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 Feuilleton
13.05.2013

Skandal um Heidi

Die UB steht wegen ihrer Kooperation mit Amazon in der Kritik – geĂ€ndert hat sie bislang nichts.

Gibt es analogen Buchkauf bald nur noch einsamund vereinzelt? / Foto: Annika Kasties

Die Heidelberger UB, unbestritten Ă€lteste und mutmaßlich beste UniversitĂ€tsbibliothek Deutschlands, arbeitet mit dem Onlineversand-Riesen Amazon, vorgeblich weltgrĂ¶ĂŸter InternethĂ€ndler mit Kontrolle ĂŒber ein Viertel des deutschen Onlinebuchhandels, zusammen. Das tut sie seit 2007, und außer dem Unimut hatte bislang niemand an dieser wunderlichen Koalition Anstoß genommen, bis im Februar der Germanist Roland Reuß in einem zornigen Artikel in der FAZ dagegen anschrieb.

Konkret reichert die UB ihren Bibliothekskatalog Heidi mit den Umschlagbildern der gesuchten BĂŒcher an. Der Klick auf das Buchcover fĂŒhrt den Nutzer direkt auf die entsprechende Angebotsseite des Amazon-Konzerns. Was die UB als „Optimierung des Nutzerservice“ preist, passt nach Reuß „wie der SchlĂŒssel ins Schloss der amerikanischen GeschĂ€ftspolitik“. Als staatliche Einrichtung drĂŒcke sie damit nicht nur unmittelbar das Umsatz- und Gewerbesteueraufkommen vor Ort, sondern leiste, wiewohl „altehrwĂŒrdige Bildungseinrichtung“, der Buchhandelskrise im Ganzen Vorschub. Insgesamt fehle auf der Seite der Verantwortlichen offenbar „die SensibilitĂ€t fĂŒr grĂ¶ĂŸere wirtschaftliche und soziale ZusammenhĂ€nge“.

Nun ist Roland Reuß in der Sache kein unbefangener Richter. Der Literaturwissenschaftler, der als Initiator des gegen Google Books und Open Access gerichteten „Heidelberger Appells“ 2009 bereits einige Aufmerksamkeit erhalten hat, ficht einen beinahe verzweifelten Kampf wider die Digitalisierung des Buchhandels, wittert darin eine „tödliche Gefahr“ fĂŒr den stationĂ€ren Einzelhandel mit BĂŒchern. E-Reader hĂ€lt er fĂŒr „killing-machines“ und den Markterfolg von Amazon fĂŒr die Attacke eines „extrem aggressiven Manchesterkapitalismus zweiter Ordnung“. So sehr man diesen Äußerungen die Militanz anmerkt, mit der Reuß auf die digitalisierte Welt blickt, und obwohl er einen gewissen antimodernen Reflex nicht verhehlen kann: wer seine Empörung fĂŒr pathologisch hĂ€lt, lĂ€sst jedes GespĂŒr fĂŒr die tatsĂ€chlichen Entwicklungen im Buchhandel vermissen.


"Der Buchmarkt wandelt sich grundlegend"


Das klassische Buch verschwindet in zweifacher Hinsicht aus dem öffentlichen Raum: Es wird zunehmend nicht mehr von einem ausgebildeten BuchhĂ€ndler (augenblicklich noch ein anerkanntes Berufsbild) ĂŒber den Ladentisch gereicht, sondern vom Postboten in den Briefkasten gesteckt – gĂŒnstigstenfalls. Denn hĂ€ufig genug ist die Onlinebestellung gar nicht mehr nötig, kann doch der Konsument – den Verlust des haptischen Erlebnisses in Kauf nehmend und ohne mit einem einzigen realen Menschen in Kontakt kommen zu mĂŒssen – das „E-Book“ direkt aus dem Bildschirm lesen. So wĂ€chst der Branchenumsatz zwar (im Monat MĂ€rz gar um fast zwölf Prozent), doch eben vor allem dank E-Books und Onlinehandel.

