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 StudiLeben
17.06.2012

Party mit Knopf im Ohr

Silent Disco: Partykonzept oder kollektive Isolation?

Feiernde auf einer Kopfhörerparty beim Edinburgh Festival 2009 / Foto: Underbelly Ltd.

Disco mit Kopfhörern? Kann das funktionieren? Seit diesem Jahr gibt es die sogenannten Kopfhörerpartys auch mitten in Heidelberg. Paul Eckartz hat sich fĂĽr uns ins GetĂĽmmel gestĂĽrzt und eine dieser futuristisch wirkenden Veranstaltungen besucht.

Eine Menge sich wiegender, wogender Körper im scheinwerferlichtdurchzuckten Nebel, getrieben von einem urkräftigen Puls, lautlos unhörbar für alle Außenstehenden – ein seltsam faszinierender und überaus abstruser Anblick ist es, der sich dem Besucher einer Kopfhörerparty bietet. Ja, richtig: Kopfhörerparty. Mehrere DJs legen auf, es wird getanzt und mitgesungen – wie auf jeder normalen Party also. Nur, dass die Musik gänzlich unhörbar bleibt für alle, die sie nicht per Funkkopfhörer direkt vom Mischpult ins Ohr übertragen bekommen.

Neu ist die Idee nicht: Angeblich enthält bereits ein finnischer Science-Fiction-Streifen aus dem Jahre 1969 eine entsprechende Szene, zunehmende Popularität erreichte die „Silent Disco“ bereits ab den frühen 2000er Jahren in den Metropolen Europas. In Heidelberg ist sie seit diesem Jahr in der Halle02 zu erleben.

Das Konzept erscheint zunächst paradox: Disco ohne laute Musik, in der zudem jeder seine bevorzugte Musik wählen kann – hier werden gleich mehrere Dogmen der Clubtradition über Bord geworfen. Absurd wird es spätestens dann, wenn man sich der Musik für einen Moment entledigt: Dann scheinen die kopfhörerbewährten Mitfeierer tatsächlich im akustischen Nichts zu zappeln (und dieses Nichts bisweilen lautstark und falsch mit der eigenen Stimme zu füllen). Was also macht die seltsame Faszination der Kopfhörerparty aus? Sind es lediglich rein praktische Überlegungen, wie etwa, dass Klagen über Lärmbelästigung solch eine Party nicht beeinträchtigen können? Es vielleicht doch ganz angenehm ist, sich bei Bedarf auch auf der Tanze unterhalten zu können? Oder liegt der Grund tiefer?

Der Reiz des Konzepts Diskothek erwächst aus der Aufgabe der Individualität: In der Ekstase der überlauten Bassbeats verliert sich der Einzelne in der Masse, die Menge verschmilzt für einige Momente zu einem Monstrum mit kollektivem Bewusstsein. Insofern markiert Disco die ultimative Hingabe an den Schwarm. Für eine Weile kann das überaus reizvoll sein.

Die Silent Disco jedoch sträubt sich gerade gegen diese Selbstaufgabe und ist in diesem Sinne egoistisch: Statt der Vereinigung mit der Masse propagiert sie die Abgrenzung davon. Dies wird besonders deutlich, wenn zwei zu verschiedener Musik Tanzende aufeinandertreffen, jeder für sich selbst aneinander vorbei.

Man könnte die Silent Disco also getrost als hipsterhaft abtun, als Kopfgeburt der zwanghaften Selbstverwirklicher. Überraschenderweise jedoch bleibt der Kontaktverlust zur Umwelt aus und die Beobachtung des Geschehens in stillen Momenten gestaltet sich bisweilen höchst amüsant. Stimmen Musik und Gesellschaft, lässt sich also auch in der Silent Disco vortrefflich Spaß haben. Fazit: Erlebenswert!

   

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