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11.12.2007

Diwali – das Fest des Lichtes

Inder feiern Sieg über die Mächte der Dunkelheit

Der Abend am fünfzehnten Tag des Hindumonats Kartik ist ein besonderer. Es ist Neumond in jener Novembernacht, und die Gassen der Stadt werden nur durch das sanfte Licht kleiner Öllampen erhellt, die überall in den Eingängen und Fenstern der Häuser platziert sind.

Die größeren Straßen sind mit endlosen Lichtergirlanden überhängt und überall herrscht das rastlose Treiben von Menschen, die noch ihre letzten Einkäufe tätigen. Kaum ist das Tageslicht gänzlich verschwunden, entzünden die Menschen Leuchtfeuer und lassen Raketen laut pfeifend in den Nachthimmel schwirren.

Diese Nacht soll nicht der Dunkelheit überlassen, sondern ein strahlendes Fest werden, das den Sieg des Lichtes über die Mächte der Dunkelheit symbolisiert – es ist Diwali.

Das Fest des Lichtes bildet den Abschluss der sich ĂĽber Wochen hinziehenden Festivalsaison in Indien und ist einer der bedeutendsten Feiertage des Hinduismus. Es ist darĂĽber hinaus auch eines der wenigen religiösen Feste, die der ganze indischen Subkontinent gemeinsam feiert. Dabei gibt es von Region zu Region deutliche Unterschiede. 

In Delhi und den meisten Bundesstaaten Nordindiens feiert man Diwali – im mythologischen Kontext die Krönung des Gottes Ram im Königreich von Ayodhya. Nachdem dieser seine Frau Sita aus der Gefangenschaft befreit und den Dämonen Ravana besiegt hat, kehrt Ram nach langen Jahren im Exil zurĂĽck, um den ihm versprochenen Königsthron zu besteigen. Dieser Gott symbolisiert das Starke im tugendhaften Menschen, das das Böse ĂĽberwindet und dem Guten zum Sieg verhilft. Ă„hnlich stellen die Feuer an Diwali das göttliche Licht dar, das den Menschen Hoffnung schenkt, während der Lärm des Feuerwerks die bösen Geister vertreiben soll. 

Ein anderer Aspekt von Diwali bezieht sich auf Lakshmi, die Göttin des Glücks und Spenderin von Reichtum. An Diwali kehrt sie in alle Häuser ein, in deren Eingängen sich Kerzen befinden, weshalb die Menschen sehr darauf bedacht sind, dass diese Lichter während dieser Neumondnacht nicht ausgehen.

An jenem Festtag besuche ich meine indischen Freunde, denn ein zentraler sozialer Aspekt des Diwali-Festes ist es, einander zu besuchen. Da man sich zu diesem Anlass üblicherweise verschiedenste Süßigkeiten schenkt, habe ich eine Packung mit vorzüglichen Laddus dabei. Dabei handelt es sich um eine aus Ghee, Kichererbsenmehl, Zucker und Gewürzen bestehenden Süßspeise. Das Haus ist festlich geschmückt. Im Eingang und den Fenstern stehen kleine Öllämpchen, der Boden des Wohnzimmers ist mit einem aus frischen Blumen hergerrichteten Rangoli verziert. Rangoli ist ein aus verschiedenen bunten Blüten bestehendes Mandala.

Sobald alle Gäste versammelt sind, wird unter Anleitung eines religiösen Gelehrten die Lakshmipuja – die Verehrung der Göttin Lakshmi – durchgeführt, bei der alle ein Bildnis der Göttin ehren, Gaben darbringen und ein Feuerritual vollziehen. Auch der elefanentenköpfige Gott Ganesh, der für Weisheit, Glück und Erfolg steht, spielt bei der Zeremonie eine wichtige Rolle. Ihn bittet man um seinen Segen für ein sorgenfreies Jahr.