„Der Buchmarkt wandelt sich grundlegend“, bestĂ€tigt auch Alexander Skipis. Die wachsende Marktdominanz des Amazon-Konzerns sieht der HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels mit Besorgnis. Die weitere Monopolisierung bedrohe den stationĂ€ren Buchhandel, fĂŒr Skipis „das RĂŒckgrat der Buchkultur“. Dass dieses in Heidelberg lĂ€ngst schwach und brĂŒchig geworden ist, beweist der beschĂ€mende Blick ins Schaufenster der ehemaligen Weiss‘schen Buchhandlung („seit 1593“) oder die Regale der ehemaligen UniversitĂ€tsbuchhandlung Ziehank, wo man inzwischen auch Stethoskope verkauft und bei der BĂŒchersuche auf der Webseite zuerst auf die elektronische Version des Buches verwiesen wird.

Der Niedergang des Heidelberger Bucheinzelhandels lohnte einen eigenen Bericht. Man muss sich bewusst machen, dass all das sich unter dem Schutzmantel der Buchpreisbindung vollzieht. Das Ziel der amazonischen GeschĂ€ftsstrategie liegt in deren systematischen Unterwanderung: Sollte die Buchpreisbindung kippen und die Preisbildung wie die jeder anderen Ware den Marktgesetzen ĂŒberlassen werden, fiele der Handel mit BĂŒchern endgĂŒltig den unsichtbaren HĂ€nden des Amazon-Kraken zu.

Das Verhalten der UB ist bedenklich

Dass die UB dieser Entwicklung Vorschub leistet, wenn sie dem Konzern gezielt Kunden zufĂŒhrt, will man dort nicht wissen. Auf ein GesprĂ€ch verzichtet man lieber, das Standardschreiben fĂŒr Presseanfragen hĂ€lt die ErklĂ€rung bereit, einzig der Amazon-Konzern sei technisch in der Lage, den Service der Coverbild-Anzeige zu gewĂ€hrleisten. Man beeilt sich zu betonen, der Werbeeffekt fĂŒr den Konzern sei „verschwindend gering“ – nicht ohne schuldbewusst hinterherzuschieben, dass man in der Literaturbeschaffung „fast ausschließlich“ mit lokalen BuchhĂ€ndlern zusammenarbeite.

Der Börsenverein hĂ€lt die Praxis der UB indes fĂŒr „sehr bedenklich“. Zwar ist Heidelberg, wie in der Folge des Reußschen Aufschreis bekannt wurde, kein Einzelfall – ein Viertel der UniversitĂ€ts- und drei Viertel der Stadtbibliotheken verfahren in dieser Weise, zĂ€hlte die FAZ –, aber auf dem besten Wege, einer zu werden. Denn wĂ€hrend man anderswo eilends Alternativen gesucht (und etwa in der nichtkommerziellen Plattform buchhandel.de gefunden) hat, bewegt sich bei der Heidelberger UB nichts. Das hĂ€ngt auch damit zusammen, dass Amazon in den Augen vieler Studenten noch nicht zu den „bad companies“ vom Schlage McDonalds oder der Starbucks-Kette gehört. Doch sollte es allein der „kleine vierstellige Betrag“ Verkaufsprovision im Jahr sein, der die Umkehr so schwer macht? Das scheint kaum glaubhaft.

Wohl eher fehlt der öffentlichen und vom Land getragenen Kultureinrichtung, die sich selbst den „Auftrag zur Vermittlung des kulturellen Erbes“ auf die Fahnen schreibt, noch immer das Bewusstsein fĂŒr die AbsurditĂ€t ihres eigenen Treibens. Mag die Kommerzialisierung einer solchen Einrichtung rechtlich einwandfrei sein – die UB schadet damit nicht zuletzt ihrem eigenen Ruf.

von Kai GrÀf und Michael Graupner
   

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