Dies ist ein Archiv der ruprecht-Webseiten, wie sie bis zum 12.10.2013 bestanden. Die aktuelle Seite findet sich auf https://www.ruprecht.de

ruprecht-Logo Banner
ruprecht/Schlagloch-doppelkeks-Jubiläum
Am 13.10. feiern wir 25 Jahre ruprecht/Schlagloch und 10 Jahre doppelkeks [...mehr]
ruprecht auf Facebook
Der aktuelle ruprecht
ruprecht vor 10 Jahren
Andere Studizeitungen
ruprechts Liste von Studierendenzeitungen im deutschsprachigen Raum
ruprecht-RSS
ruprecht-Nachrichten per RSS-Feed
 Weltweit
26.07.2012

Gro├čes Kino auf leerer Leinwand

Ankara ist auf der Suche nach der eigenen Identit├Ąt

Die Wachabl├Âsung am Friedensturm in der N├Ąhe des Atat├╝rk-Mausoleums. / Foto: Magdalena Kirchner

Unter den vielen sehenswerten Orten in der T├╝rkei ist Ankara sicher kein Kronjuwel und wohl die einzige Hauptstadt mit einer gef├╝hlt niedrigeren Touristenquote als Ulan Bator. Was also tun, wenn es einen hierhin verschl├Ągt? Augen zu und durch? Auf keinen Fall!

Von Magdalena Kirchner aus Ankara (T├╝rkei)

Wie Brasilia oder Canberra ist auch Ankara eine Hauptstadt, wegen der man im Reisequiz oft noch mal von vorne anfangen muss. Seit 89 Jahren ist sie offizieller Nabel Anatoliens und meinem 800 Seiten dicken T├╝rkei-Reisef├╝hrer trotzdem nur vier Seiten wert.

Als ich Freunden von meinem dreimonatigen Forschungsaufenthalt hier erz├Ąhlte, war ÔÇ×das sch├Ânste an Ankara ist das KinoÔÇŁ noch die netteste Reaktion. Ihrem Ruf als deutschste Stadt der T├╝rkei, in der f├╝r Orientphantasien noch weniger Platz ist als f├╝r nichtangemeldete Demonstrationen, wird sie auf jeden Fall gerecht. Ihr fehlt der Glanz von Istanbul, die Leichtigkeit von Antalya, die Wildheit des S├╝dostens, die Melancholie der Schwarzmeerk├╝ste ÔÇô sie hat weder ein ber├╝hmtes Fu├čballteam noch ist sie Schauplatz einer Herzschmerz-Vorabendserie.

Nein, die T├╝rkei und Ankara, das war sicher keine Liebesheirat. Nachdem Staatsgr├╝nder Mustafa Kemal Atat├╝rk die junge Republik, unter anderem durch die Verlegung der Hauptstadt, nach innen und au├čen gefestigt hatte, zog sogar er selbst wieder an den Bosporus. Ob er wirklich hier begraben werden wollte? Gl├╝ck f├╝r Ankara: Das das Mausoleum stellt wenigstens eine Touristenattraktion dar.

Und doch verk├Ârpert die Stadt, die nicht mal einen eigenen Kebap hat, die gesellschaftliche und politische Entwicklung der modernen T├╝rkei, deren Einwohnerzahl sich seit 1970 (ungef├Ąhr 30 Millionen) mehr als verdoppelt hat, wie keine zweite. Lediglich 30.000 Menschen lebten 1923 in Ankara, einem verschlafenen Nest, das selbst f├╝r die nahe gelegene Seidenstra├če zu abgelegen war. Bei mittlerweile 4,5 Millionen Einwohnern haben die Stadtplaner irgendwann aufgegeben und so beginnt knapp au├čerhalb des Zentrums ein riesiges gece kondu (eine quasi ├╝ber Nacht gebaute semi-legale Siedlung), mit Buslinien ohne Haltestellen und ├╝ber unfertigen Metrostationen einst├╝rzenden Schnellstra├čen.

Ankara selbst mag zwar grau und eint├Ânig sein, doch ihre improvisationsfreudigen Bewohner, die aus allen Landesteilen, aus dem Kaukasus und vom Balkan hierherkamen, verleihen der Stadt eine nahezu unverhoffte kulturelle Vielfalt. Eine zweite Mini-T├╝rkei ist die Y├╝ksel Stra├če im Stadtzentrum. Hier tummelt sich alles, was an au├čerparlamentarischer Opposition zu finden ist: Frauen, die gegen ein geplantes Abtreibungsverbot demonstrieren, aber auch Sch├╝ler, die eine bessere staatliche Bildung fordern.

An einer anderen Stra├čenecke sammeln Gewerkschaftler, Tier- und Umweltsch├╝tzer Unterschriften neben einer Mahnwache f├╝r die zivilen Opfer eines Milit├Ąrschlags gegen die PKK. Was dem ganzen eine gewisse Tragikomik verleiht ist die Tatsache, dass sich diese Szene auf etwa 20 Quadratmetern abspielt, denn die schmale Stra├če ist zugleich auch noch Shopping- und Restaurantmeile.

Nur 100 Meter entfernt gibt es zwar einen weitr├Ąumigen Platz, der ist aber zurzeit mit einer Dinosaurierausstellung anl├Ąsslich des Shoppingfests belegt und ohnehin f├╝r Demonstrationen gesperrt. Ankara verk├Ârpert eben auch die lange Aufgabenliste der Regierung ÔÇô die vielen au├čenpolitischen Projekte noch gar nicht eingerechnet ÔÇô ebenso wie das neue Selbstbewusstsein einer jungen Gesellschaft im wirtschaftlichen und politischen Aufschwung, in der Interessenpluralismus zwar vorhanden, jedoch nicht immer erw├╝nscht ist.

Es macht Ankara zur perfekten Hauptstadt f├╝r die T├╝rkei, denn sie ist kurz gesagt genau so wie das Land selbst: Auf der Suche nach der eigenen Identit├Ąt noch l├Ąngst nicht angekommen ÔÇô aber immerhin schon mal losgefahren.

   

Archiv Weltweit 2021 | 2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004