen m√ľssen? So muss man das sehen.

Wohin entwickelt sich die Hochschullandschaft in den nächsten zehn Jahren?

Es spricht einiges daf√ľr, dass wir in zehn bis 15 Jahren folgende Hochschullandschaft haben: Es gibt zehn √∂ffentlich zertifizierte Eliteuniversit√§ten, die deutlich mehr Geld haben als die anderen und dank ihres Images die besten Professoren und Studenten anziehen. Dann wird es ein Umfeld von etwa 15 forschungsstarken Universit√§ten geben und den Rest nur noch als bessere Ausbildungshochschulen. Die Personalchefs werden dann darauf achten, wo jemand studiert hat. F√ľr bestimmte Positionen wird der Studienort dann entscheidend sein. Das spielt heute noch keine Rolle. Wer nicht in den Elite-Unis aufgenommen wird, wer abgelehnt wird, der braucht sich f√ľr bestimmte Positionen gar nicht mehr anstrengen, weil er die sowieso kaum noch erreichen kann. Das ist eine sehr fr√ľhzeitige Einengung dessen, was man als Potenzial in einer Gesellschaft hat.

Was wäre ihrer Meinung nach der Weg um das Potenzial der Gesellschaft auszuschöpfen?

Es w√§re notwendig den Hochschulsektor sinnvoll strukturiert in der Breite zu f√∂rdern. Ich bin gegen die Konzentration auf Elite-Unis, sondern f√ľr die St√§rkung des Potenzial auf allen Ebenen, was ja trotz der Unterfinanzierung bisher immer noch funktioniert hat. Mein Lieblingsbeispiel daf√ľr ist das MP3-Format. Das wurde ma√ügeblich von einem Professor der TU Ilmenau entwickelt. Das zeigt, wie an Hochschulen, die bei der anstehenden Neustrukturierung zu den eindeutigen Verlierern z√§hlen werden, exzellente Forschung gemacht werden kann, wenn man den Leuten die M√∂glichkeit dazu geben kann. So etwas wird in zehn, zwanzig Jahren fast nicht mehr m√∂glich sein. Da verschenkt man schlicht und einfach Potenzial, das heute noch da ist.


Der Heidelberger Prorektor Jochen Tröger ist anderer Meinung.

von Reinhard Lask
   

Archiv Interview 2021 | 2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004