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14.11.2006

Von wegen „L‘ Auberge...“

Kosmopolitisch, katalanisch... Barcelona lernt man nicht im Film kennen

Aus Barcelona (Spanien) berichtet unser Korrespondent Andrej BicanskiWie im Film? Wohl kaum! Nicht erst seit dem Erfolg des Erasmus-Kultfilms „Ein Jahr Barcelona“ ist Barcelona zum Magneten fĂŒr junge Leute aber auch Touristen aus aller Welt geworden. Mit der Karikatur, welche im Kino gezeigt wurde, hat die RealitĂ€t freilich weniger zu tun.

Kosmopolitisch aber auch anonym und aggressiv prĂ€sentiert sich die Stadt. Wird man nicht von der typischen Erasmus-MentalitĂ€t getragen und möchte tatsĂ€chlich sein Leben in dieser Stadt leben, bekommt man zunĂ€chst eines zu spĂŒren: Ellenbogen.

Geradezu diebische und unverschĂ€mte Vermieter, Zimmer in denen man seinen Hund nicht wohnen lassen wĂŒrde und Sprachprobleme sorgen zunĂ€chst fĂŒr ErnĂŒchterung.

Dabei ist die Armada von Touristen, welche die Stadt von April bis Oktober belagert, und die daraus resultierenden hohen Lebenserhaltungskosten noch die kleinste Unannehmlichkeit: Die Sprachprobleme fallen zunĂ€chst eher auf, denn auch wer Spanisch spricht ist nicht unbedingt fĂŒr jede Situation gewappnet.

In Barcelona spricht man Katalanisch und ist stolz darauf. Was wie eine Mischung aus Spanisch, Französisch und Italienisch klingt, ist kein Dialekt, sondern eine eigenstĂ€ndige Sprache. Mit den AuslĂ€ndern hat man aber meist doch Geduld. Die meisten Menschen verstehen, wenn man zuerst „Castellano“, was wir als Spanisch kennen und ursprĂŒnglich aus Kastilien bzw. Madrid kommt, lernen möchte, da es einem auch außerhalb von Spanien nutzen kann.

Mit den Spaniern sind die Katalanen weniger nachsichtig, und Spannungen zwischen ihnen und dem Rest von Spanien sind nicht zu leugnen. Da kann es vorkommen, dass der Arzt nur auf Katalanisch antwortet und bei wiederholtem Nachhaken schließlich fragt, ob man denn wisse, in welchem Land man lebe.

Aber solche FĂ€lle sind selbst zwischen Katalanen und anderen Spaniern die Ausnahme. Im Gegenteil. Die meisten Katalanen werden eher bestĂ€tigen, dass besagter Arzt nicht ganz bei Trost ist. Trotzdem, die Spannungen mögen fĂŒr den Besucher anfangs schwer nachvollziehbar sein, und es ist allzu leicht, die Partei derer zu ergreifen, die der Meinung sind man sollte in ganz Spanien Spanisch reden.

Doch der Wunsch der Katalanen, die eigene IdentitĂ€t bzw. Sprache zu wahren, wird schlagartig verstĂ€ndlich, sobald man sich ein wenig mit der Geschichte des Landes beschĂ€ftig. Mehrere Jahrzehnte Diktatur und UnterdrĂŒckung, in denen es unter Strafe verboten war die eigene Sprache ĂŒberhaupt zu sprechen, gehen nicht spurlos an den Menschen vorĂŒber.

Doch diese Widerspenstigkeit ist es auch, welche der Stadt ihre Kraft und Dynamik verleiht. Eine Unmenge an Museen, Theatern und natĂŒrlich Menschen wartet darauf, entdeckt zu werden. Wer Barcelona nicht als Tourist oder Erasmus-Student erleben will, wer hinter die Fassade schauen und sich nicht mit der allgegenwĂ€rtigen OberflĂ€chlichkeit und durchgefeierten NĂ€chten zufrieden geben will, der muss zunĂ€chst Hindernisse ĂŒberwinden.

Aber wer sucht und forscht, wer neugierig ist, der wird belohnt. Belohnt mit einer dynamischen und kosmopolitischen Stadt, mit charakterreichen Menschen und einer kulturellen Vielfalt, die beeindruckt.

Und sollte es doch irgendwann zu viel werden und das Chaos ĂŒberhandnehmen, reicht es einfach, zu Fuß gen Osten zu gehen. Nach Minuten oder spĂ€testens nach einer Stunde tritt man aus den engen Gassen und den nicht enden wollenden steinernen HĂ€userschluchten hinaus und steht urplötzlich vor der großen Weite des Mittelmeers.

Keine HĂ€user versperren mehr den Blick, man schmeckt und riecht das Salzwasser in der Luft und kann etwas Ruhe und Frieden genießen. Na ja, jedenfalls solange einen nicht eine Horde bierbĂ€uchiger Touristen niedertrampelt.

von Andrej Bicanski
   

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