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16.06.2012

Ein Abenteuer fĂŒr 90 Minuten

Die Fahrt zum deutschen Vorrundenauftakt bot so manche Hindernisse

FĂŒr drei Wochen ein blau-gelber Fußballgott: die Neptunstatue auf dem Lemberger Marktplatz. / Fotos: Rick Giesel

Zum ersten Mal findet ein großes Sportereignis in Osteuropa statt. In Polen und der Ukraine hat am Freitag die Fußballeuropameisterschaft begonnen. Michael Graupner hat mit zwei weiteren Freunden am Wochenende einen Trip nach Lemberg unternommen. 

„Die polnische Bahn hat versagt“, gibt die polnische Polizistin im brĂŒchigen Deutsch zu – „wir aber nicht“. Es ist Samstagnacht gegen drei Uhr in der polnischen-ukrainischen Grenzstadt Przemy. UngefĂ€hr 30 Polizisten warten auf gut 200 deutsche Fußballfans. Der Zug nach Lemberg steht bereit, aber es fehlt an polnischem Zugpersonal. Die Fahrt des Zuges kann nicht freigeben werden. Unruhe entsteht, Taxipreise werden erfragt  und mit der Polizistin diskutiert. Doch es hilft nichts. Der Zug fĂ€hrt ohne jegliche Passagiere nach Lemberg ab.

17 Stunden zuvor: Der Euro City aus Hamburg verlĂ€sst den Berliner Hauptbahnhof pĂŒnktlich um 9:42 Uhr. Die deutsche Hauptstadt dient als Ausgangspunkt fĂŒr unsere Reise zur Fußballeuropameisterschaft. Zu dritt fahren wir nach Lemberg (ukrainisch: L‘viv) zum Vorrundenauftaktspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal.

Die Anspannung ist groß. Eine insgesamt 38-stĂŒndige Zugfahrt und ungeklĂ€rte Fragen nach Umfang des Schlafes, Transportwegen und Menschen  schwirren in unseren Köpfen. Unser Großraumabteil ist ein kleines multi-europĂ€isches Konglomerat aus Polen, Russen, EnglĂ€nder und Deutschen. Einige unserer Landsleute mĂŒssen ihrem Ruf als standfeste Biertrinker schon vormittags gerecht werden und mallorquinische Schlagerlieder am Fließband produzieren. Nach gut vier Stunden passieren wir die polnische Grenze. Landschaftlich sind keine VerĂ€nderungen zu vernehmen, nur die Anzahl von brachliegenden Industrieruinen vermehrt sich spĂŒrbar. Rechtzeitig erreichen wir Krakau im SĂŒden Polens, um in den Zug nach Przemy umzusteigen. Dort wird uns, wie eingangs beschrieben, die Weiterfahrt zunĂ€chst verwehrt. Nach langen Diskussionen erklĂ€rt sich die polnische Polizei aber doch noch bereit einen Bus bis zur ukrainischen Grenze zu organisieren. Noch immer nicht mit einem lĂ€ngeren StĂŒckchen Schlaf gesegnet, widerstehen wir Verlockungen von bequemen, aber teuren Taxis und entdecken einen kleinen Busbahnhof. In einem in ukrainischen Nationalfarben gestalteten Linienbus geht es zu osteuropĂ€ischer Folklore bis vor den Eingang des Lemberger Hauptbahnhofes. Mittlerweile ist es 7:30 Uhr. 

Lemberg ist mit 750.000 Einwohnern die siebtgrĂ¶ĂŸte Stadt der Ukraine. Darunter sind 150.000 Studenten, die wĂ€hrend der EM aber dort nur vereinzelt anzutreffen sind. Die PrĂŒfungen wurden auf Ende Mai vorverlegt, damit die Wohnheime renoviert und an Touristen vermietet werden konnten. So mĂŒssen viele Studenten im Juni sehen wo sie unterkommen. Einige arbeiten auch als Volunteers, die den EM-Touristen freundlich mit Rat und Tat zur Seite stehen. Da sie oftmals die einzigen  englisch sprechenden Ukrainer sind, stellen sie fĂŒr viele die letzte Rettung dar.

Ein Freilichtmuseum fĂŒr verschiedene Kunstepochen

Vom Hauptbahnhof fahren wir mit einer alten, ruckeligen , aber charmanten Straßenbahn in Richtung Zentrum. Nach einem morgendlichen FrĂŒhstĂŒck, inklusive sparsamer Körperpflege steht ein Spaziergang durch die Lemberger Altstadt auf dem Programm. Die Stadt im Ă€ußersten Westen der Ukraine gilt als eine der schönsten Osteuropas. Die Altstadt mit ihren Kirchen, öffentlichen PlĂ€tzen und WohnhĂ€usern ist eine Art Freilichtmuseum fĂŒr verschiedene Kunstepochen. Von Gotik und Renaissance, bis Historismus und Jugendstil ist fĂŒr jeden Kunstliebhaber etwas dabei. 

Zur EM ist das wohl schönste GebĂ€ude der Stadt leider von einer riesengroßen Leinwand verdeckt. Direkt vor dem Opernhaus befindet sich die Lemberger „Fanzone“, die fĂŒr die ticketlosen Fußballfans die Dramen dieser Europameisterschaft öffentlich zur Schau stellt. In seiner vollen Pracht lĂ€sst sich hingegen der Marktplatz mit dem alles ĂŒberragenden Rathausturm betrachten. 

