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31.07.2012

Die Spirale der Gewalt durchbrechen

Die Amy-Biehl-Stiftung holt sĂŒdafrikanische Kinder und Jugendliche von der Straße

Die Amy Biehl Stiftung in Kapstadt kĂŒmmert sich um Kinder und Jugendliche. / Foto: Eileen Passlack

In Kapstadt kommen Freiwillige aus aller Welt zusammen, um den Kindern vor Ort zu helfen. Die Amy-Biehl-Stiftung in SĂŒdafrika versucht der JugendkriminalitĂ€t in den Townships vorzubeugen: Programme in den Bereichen Sport, Musik und Kunst sollen Kinder von der Straße holen.

Es geschah am 25. August 1993 in Gugulethu, einer Township außerhalb Kapstadts. In diesen Wohnsiedlungen leben nur Schwarze und Inder – keine Weißen. Es sind Ghettos. Die 26-jĂ€hrige Amy Biehl steigt in Kapstadt nach einem langen Arbeitstag in ihren Wagen, um drei Kollegen nach Gugulethu zu fahren. Sie lebt zu diesem Zeitpunkt bereits seit zehn Monaten in SĂŒdafrika und fĂŒhlt sich willkommen in einem Land des Aufruhrs.

Nach ihrem Abschluss an der US-UniversitĂ€t Stanford brachte sie ein Stipendium ans Kap. Sie arbeitet an einem WĂ€hlerregistrierungsverfahren fĂŒr die ersten freien Wahlen des Landes nach dem Ende der Apartheid – der gesetzlich festgeschriebenen Rassentrennung. Danach will sie zurĂŒck in die USA um dort ihre akademische Laufbahn fortzusetzen.

In Gugulethu angekommen fliegen plötzlich die ersten Steine auf ihr Auto. Dutzende junger MĂ€nner umzingeln Amys Wagen und stoppen ihn. Die Meute skandiert „one settler, one bullet!“, zerrt die junge Frau aus dem Auto und schleift sie in ihre Mitte. Amy versucht zu entkommen. Da trifft sie ein Backstein am Kopf. Amy geht zu Boden. Jemand zĂŒckt ein Messer und rammt es durch ihre Brust. „Sie ist eine Kameradin, eine Freundin des schwarzen SĂŒdafrikas. Sie kĂ€mpft fĂŒr uns!“, schreien ihre Mitfahrer und versuchen den Lynchmob zu bĂ€ndigen. Doch ihre Rufe verhallen. Immer mehr Steine prallen auf den Körper der jungen Frau. Als endlich die Polizei eintrifft, ist es zu spĂ€t. In der naheliegenden Polizeistation erliegt Amy ihren Verletzungen.

Die TĂ€ter konnten nicht wissen, dass Amy mehr war als ein Ventil fĂŒr ihre Aggressionen auf die weiße Minderheit, die sie jahrzehntelang unterdrĂŒckt hatte. Amy Biehl war ihre VerbĂŒndete. Vier MĂ€nner wurden zu 18 Jahren Haft verurteilt. Die Verurteilten durften jedoch vor die sĂŒdafrikanische „Truth and Reconciliation Commission“ treten. Diese von PrĂ€sident Nelson Mandela errichtete Ermittlungsbehörde, hatte die Aufgabe Apartheidsverbrechen zu untersuchen. „Ich glaubte daran, dass wir unser Land zurĂŒck bekĂ€men, wenn man eine weiße Person tötet“, sagte Easy Nofemela, einer der Verurteilten bei der Anhörung 1997. Dennoch geschah etwas Unerwartetes. Amys Eltern Linda und Peter Biehl, die an einer Anhörung teilgenommen hatten, reichten den Mördern ihrer Tochter die HĂ€nde und bewegten den Richter dazu die TĂ€ter freizulassen. In einem Interview öffnete sich Linda Biehl. „Ich war mir nicht sicher, was ich von diesen MĂ€nnern halten sollte, bis ich dazu in der Lage war, mich an den Ort des Geschehens zu begeben.“ Biehl könne nun verstehen, dass Jugendliche unter solchen UmstĂ€nden aufgebracht seien und zur Gewalt greifen.

Um das Wirken ihrer Tochter zu vollenden, grĂŒndeten die Biehls im selben Jahr die Amy-Biehl-Stiftung, die sich fĂŒr GewaltprĂ€vention einsetzt. Mit After-School-Care Programmen werden heute fast 2000 Kinder und Jugendliche aus Townships von der Straße geholt, sowie ihre Talente und KreativitĂ€t gefördert. Das Angebot reicht von Tanz, Musik, Sport, Leseprogrammen ĂŒber die Vermittlung von Umweltbewusstsein bis zur AIDS-AufklĂ€rung.

Als Linda Biehl vor drei Wochen das BĂŒro in Kapstadt besuchte, berichtet sie von ihren ZukunftsplĂ€nen. Die Stiftung soll expandieren. Es soll Programme fĂŒr ehemalige HĂ€ftlinge geben, um diese wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Woher schöpft diese Mutter, die ihre Tochter unter solch dramatischen UmstĂ€nden verlor – und vor einigen Jahren auch noch ihren Ehemann – nur diese Energie? Ich erinnerte mich an die letzten Wochen, die ich in der Grundschule in der Township New Crossroads verbracht hatte. Ich erinnerte mich an die engagierten Betreuer, die fĂŒr die Straßenkinder da sind und die Koordinatoren, die den Kindern dabei helfen, die richtigen Programme auszuwĂ€hlen.

Vor allem erinnerte ich mich an meinen ersten Tag in der Schule. Zusammen mit den anderen Freiwilligen fuhr ich in die Townships. Wir passierten ein Meer aus WellblechhĂŒtten, Rudeln von Straßenhunden, etliche GrillplĂ€tze und Friseursalons. Plötzlich fuhren wir an einer Gruppe MĂ€dchen vorbei, die auf der Straße eine Art Gummitwist spielten. Sie benutzten dazu viele kleine SchnĂŒre, die sie zusammengeknotet hatten. Weit und breit war keine kleine blonde Fee zu sehen, die in einem zarten rosa die Spielsachen ziert.

Doch ehe ich mir weitere Gedanken ĂŒber die Spielgewohnheiten deutscher Kinder machen konnte, fand ich mich inmitten einer Menge Kindergartenkinder wieder. Sie sangen lautstark die sĂŒdafrikanische Nationalhymne, um uns willkommen zu heißen. Mit so einer BegrĂŒĂŸung hatte ich nicht gerechnet. Dieser Moment, beantwortet die Frage nach Linda Biehls Ambitionen: Es reicht ein einziger Augenblick mit diesen Kindern.

von Eileen Passlack
   

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