Zum Diwali-Feiertag gehört auch das gemeinsame Essen, das von einer Diät bestimmt ist, die an religiösen Feiertagen gilt. Die Bestandteile müssen auf eine spezielle Weise zubereitet werden; Zutaten wie Fleisch, Zwiebeln, Knoblauch sind zu meiden. Nach dem Essen beginnt der Teil, der gerade den Kinder gefällt: das Feuerwerk. Das festliche Treiben setzt sich gewöhnlicherweise bis in die Morgenstunden fort.

Das Faszinierende an religiösen Festtagen in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi zu sein, besteht vor allem darin, dass man neben der nordindischen Tradition auch zahlreiche regionale Varianten hinduistischer Rituale miterlebt. In Bengalen oder in Tamil Nadu feiern die Hindus deutlich anders als in der Gangesebene. Während man im Norden hauptsächlich die Göttin Lakshmi verehrt, steht im Osten Indiens, im Gedenken an den dunklen Aspekt, die Göttin Kali im Mittelpunkt.

Noch am gleichen Abend fahre ich mit einem Freund zum größten Kalitempel in Delhi, um das Kalipuja-Fest zu Ehren der Göttin Kali mitzuerleben. Kali ist die Göttin des Todes und der Erneuerung. In der Neumondnacht im Monat Kartik soll sie die negativen und egoistischen Kräfte im Menschen zerstören und so den Weg für spirituellen Fortschritt und materiellen Segen ebnen. Die Kalipuja findet im Gegensatz zur Lakshmipuja erst nach Mitternacht statt, dauert aber ebenfalls bis in die Morgenstunden an.

Es kostet uns einige Mühe, in dieser Nacht noch eine Rikscha (ein zweirädriges von Menschen zu Fuß oder per Fahrrad gezogenes Gefährt zur Personenbeförderung) zu finden, da die Meisten in diesen segensverheißenden Stunden nicht arbeiten. Schließlich finden wir einen Muslim. Das macht uns klar, dass die Diwali kein Feiertag für alle Bewohner Indiens ist.

Zurück zum Kalitempel: Dieser befindet sich im Zentrum von Delhi und einer Gegend, die diese Nacht besonders laut und ausgelassen feiert. Das Geschehen innerhalb des Tempels bildet dazu einen krassen Kontrast. Vor dem Schrein der Göttin warten die Gläubigen in stiller Andacht darauf, dass der Brahmane die Pforte zum Bildnis der Göttin öffnet und die Gemeinde mit dem Feuer Kalis segnet. Als die Puja beginnt, ertönt auch das laute Trommeln der Tempeldiener und die Muschel – das Zeichen der Göttin – wird geblasen.

Die Frauen im Tempel stimmen einen Gesang an, der an Eulenrufe erinnert und die Atmosphäre von negativen Schwingungen reinigen soll. Als die Feuerzeremonie beginnt, springen die Leute gemeinsam auf und drängen sich freudig in Richtung des Schreins. Jeder hier will mit dem reinigenden Feuer in Berührung kommen. Als die Zeremonie zu Ende ist, gehen die Gläubigen noch dreimal um den Schrein, spenden ihrer Göttin ein wenig Geld und verlassen anschließend den Tempel.

Wir bleiben noch sehr lange im Tempel und beobachten, wie sich die Kalipuja in halbstĂĽndigen Abständen wiederholt. Am Ende spenden auch wir etwas Geld, umrunden ebenfalls den Schrein und verlassen wir den Tempel. 

Inzwischen ist es fĂĽnf Uhr morgens und ein groĂźer Festtag ist zu Ende gegangen. Feste wie Diwali sind in ihrer Bedeutung viel zu komplex, um auf Anhieb verstanden zu werden. Das in Delhi mitzuerleben, bietet jedoch die Gelegenheit, von der kulturellen Vielfalt Indiens einen Eindruck zu bekommen.

von Johannes Dahmen, Delhi
   

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