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 Hochschule
18.05.2011

Eine ausgekochte Fälscherin?

Die Universität prüft Plagiatsvorwürfe gegen Silvana Koch-Mehrin

Die Netzdetektive haben wieder zugeschlagen: Das „Vroni Plag Wiki“ fand in der Promotion der FDP-Politikerin seitenweise Abgeschriebenes – ohne Quellenangabe. Die Philosophische Fakultät untersucht nun die Vorwürfe.

Gut, dass ich kein Politiker bin“ – das mögen sich in diesen Tagen manche Schreiberlinge oder „Doktoren“ denken, welche die eine oder andere FuĂźnote zu viel in ihren wissenschaftlichen Arbeiten verschlampt haben. Silvana Koch-Mehrin, FDP-Politikerin und amtierende Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, ist gerade mit PlagiatsvorwĂĽrfen Ă  la Karl-Theodor zu Guttenberg konfrontiert. 

Im Jahre 2000 promovierte sie mit dem Thema „Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik: die Lateinische MĂĽnzunion 1865–1927“ in Wirtschaftsgeschichte an der Philosophischen Fakultät Heidelberg. Ihr Doktorvater war der damalige Dekan und Rektor Volker Sellin. 

Die Betreiber der Internetseite „Vroni Plag Wiki“ hatten die Uni auf Koch-Mehrins angeblich plagiierte Doktorarbeit aufmerksam gemacht. In diesem Wiki kann jeder Nutzer, die einzelnen Seiten von Koch-Mehrins Dissertation auf nicht-zitierte Passagen durchsuchen und nach dem Original suchen. Erste Untersuchungen ergaben, dass mehr als ein Viertel der Arbeit abgeschrieben sein soll. Die Philosophische Fakultät berief daraufhin ihren Promotionsausschuss ein. 

Die Untersuchung solcher Vorwürfe ist Sache der Fakultäten, doch Dekan Manfred Berg bat auch die „Kommission zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis und zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten“ unter Vorsitz von Thomas Rausch um Mithilfe. Bis Ende Mai sollen die Untersuchungen des Promotionsausschusses abgeschlossen werden.

„Die Untersuchungen des Promotionsausschusses der Universität Heidelberg orientieren sich nicht an den Ergebnissen der Internetseite. Die Uni hat ihre eigenen Standards, mit denen sie die Arbeit überprüft“, schreibt die Uni in einer Pressemitteilung. Außerdem betont sie, generelle Vorwürfe bezüglich wissenschaftlichen Fehlverhaltens, wie Vermutungen von Plagiaten oder Fehler bei Publikationen, kämen im Durchschnitt zwei bis drei Mal pro Jahr vor. Dabei handele es sich also in der Regel um Ausnahmefälle.

Dennoch gebe es eingeführte Verfahren und Richtlinien wie die Promotionsordnung, die von den einzelnen Fakultäten festgelegt wird und im Internet einsehbar ist. Anhand dieser Ordnung wird auch die Promotion von Koch-Mehrin überprüft. Sehr transparent ist die Methodik allerdings nicht.

Bisher gab es kein einheitliches Vorgehen bei der Überprüfung von Plagiatsvorwürfen. Ich möchte betonen, dass solche Fälle sehr selten sind und es deshalb keinen Grund für einen Generalverdacht gab und gibt. Welche Konsequenzen aus dem Fall für die allgemeine Praxis zu ziehen sind, muss in aller Ruhe erörtert werden“, erklärt Berg.

Bisher setzte die Uni vor allem auf eine gute Betreuung und engen Kontakt der Doktoranden zu ihren Dozenten. AuĂźerdem fĂĽhrte die Uni 1998 Regeln fĂĽr gutes wissenschaftliches Arbeiten sowie die „Kommission zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis und zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten“, auf Empfehlungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ein. 

Die ĂśberprĂĽfung forschungsgemeinwissenschaftlicher Arbeiten mit einer Art „ÜberprĂĽfungssoftware“ und Texterkennungsprogrammen wird bisher nur an manchen Fakultäten der Uni Heidelberg praktiziert und ist umstritten. Umstritten sind sie nicht nur wegen ihrer Effektivität und Erfolgsaussichten, sondern auch, weil Plagiaten damit erst begegnet wird, nachdem sie geschehen sind. 

Deshalb setzt auch die DFG einen anderen Akzent, wie Pressesprecher Marco Finetti erklärt: „Im Vordergrund sollte stehen die Rahmenbedingungen für das Promovieren so zu gestalten, dass die Gefahr beziehungsweise die Versuchung von Plagiaten und anderen Formen von wissenschaftlichem Fehlverhalten möglichst gering ist. Studierenden sollten Regeln guten wissenschaftlichen Arbeitens möglichst früh nahegebracht werden. Zudem sollten sie für die Möglichkeit sensibilisiert werden, in Projekten, Graduiertenkollegs und anderen verbindlichen Arbeitszusammenhängen zu promovieren. Diese bieten eine intensive Betreuung, was die Gefahr von Fehlverhalten ebenfalls verringert.“

Ăśber Konsequenzen in Heidelberg muss also noch nachgedacht werden, auch abhängig von dem Ergebnis der Untersuchungen. „Demnächst diskutiert der Senat, ob von den Doktoranden in Zukunft eine eidesstattliche Versicherung verlangt werden soll“, kĂĽndigt Uni-Pressesprecherin Marietta Fuhrmann-Koch an. Diskussionen ĂĽber mögliche Ă„nderungen werden in der Kommission zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis gefĂĽhrt, sowie in den einzelnen Fakultäten. Dann wird auch gefragt, ob gute Betreuung, Vertrauen und schärfere Sanktionen ausreichen, wenn die Selbstkontrolle nicht funktioniert und Untersuchungen erst von Internetaktivisten angestoĂźen werden mĂĽssen. 

 Auch die Promotionsordnungen der Fakultäten mĂĽssen sicherlich ĂĽberarbeitet werden. Die Promotionsordnung der Philosophischen Fakultät stammt beispielsweise noch aus dem Jahre 1989. Silvana Koch-Mehrin gibt zu den PlagiatsvorwĂĽrfen bisher keine Stellung ab, ihr BĂĽro verweist lediglich an die Universität Heidelberg. Sollten sich die VorwĂĽrfe erhärten, könnte ihr nach einer Anhörung vor dem Untersuchungsausschuss der Doktortitel entzogen werden.

von Manuela Peitz
   

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