Doch der Genuss der Fassaden hĂ€lt nicht lange, da es wieder aus einer anderen Ecke „Deutschlaaand, Deutschlaand, Deutschlaaaaand, Deutschlaand“ schallt. Mehr als 10.000 deutsche StaatsbĂŒrger sollen den Weg in die Ukraine angetreten haben. Und so ist in allen BiergĂ€rten, Bars und Kneipen Weiß die dominierende Farbe. Das in einem Magazin der polnischen Bahn bediente Vorurteil, dass Deutsche „laute Bierfans“ seien und vor jedem Spiel „Hektorliter an Bier“ trinken, findet zumindest fĂŒr das erste Gruppenspiel BestĂ€tigung.  

Zur mittĂ€glichen StĂ€rkung kehren wir in eine urige Schenke ein. Als Vorspeise probieren wir uns an einem ukrainischen Nationalgericht; dĂŒnne Scheiben gerĂ€ucherter Speck mit Brot und Knoblauch. Der Lemberger Kalbsbraten zum Hauptgericht schließt diesen rundum gelungenen kulinarischen Ausflug ab. Doch trotz der intensiven Nahrungsaufnahme werden wir in immer geringeren AbstĂ€nden von MĂŒdigkeitsattacken erfasst. Noch immer konnten wir nicht mehr als eine halbe Stunde am StĂŒck ruhen. Und so geht es zwar mit einem gehörigen Schuss Vorfreude in Richtung Stadion, die Gefahr aber den entscheidenden Moment ĂŒbermĂŒdet verpassen zu können, besteht weiterhin.

Mario Gomez lÀsst die körperlichen und geistigen Spuren vergesssen

Das Lemberger EM-Stadion, die „Arena Lviv“, ist wahrlich keine Schönheit. Mitten im Nirgendwo wurde vor den Toren der Stadt ein grauer Betonklotz hingesetzt, der die Tristesse der Landschaft noch mehr betont. Die ursprĂŒnglich veranschlagten Kosten von 70 Millionen Euro steigerten sich um das Dreifache. Wohin das ganze Geld geflossen ist? Anscheinend nicht in hochqualitative bauliche Substanzen. Der plötzlich einsetzende Regenschauer offenbart nĂ€mlich auch so manch architektonische MĂ€ngel des Stadions. Vor den Toiletten entwickeln sich in wenigen Minuten große PfĂŒtzen. Ohne bestandenes Seepferdchen hĂ€tte das nötige Wasserlassen somit Probleme bereitet. 

Um 21:45 Uhr, ukrainischer Zeit, erfolgt der Anpfiff. Nach 35 Stunden Fahrt beginnt das 90-minĂŒtige Fußballspiel. Es ist das erwartete zĂ€he Aufeinandertreffen. Erst in der 72. Spielminute gibt es die Befreiung. Das Tor von Mario Gomez lĂ€sst die körperlichen und geistigen Spuren der Reise fĂŒr einige Momente vergessen. Gespannt absolvieren wir nach dem Spiel das eher geringer ausfallende Chaos zurĂŒck in die Stadt. Trotzdem schaffen wir unseren ursprĂŒnglichen Zug nicht mehr, sodass wir erst um zwei Uhr vom Lemberger Hauptbahnhof abfahren.

Ein Pudel begibt sich auf Drogensuche

Den Eindruck einer inszenierten Vorstellung werden wir nicht los. Vier in grĂŒn uniformierte Grenzpolizisten marschieren in der gleichen Schrittfolge durch unser Abteil. Die ĂŒberdimensionierten HĂŒte und die perfekt gestickten Knöpfe lassen an lĂ€ngst vergessene Zeiten erinnern. Unsere ReisepĂ€sse werden von ukrainischen Zollbeamten eingesammelt. Draußen patrouillieren Soldaten. Nach zwanzig bangen Minuten erhalten wir sie unversehrt zurĂŒck. Anschließend begibt sich ein schwarzer Pudel auf Drogensuche. Die gleiche Prozedur mĂŒssen wir in Ă€hnlicher Weise insgesamt viermal ĂŒber uns ergehen lassen. 

Nach ĂŒber einer Stunde Grenzkontrolle befinden wir uns wieder auf polnischem Boden. Die Grenzen der Belastbarkeit sind mittlerweile erreicht, fĂŒnfundvierzig Stunden ohne durchgehenden Schlaf haben mit dem Einstieg in unseren vorletzten Zug um fĂŒnf Uhr ein Ende. Unterbrochen werden wir nur von einem Schaffner der polnischen Bahn. Ohne groß zu diskutieren akzeptiert er unsere, eigentlich fĂŒr einen anderen Zug bestimmten Zugtickets. Sein Verhalten ist eher nicht mit unseren rudimentĂ€ren polnischen Sprachkenntnissen, als mit unserem mittlerweile ĂŒberbordenden Gestank zu begrĂŒnden. 

Um 20:13 Uhr erreichen wir wieder den Berliner Hauptbahnhof. Drei Tage maximalen Abenteuers liegen hinter uns. Beinahe alle unsere BefĂŒrchtungen haben sich erfĂŒllt. Nichtsdestotrotz war jede einzelne Minute ihr Erleben wert. 

   

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