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 Interview
12.03.2010

Integriert wie M√ľller oder Meier

Romani Rose √ľber Geschichte und Lage der Sinti und Roma

Romani Rose ist seit 1982 Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma und leitet das Dokumentations- und Kulturzentrum Heidelberg, dass sich gegen Diskriminierung und Rassismus seiner und anderer Volksgruppen richtet.

Erschien erstmals am 11. Juni 2002 in der ruprecht-Ausgabe 78

ruprecht: Wie viele Deutsche wissen heute, dass Nazi-Deutschland einen V√∂lkermord an den Sinti und Roma ver√ľbte, dem hunderttausende Menschen zum Opfer fielen?

Romani Rose: Das Wissen ist auf keinen Fall ausreichend, weil der Holocaust an den Juden im Vordergrund gestanden hat - auch f√ľr die Politik, egal unter welcher Regierung. Aber der Holocaust an Sinti und Roma wurde mit der gleichen Konsequenz, mit der gleichen Zielrichtung und mit der gleichen Umsetzung in der Praxis durchgef√ľhrt wie bei den Juden. Sinti und Roma wurden vom Kleinkind bis zum Greis - und das macht die Einmaligkeit des nationalsozialistischen V√∂lkermords aus - systematisch vernichtet. Sie wurden diffamiert, ausgegrenzt, deportiert und in den Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet. Ein gro√üer Teil fiel systematischen Erschie√üungen der SS und des SD, aber auch der Wehrmacht an der Ostfront zum Opfer.

Warum ist die Bev√∂lkerung dar√ľber so schlecht informiert?

Dieser V√∂lkermord ist erst 1982 von einer deutschen Bundesregierung anerkannt worden. Es hat √ľber vier Jahrzehnte gedauert, bis auch dieses Verbrechen zur Kenntnis genommen worden ist. Vieles aus der nationalsozialistischen Rassenideologie konnte deshalb in der B√ľrokratie der Bundesrepublik kontinuierlich weiterleben. Dadurch war unsere Minderheit gezwungen, in der Anonymit√§t zu leben, um Repressionen und Benachteiligungen zu entgehen. Durch die B√ľrgerrechtsarbeit ist aber viel geschehen. Die Anerkennung durch die damalige sozialdemokratische Regierung unter Bundeskanzler Helmut Schmidt wurde 1985 von Bundeskanzler Kohl in einer von uns als historisch empfundenen Regierungserkl√§rung erneuert und best√§tigt. In der Konsequenz der politischen Verantwortung der Bundesrepublik Deutschland wurden 1995 die deutschen Sinti und Roma neben den D√§nen, Friesen und Sorben als nationale Minderheiten anerkannt.

Sie sagen, dass Sinti und Roma in der Entsch√§digungsfrage gegen√ľber anderen Opfergruppen immer benachteiligt waren. Woran liegt das?

Die Bundesregierung hat in der Vergangenheit mit dem Staat Israel und den Amerikanern verhandelt. Wir wurden in die Verhandlungen nicht mit einbezogen. Dies werfen wir der Bundesregierung und der Stiftung zur Zwangsarbeiterentschädigung in Berlin vor, die damit eine Ungleichbehandlung bis heute fortsetzt.

Sinti und Roma haben alte Traditionen, die schwer mit der modernen Gesellschaft zu verbinden sind, wie die Reinheitsgebote oder die patriarchale Familienstruktur. Wie gehen Sinti und Roma mit diesem Spannungsverhältnis um?

