Dies ist ein Archiv der ruprecht-Webseiten, wie sie bis zum 12.10.2013 bestanden. Die aktuelle Seite findet sich auf https://www.ruprecht.de

ruprecht-Logo Banner
ruprecht/Schlagloch-doppelkeks-Jubiläum
Am 13.10. feiern wir 25 Jahre ruprecht/Schlagloch und 10 Jahre doppelkeks [...mehr]
ruprecht auf Facebook
Der aktuelle ruprecht
ruprecht vor 10 Jahren
Andere Studizeitungen
ruprechts Liste von Studierendenzeitungen im deutschsprachigen Raum
ruprecht-RSS
ruprecht-Nachrichten per RSS-Feed
 StudiLeben
20.05.2012

Studium mit Umwegen

Jung, Student, behindert

Foto: Annika Kasties

In Heidelberg sind trotz BemĂŒhungen noch einige HĂŒrden zu ĂŒberwinden. Annika Kasties hat sich umgeschaut. Viele Uni-GebĂ€ude sind noch nicht barrierefrei. Doch mehr als das erschwert die bĂŒrokratische GleichgĂŒltigkeit das Leben körperlich behinderter Studenten. 

Wenn Nora in der Altstadt unterwegs ist, fĂ€llt sie auf. Das liegt nicht an ihrem Lippenpiercing. Oder an ihrer Frisur. Mit ihrem Rollstuhl sticht Nora zwischen den Zweiradfahrern Heidelbergs hervor. „Angeblich gibt es hier 200 behinderte Studenten. Ich kenne nur vier“, wundert sich die 27-JĂ€hrige, die im FrĂŒhjahr 2011 ihr Studium in Musikwissenschaft und Anglistik abschloss. 

BedĂ€chtig legt Nora im Marstallhof sitzend die HĂ€nde um ihren Kaffee und nimmt einen großen Schluck. Den Kaffee musste ihre 24-Stunden-Assistentin besorgen. SelbststĂ€ndig könnte Nora nichts an der Theke der Marstallmensa entgegen nehmen. „Feinmotorisch funktioniert alles, grobmotorisch funktioniert gar nichts“, erklĂ€rt sie den Grad ihrer Behinderung. „Ich brauche im Prinzip Hilfe bei allem. Ich kann wunderbar am Computer sitzen und tippen. Aber Flaschen aufschrauben, BĂŒcher aus einem Regal heben oder schwere BĂŒcher halten, geht nicht.“ 
 Ihr Studium war fĂŒr Nora mit Strapazen verbunden, ĂŒber die sich der Großteil ihrer Kommilitonen keine Gedanken machen musste. Neben Beethovens Symphonien und Shakespeares Sonetten bestimmten technische Hilfsmittel und Nachteilsausgleiche ihren Alltag. 

Die Anzahl der Studierenden mit einer Behinderung oder chronischen Krankheiten ist schwer abzuschĂ€tzen. Laut der 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks waren im Sommersemester 2006 knapp 19 Prozent der Studierenden in Deutschland behindert oder chronisch krank. 44 Prozent von ihnen sahen ihr Studium dadurch beeintrĂ€chtigt. Aktuelle Zahlen liegen nicht vor. 

Auch Blanche Brinken und Stefan Treiber, Behindertenbeauftragte der UniversitĂ€t Heidelberg, wissen die Zahl der Heidelberger Studierenden mit Handicap nicht. Bei der Immatrikulation ist diese Angabe freiwillig. Mit zwei studentischen Mitarbeitern unterstĂŒtzen Brinken und Treiber als „Handicap-Team“ beeintrĂ€chtigte Studierende im Studienalltag. Bei ihnen können sich Behinderte oder chronisch Kranke ĂŒber technische Hilfsmittel, finanzielle UnterstĂŒtzung oder Nachteilsausgleiche informieren. 

Sicherzustellen, dass beeintrĂ€chtigte Studierende die gleichen Möglichkeiten wie ihre Kommilitonen haben, ist nicht immer einfach. „Wir versuchen immer, eine gute Lösung zu finden. Meistens klappt es irgendwie“, versichert Treiber. Die Installation von mobilen Rampen in der Japanologie ermöglichte im Wintersemester 2011/12 einer Rollstuhlfahrerin die Aufnahme ihres Studiums. Auch fĂŒr einen Ă€hnlichen Fall in der Kunstgeschichte fand sich eine Lösung. Eine Studentin wollte eine Veranstaltung belegen, die in einem ihr nicht zugĂ€nglichen Raum stattfand. Die Fachstudienberaterin organisierte eine InternetĂŒbertragung. „Bei Problemen versuchen wir zu vermitteln, wobei das erfreulich selten notwendig ist“, erklĂ€rt Brinken eine zentrale Aufgabe der Beratungsstelle. Treiber pflichtet ihr bei: „Vieles ist mit gewissen EinschrĂ€nkungen oder Umwegen möglich.“ 
 
 Umwege kennt Nora in Heideberg zur GenĂŒge. Es ist frisch geworden. Ihre Assistentin legt ihr die Jacke um und hilft ihr dabei, in die Ärmel zu schlĂŒpfen. „FrĂŒher war da vorne eine Rampe“, deutet Nora auf eine kleine Treppe in der NĂ€he des Eingangs zur Marstallmensa. Im Zuge der Umbauarbeiten des Marstallhofs vor zwei Jahren wurde die Rampe verlegt. Rollstuhlfahrer, die von der Unteren Neckarstraße kommen, mĂŒssen nun am Institut fĂŒr Klassische ArchĂ€ologie entlang und den gesamten Marstallhof umfahren, um in die Mensa zu gelangen. Die BegrĂŒndung des Studentenwerks, die Rampe sei fĂŒr Rollstuhlfahrer zu steil gewesen, findet Nora unlogisch. „Da wĂ€re genug Platz gewesen, um eine neue, weniger steile Rampe zu bauen, anstatt eine mit Kopfsteinpflaster, in dem die Lenkreifen hĂ€ngen bleiben.“ 

Am Psychologischen Institut steht die Überwindung von baulichen HĂŒrden schon lange auf der Tagesordnung. Seit Jahren bemĂŒht sich die Uni um die Installation eines Fahrstuhls im HintergebĂ€ude des weitgehend barrierefreien Instituts. Mit diesem soll Rollstuhlfahrern der eigenstĂ€ndige Zugang in die RĂ€ume des ersten Stockwerks ermöglicht werden. Wie die Pressestelle der Uni mitteilte, werde der Baubeginn voraussichtlich Ende des Jahres möglich sein. 

