Dies ist ein Archiv der ruprecht-Webseiten, wie sie bis zum 12.10.2013 bestanden. Die aktuelle Seite findet sich auf https://www.ruprecht.de

ruprecht-Logo Banner
ruprecht/Schlagloch-doppelkeks-Jubiläum
Am 13.10. feiern wir 25 Jahre ruprecht/Schlagloch und 10 Jahre doppelkeks [...mehr]
ruprecht auf Facebook
Der aktuelle ruprecht
ruprecht vor 10 Jahren
Andere Studizeitungen
ruprechts Liste von Studierendenzeitungen im deutschsprachigen Raum
ruprecht-RSS
ruprecht-Nachrichten per RSS-Feed
 Wissenschaft
28.01.2013

Die Macht der Gemeinschaft

Geschichtsstudenten verfassen ein Buch √ľber Genossenschaften

Acht Heidelberger Geschichtsstudenten haben Aufstieg, Entwicklung und Untergang zweier Mannheimer Genossenschaften untersucht. Daraus ist ein Buch mit ausschließlich studentischen Beiträgen geworden, das im März erscheinen wird.

Einst gab es in Mannheim zwei gro√üe Genossenschaften: Die Gro√üeinkaufsgesellschaft (GEG) und den Konsumverein. Beide sorgten f√ľr ein h√∂herwertiges Angebot und die Versorgung der Bev√∂lkerung in Kriegs- und Krisenzeiten, beide verschwanden in den 1980er Jahren. Nun haben acht Geschichtsstudenten der Universit√§t Heidelberg in Zusammenarbeit mit dem Verein Industriekultur Rhein-Neckar ihre Geschichte erforscht und in einem Buch zusammengetragen, das im M√§rz erscheinen wird.

Mit ihrer Dozentin Katja Patzel-Mattern begannen die Studenten, anlässlich des Internationalen Jahres der Genossenschaften 2012 und im Rahmen eines Seminars zur Sozialgeschichte, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung dieser Institutionen zu erforschen, die im 19. Jahrhundert, in der Zeit der Hochindustrialisierung entstanden. Bei der Suche nach Beispielen aus der Umgebung stieß man auf die GEG und den Konsumverein. Die Studenten begannen, die beiden Fälle zu untersuchen, nicht nur in ihrem Seminar, sondern auch in ihrer Freizeit. In Bibliotheken und Archiven, bei der Besichtigung genossenschaftlicher Bauten und im Gespräch mit Zeitzeugen kamen sie an Informationen. Von Journalisten und Ausstellungsmachern erhielten sie Ratschläge zur populärwissenschaftlichen Darstellung des Wissens.

Dass Studenten publizieren, kommt gelegentlich vor, ist aber bisher eher die Ausnahme. Schon studentische Beitr√§ge in Fachzeitschriften sind eher selten, vor allem in den Naturwissenschaften. Zwar ist es prinzipiell m√∂glich, hier auch als Student Artikel zu ver√∂ffentlichen. Mit der Zeitschrift Geo gibt es au√üerdem ein von Studenten betriebenes Publikationsorgan, in dem man Hausarbeiten ver√∂ffentlichen kann. Aber die meisten wollen einen Artikel in gro√üen Fachzeitschriften wie ‚Äěscience‚Äú oder ‚Äěnature‚Äú, und die nehmen vor allem Texte von Professoren.

Bei B√ľchern sind studentische Publikationen noch seltener. Auch hier gibt es in den Geisteswissenschaften noch etwas mehr M√∂glichkeiten. Als wegweisend gilt eine Publikation, die ebenfalls von Geschichtswissenschaftlern erstellt wurde, diesmal an der Humboldt-Universit√§t in Berlin. Nachdem die Studenten im Seminar Gerichtsakten zum Fall eines Schwarzh√§ndlers aus der Zeit des zweiten Weltkriegs analysiert hatten, sammelten sie die Aufs√§tze unter dem Titel ‚ÄěDen Schiebern auf der Spur‚Äú in einem Fachbuch.

Meist aber fangen die Schwierigkeiten bereits bei der Suche nach einem Verlag an. Publikationen von Professoren werden gerne genommen, solche von Studenten eher selten. Der jetzige Fall jedoch geh√∂rt zu den gl√ľcklichen, in denen tats√§chlich ein von Studenten geschriebenes wissenschaftliches Buch ver√∂ffentlicht wird.

Die Studenten untersuchen, welche Bedeutung die beiden Genossenschaften f√ľr die Stadt besa√üen, was ihre Mitglieder bewegte und antrieb, welchen Ideen und Idealen sie sich verpflichtet f√ľhlten - und warum sie, im Gegensatz zu anderen Genossenschaften in Mannheim, schlie√ülich doch untergingen. Das Buch vertritt die These, dass Konsumverein und GEG das Ziel hatten, die Bev√∂lkerung an der Gestaltung ihrer Versorgung zu beteiligen, die Qualit√§t der Waren zu gew√§hrleisten und den gleichberechtigten Zugang aller zu ihnen zu sichern.

Damit stehen sie ganz in der Tradition der Genossenschaften, die sich als Zusammenschl√ľsse mit dem Ziel sehen, die soziale F√∂rderung ihrer Mitglieder zu erm√∂glichen. Ende des 18. Jahrhunderts in England und Mitte des 19. auch in Deutschland aufgekommen, folgten sie dem Grundgedanken, dass eine Gemeinschaft handlungsf√§higer ist, als es ihre Mitglieder zusammengenommen w√§ren, w√ľrde jeder allein agieren: ‚ÄěMehrere kleine Kr√§fte vereint bilden eine Gro√üe‚Äú, formulierte es einer der Begr√ľnder des deutschen Genossenschaftswesens.

Das Buch zeigt somit die Geschichte zweier Vereinigungen, die mit dem Ziel antraten, eigenverantwortliches Wirtschaften und gesellschaftlichen Ausgleich zu verbinden, jedoch an gesellschaftlichem, politischem und wirtschaftlichem Wandel, an Misswirtschaft und Bereicherung scheiterten.

von Michael Abschlag
   

Archiv Wissenschaft 2021 | 2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004