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17.06.2012

Die Stadt der Einsamen

In New York leben Menschen zusammen, ohne einander zu begegnen

Licht und Schatten einer Metropole: ein Obdachloser unter der US-Flagge. Foto: Raphael SchÀfer

New York ist die Stadt der Reichen, Finanz- und Medienzentrum und Tor zur Neuen Welt. Doch wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten und auch hier gibt es einen unspektakulĂ€ren Alltag. WĂ€hrend New York fĂŒr all den Glanz steht, hat die dunklere Seite der Stadt einen eigenen Namen: Gotham City.

Eine Straßenkreuzung in New York. Menschen kommen von irgendwoher und verschwinden irgendwohin. Jeder hat es eilig, jeder ist beschĂ€ftig. In der Luft liegen Fetzen von TelefongesprĂ€chen und der Duft von Kaffee, die Straßen sind mit gelben Taxis verstopft. Doch etwas passt nicht ins Bild: An eben dieser Kreuzung steht ein junger Mann, neben ihm ein großer Koffer, in der Hand einen Stadtplan. So sieht niemand aus, der stehenbleiben sollte: Wer einen Koffer dabei hat bleibt nicht stehen.

Doch Gedanken macht sich darĂŒber niemand, der Menschenstrom teilt sich gleichgĂŒltig wie das Wasser an einem Felsen und fließt hinter ihm wieder zusammen. Dank Smartphone, E-Reader und Tablet-PC, den Scheuklappen des 21. Jahrhunderts, nimmt er ihn kaum wahr. Dementsprechend schwierig war es fĂŒr mich, einen Passanten zum Stehenbleiben zu bringen, um ihn nach dem Weg fragen zu können.

Ich war fĂŒr ein Praktikum beim deutschen Generalkonsulat nach New York gekommen und wĂŒrde fĂŒr die nĂ€chsten sechs Wochen in der Upper East Side leben. Auf dem tĂ€glichen Weg zur Arbeit benutze ich wie jeder New Yorker die U-Bahn. Zu den Stoßzeiten verschwinden die Menschen wie Ameisen in ihren Bau an den U-Bahn-Stationen unter die Erde. Beinahe das gesamte Netz der New Yorker U-Bahn wurde zwischen 1904 und 1940 errichtet und dementsprechend steigt man mit jeder Stufe einen Schritt tiefer in die Vergangenheit hinab.

Trotz zahlreicher RenovierungsbemĂŒhungen merkt man den Stationen ihr Alter an: Rost, gesprungene Kacheln, Risse in WĂ€nden und Decke. Der viele Dreck zwischen den Gleisen nimmt ein Ausmaß an, das mir an heimischen U-Bahnen noch nicht begegnet ist. OhrenbetĂ€ubendes Rumpeln und Rattern begleitet das Einfahren des Zuges. 

Ich sehe mich in den hoffnungslos ĂŒberfĂŒllten Wagen um, deren Zusammensetzung einem reprĂ€sentativen Querschnitt der New Yorker Gesellschaft gleichkommt: GeschĂ€ftsmĂ€nner in Anzug und Krawatte lesen auf Tablet-PCs das Wall Street Journal, Frauen Romane auf ihren E-Readern und glĂ€ubige Menschen verschiedenster Religionen in den jeweiligen Heiligen Schriften. Sozial weniger Erfolgreiche kauern sich zusammengesunken in die Sitze, die PlĂ€tze neben ihnen bleiben leer.

Jede IndividualitĂ€t geht hier verloren, man denkt nur noch in Personengruppen, das Kollektiv ĂŒberlagert das Individuum. Ein unpersönliches „excuse me“ kĂŒndigt an, dass gleich eine Aktion folgt, fĂŒr die man sich besser schon im Voraus entschuldigt, namentlich beim Sich-zum-Ausgang-kĂ€mpfen an einer Haltestelle. Dort endet auch die kurze Zweckgemeinschaft der U-Bahn Gesellschaft und jeder geht seiner Wege. Obwohl ich in den Wochen die ich schon hier bin jeden Tag zu denselben Zeiten die U-Bahn benutze, kann ich mich nicht daran erinnern, jemals eine Person wiedererkannt zu haben. Das seltsame GefĂŒhl, inmitten einer Unmenge von Menschen alleine zu sein, hat wohl kaum einer so treffend beschrieben wie Hermann Hesse:

Seltsam, im Nebel zu wandern
Leben ist Einsamsein
Kein Mensch kennt den andern
Jeder ist allein.