Bauliche Maßnamen dieser Art sind unter anderem durch die Förderung der Dr. Ahlheim/Eheleute Dr. Vogt-Stiftung möglich. Diese unterstĂŒtzt begabte Studierende mit Behinderung. „Geeignete Maßnahmen in diesem Sinne sind namentlich die Finanzierung von baulichen Vorhaben, welche dazu dienen, UniversitĂ€tsgebĂ€ude und Studentenwohnheime behindertengerecht zu gestalten, sowie die GewĂ€hrung von Stipendien fĂŒr Studien- und Forschungszwecke“, erklĂ€rt Ute MĂŒller-Detert von der Pressestelle der Uni Heidelberg. Zu diesen Maßnahmen gehörten auch ZuschĂŒsse fĂŒr VergrĂ¶ĂŸerungsscanner in der UniversitĂ€tsbibliothek sowie Tutorien fĂŒr Blinde. 

Dennoch sind viele UnigebĂ€ude noch nicht barrierefrei. Im Zentralen Sprachlabor mĂŒssen Studierende einige Stufen ĂŒberwinden, um in die RĂ€ume zu gelangen. Auch ein Germanistikstudium lĂ€sst sich in Heidelberg nur schwer als Rollstuhlfahrer bewĂ€ltigen. Ein barrierefreier Zugang zu den SeminarrĂ€umen ist kaum gewĂ€hrleistet. AufzĂŒge gibt es nicht.

Von Schwierigkeiten dieser Art ist Lena nicht betroffen. Die körperliche BeeintrĂ€chtigung der Psychologiestudentin ist weniger augenscheinlich als Noras Rollstuhl. Seit ihrer Geburt leidet sie an Schwerhörigkeit, die an Taubheit grenzt. Dass sie inzwischen Vorlesungen besuchen und SeminargesprĂ€chen folgen kann, verdankt sie dem Cockleaimplantat (CI), einem Implantat unter der Kopfhaut, das mit einem ElektrodentrĂ€ger in der Hörschnecke verbunden ist. 

Das CI hat ihre Studienbedingungen deutlich verbessert. „Seminare wĂ€ren nur mit einem HörgerĂ€t undenkbar gewesen.“ Neben dem CI ermöglicht ihr zudem eine FM-Anlage, ein VerstĂ€rker von der GrĂ¶ĂŸe eines DiktiergerĂ€ts, ihren Dozenten und Kommilitonen grĂ¶ĂŸtenteils zu folgen. Ihr HörverstĂ€ndnis bleibt dennoch eingeschrĂ€nkt. 
 Um die daraus resultierenden Nachteile auszugleichen, nimmt die 23-JĂ€hrige bei Klausuren ihr Recht auf ZeitverlĂ€ngerung in Anspruch. Ihre Dozenten kommen ihr bezĂŒglich ihrer Behinderung ĂŒberwiegend entgegen. Statt eine PrĂ€sentation zu halten, schreibt Lena wegen ihrer leicht ungewöhnlichen Aussprache lieber eine Hausarbeit.

Auch Noras Dozenten verhielten sich ihr gegenĂŒber grĂ¶ĂŸtenteils entgegenkommend. Dennoch verbindet die Doktorandin nicht nur gute Erinnerungen mit ihrem Studium. Trotz des barrierefreien Zugangs zu den SeminarrĂ€umen ihrer Institute blieben ihr im Laufe des Studiums viele TĂŒren verschlossen.

Die musikwissenschaftliche Bibliothek hat Nora nur dreimal zu Gesicht bekommen. Ein Freund hatte sie die steile Treppe zur Bibliothek hinauf getragen. „Umgebaut wurde nichts. Aber Denkmalschutz hin oder her, ich nehme mal an, dass der Einbau eines Treppenlifts funktioniert hĂ€tte, wenn man denn gewollt hĂ€tte“, vermutet Nora. 
 Insbesondere ihre MagisterprĂŒfung empfand sie als unnötige Doppelbelastung. Das PrĂŒfungsamt gewĂ€hrte ihr gesonderte PrĂŒfungstermine und ZeitverlĂ€ngerung. Die Klausuren konnte sie mit dem Laptop bearbeiten.

Um zwischendurch zuhause die eigens fĂŒr sie umgebaute Toilette aufsuchen zu können, musste sich der PrĂŒfungsraum aber nahe ihrer Wohnung befinden. Dies wurde bewilligt. Den Raum musste Nora selbst suchen, was ihrer Meinung nach nicht ihre Aufgabe ist. Darin sieht sie eine deutliche Benachteiligung.

Ihr Fazit ist eindeutig: „Die Probleme kommen nicht wegen des Rollstuhls. Mit dem kann ich umgehen, auch mit daraus resultierenden Schwierigkeiten. Aber die Probleme kommen daher, dass andere Leute meinen, ihre Aufgaben zu verschludern.“ 

 

   

Archiv StudiLeben 2022 | 2021 | 2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004