Das sind alles Klischees, Romantisierungen und falsche Vorstellungen. Sie betonen einerseits die Romantik, andererseits das Unheimliche. Das hat nichts mit der Minderheit zu tun. Sinti und Roma sind in ihrer Lebensweise genauso integriert wie M√ľller oder Meier. Wir, die deutschen Sinti und Roma, sind zu √ľber 95 Prozent katholisch und 5 Prozent sind protestantisch. Unsere j√ľngere Generation h√∂rt Techno, geht in Discos. Die Menschen lesen die Bildzeitung, aber es gibt auch Leute, die den Spiegel oder den Stern lesen. Wenn man durch die Ausstellung in unserem Zentrum geht, wird man an Hand der Biografien feststellen, dass die Gro√üv√§ter in der kaiserlichen Armee waren, oftmals waren es Soldaten mit hohen Auszeichnungen. Selbst im Zweiten Weltkrieg hat es noch an der Front Sinti gegeben, die gar nicht gewusst haben, dass sie Angeh√∂rige der Minderheit sind. Denn im Gegensatz zu den Juden konnten die Nazis uns nicht auf Grund der Religion identifizieren. Sie mussten Genealogien anlegen, die bis ins 16. Jahrhundert zur√ľckreichten.

Gibt es einen Unterschied zwischen Antiziganismus und Ausländerfeindlichkeit?

Es gibt einen Unterschied. Antiziganismus ist vergleichbar mit Antisemitismus. Diese beiden Minderheiten waren jahrhundertelang einer rassistischen Ausgrenzung und Stigmatisierung ausgesetzt. Dies machten sich die Nazis f√ľr ihre sp√§teren Ma√ünahmen des V√∂lkermords zunutze. Diese Stereotypen sind so tief in der deutschen Gesellschaft verwurzelt, dass immer eine Gefahr besteht, dass sie wieder aufbrechen und benutzt werden. Das ist der Unterschied zu momentanen fremdenfeindlichen Stimmungen gegen Ausl√§nder.

H√§ngt die gegenw√§rtige Diskriminierung zum Teil damit zusammen, dass der Durchschnittsb√ľrger kaum etwas √ľber die Lebensweise der Sinti und Roma wei√ü?

Der Unterschied zwischen Mehrheit und Minderheit besteht auch lediglich darin, dass die Minderheit zus√§tzlich eine eigene Kultur besitzt, eine besondere Kunstrichtung, Musik und Poesie und √ľber eine eigene Sprache verf√ľgt, das deutsche Romanes. Das Romanes ist eine Sprache, die sich aus dem indischen Sanskrit entwickelt hat und von der es eine deutsche Auspr√§gung gibt.

Die meisten Sinti und Roma reisen heute nicht mehr als der Rest der Bev√∂lkerung. Inwiefern ist das selbst gew√ľnschte Integration, und inwieweit Assimilation?

Sinti und Roma leben seit vielen Jahrhunderten in Deutschland. Zwischen unserer kulturellen und nationalen Identit√§t besteht kein Widerspruch. Es geht in der politischen Arbeit darum, dass die Mehrheit akzeptiert, dass Sinti und Roma Angeh√∂rige einer Minderheit sind und trotzdem Deutsche sein d√ľrfen. Sie haben Recht, dass Sinti und Roma in Urlaub fahren wie andere auch. Manche fahren mit dem Campingwagen, andere fliegen mit dem Flugzeug und machen Urlaub auf Mallorca und in anderen warmen Gefilden oder im Schwarzwald. Wie die Mehrheitsbev√∂lkerung m√ľssen sie R√ľcksicht auf die Schulferien oder ihr Berufsleben nehmen. Wer in dieser Leistungsgesellschaft existieren will, der kann sich nicht diese Art Freir√§ume schaffen, die man uns gerne zuordnet, die aber nicht vorhanden sind.

Das Kulturzentrum der Sinti und Roma besteht seit 1997. Haben Sie damit so viele Menschen erreicht, wie Sie es sich erhofft hatten?

Wir haben im Durchschnitt zwischen 13.000 und 14.000 Besucher im Jahr: Heidelberger, Gäste, Touristen und Schulklassen. Und wir machen Tagungen und Veranstaltungen mit Lehrern, Behördenvertretern oder anderen gesellschaftlichen Multiplikatoren. Das Interesse von Seiten der Universität und der Studierenden ist dagegen aus unserer Sicht noch sehr gering.

Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Zentrum?

Erstmal gibt es die Ausstellung, die den Holocaust an unserer Minderheit von der Ausgrenzung bis zur Vernichtung anhand von Einzelbiografien, Bildern und Dokumenten darstellt. Diese Ausstellung ist weltweit einmalig. Au√üerdem ist unsere Einrichtung ein Forum f√ľr Menschenrechte. Wir haben zum Beispiel Veranstaltungen gemacht zu den V√∂lkermorden in Ruanda oder an den Armeniern. Eine Konsequenz, die wir aus unseren eigenen Erfahrungen ziehen, ist es, uns gegen jede Form von Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus zur Wehr zu setzen. Darum haben all die anderen Minderheiten, die heute der Verfolgung ausgesetzt sind oder waren, wie etwa die Zeugen Jehovas, unsere Solidarit√§t und Unter- st√ľtzung.

Wie unterst√ľtzt der Zentralrat die Roma, die vor Diskriminierung und Pogromen in Osteuropa fliehen?

Der Zentralrat hat sich immer daf√ľr eingesetzt, dass diese Leute in der gegenw√§rtigen Situation nicht abgeschoben werden, solange nicht ihr Leben und ihre Sicherheit garantiert werden k√∂nnen. Problematisch ist die Situation im Kosovo. Aber auch in Rum√§nien, Tschechien, Bulgarien und der Slowakei - um nur einige zu nennen - gibt es √úbergriffe gegen Roma. Der Staat kommt in diesen L√§nder seiner Verantwortung, die Minderheit zu sch√ľtzen, oftmals nicht in ausreichendem Ma√üe nach. Am dramatischsten ist das, was im Kosovo geschehen ist. Von den ethnischen S√§uberungen waren insbesondere Roma betroffen. Von 150.000, die urspr√ľnglich im Kosovo gelebt haben, leben heute vielleicht noch bis zu 40.000 dort. Die anderen sind entweder systematischen Verbrechen - Mord, Terror, Vergewaltigung - zum Opfer gefallen oder vertrieben worden. Aber da hat es weltweit nicht die Proteste gegeben, die notwendig gewesen w√§ren, um diesen Verbrechen Einhalt zu gebieten.

Eine viel breitere √Ėffentlichkeit als Ihre Organisation hat der Zentralrat der Juden in Deutschland. Gibt es da nicht schon fast eine Konkurrenz um das kostbare Gut √∂ffentliche Aufmerksamkeit?

Nein. Der Zentralrat der Juden hat die √∂ffentliche Aufmerksamkeit mit Recht. Wir arbeiten sehr eng zusammen und unterst√ľtzen uns gegenseitig. Es liegt an der √Ėffentlichkeit und an den Medien, wem sie ihre Aufmerksamkeit schenken.

Sie k√§mpfen f√ľr ein zentrales Mahnmal in Berlin f√ľr den V√∂lkermord an Ihrer Volksgruppe. Wie steht es mit diesem Projekt?

Seitens der politischen Stellen im Bund und in Berlin gibt es die Zustimmung f√ľr das Mahnmal an dem von uns geforderten Ort - zwischen dem Reichstag und dem Brandenburger Tor. F√ľr den Entwurf des Mahnmals f√ľr die im nationalsozialistisch besetzten Europa ermordeten Sinti und Roma haben wir einen renommierten K√ľnstler vorgeschlagen, der in Paris lebt, n√§mlich Dani Karavan. Sein Modell wurde akzeptiert. Im August, am Jahrestag der "Aufl√∂sung" des so genannten Zigeunerlagers in Auschwitz-Birkenau und damit der Ermordung der letzten noch lebenden 3000 Sinti und Roma in den Gaskammern, soll der Entwurf der √Ėffentlichkeit vorgestellt werden.

Herr Rose, wir danken f√ľr dieses Gespr√§ch.

von Viktoria Funk und Freddy Staudt
   

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