Diese Verse gehen mir oft durch den Kopf, wenn ich in dieser Stadt unterwegs bin. Obwohl ich den Film Metropolis nicht gesehen habe, kann mir gut vorstellen, warum Fritz Lang sich New York als Vorbild fĂŒr sein Meisterwerk ausgesucht hatte. In den Tiefen der HĂ€userschluchten strömen die Menschen zu ihren ArbeitsplĂ€tzen, um fĂŒr ihren eigenen Wohlstand und den des Arbeitgebers zu sorgen, die in den unnahbaren Chefetagen residieren. Die berĂŒhmtesten Wolkenkratzer der Stadt zeugen vom Gelingen dieses Prinzips. Nur die Obdachlosen machen eine traurige Ausnahme von der Hektik und Rastlosigkeit der Transit-Gesellschaft. Diese sind individualisierbar, setzen sich ab von der anonymen Masse, stellen ein unfreiwilliges StĂŒck BestĂ€ndigkeit dar. So sind es gerade diese Menschen, die ich auf meinem tĂ€glichen Weg wiedererkenne. Wer in dieser Stadt Zeit hat, der hat etwas falsch gemacht, scheint das unbewusste Credo der New Yorker zu sein und was sie vielleicht veranlasst, noch etwas schneller zu gehen. 

Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Auf keine Stadt der Welt passen die Kant’schen Fragen besser. Und keine andere Stadt der Welt scheint die passendere Antwort zu haben: nicht danach zu fragen.

Wir sind wie Maschinen
wir mĂŒssen funktionieren
mĂŒssen immer weiter laufen
ohne Plan und ohne Ziel.

Julis Lied „Maschinen“ beschreibt recht gut meinen Eindruck vom Alltag hier, niemand ist unersetzlich. Und auch wenn ich in dieser Stadt nur Besucher bin, so bin ich doch auf einmal ganz plötzlich Teil dieser AblĂ€ufe geworden. 

New York als die Hauptstadt des Kapitalismus zu bezeichnen ist wohl keine besonders kĂŒhne Behauptung. UnĂŒbersehbar prangt im glĂ€sernen KĂ€fig des Apple Stores das Zeichen des Heilsversprechens unserer Zeit, unermĂŒdlich pilgern die GlĂ€ubigen in die Heiligen Hallen des Apfels: 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.

Am Times Square lĂ€sst hemmungslose ReizĂŒberflutung der Werbung tanzende Sterne auf meiner Retina zurĂŒck: Coca Cola ist lebenswichtiger als Wasser, echte MĂ€nner erwartet eine heldenhafte Karriere bei den ruhmreichen Marines. Doch bevor ich mich den Sirenenstimmen ergebe, gehen mir einige Zeilen aus „MĂŒssen nur wollen“ von Wir sind Helden durch den Kopf:

Wenn ich könnte wie ich wollte
wĂŒrd' ich garnichts woll'n
ich weiß aber, dass alle etwas wollen sollen.

Erleichtert stelle ich dann fest, dass es sich nach wie vor mit Mineralwasser leben lĂ€sst und mag ich auch nach MaßstĂ€ben des US Marine Corps kein echter Mann sein, wird mein Leben doch weitergehen.

Jeden Tag streife ich durch diese Stadt, sammle jeden Tag neue EindrĂŒcke, falle jeden Abend erschöpft in mein Bett. Jeden Tag sehe ich Freud und Leid, Schönes und Trauriges, hier herrscht ein ewiges Kommen und Gehen. New York hat mich nachdenklich und demĂŒtig gestimmt.

Als Unbekannter bin ich in diese Stadt gekommen, als Unbekannter werde ich sie wieder verlassen. 

von Raphael SchÀfer
   

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