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 Wissenschaft
17.07.2007

„Morgen aber echt“

Wenn das Aufschieben chronisch wird

„Ich habe schon immer mit mehr Dingen angefangen als aufgehört. Als ich sah, dass Freunde nach dem Studium planlos waren, erschien mir das Fertigwerden unattraktiv.“ Daniel ist 35 Jahre alt und studiert seit 28 Semestern Politikwissenschaft und Soziologie. Derzeit schreibt er an seiner Magisterarbeit.

„Ich habe schon immer mit mehr Dingen angefangen als aufgehört. Als ich sah, dass Freunde nach dem Studium planlos waren, erschien mir das Fertigwerden unattraktiv.“ Daniel ist 35 Jahre alt und studiert seit 28 Semestern Politikwissenschaft und Soziologie. Derzeit schreibt er an seiner Magisterarbeit. Daniel ist einer von vielen Studierenden, die unter Aufschiebeverhalten leiden oder, wie es die Wissenschaft nennt, unter Prokrastination.

Frei nach dem Mañana-Prinzip „Morgen ist auch noch ein Tag“ vermeiden es Aufschieber, sich ihren Aufgaben zu stellen und erledigen stattdessen andere Sachen: Der Geschirrberg in der Küche gewinnt an Attraktivität, das Bad braucht eine Grundreinigung. In allen Lebensbereichen schieben Menschen Dinge vor sich her: Arzttermine, die Steuererklärung, Anrufe, Reparaturen, sogar Sex. Es gibt immer einen Grund aufzuschieben – es ist die Domäne des Eskapismus, der Ausreden und des geschickten Selbstbetrugs.

Besonders betroffen von „Aufschieberitis“ sind Studierende. In wissenschaftlichen Untersuchungen geben etwa 70 Prozent der Studierenden an, regelmäßig Pflichten aufzuschieben. 25 Prozent von ihnen sind „harte“ Aufschieber. Dass gerade Studierende gerne aufschieben, liegt vor allem daran, dass Termine häufig in ferner Zukunft liegen. „Aufgeschoben habe ich vor jedem Referat und jeder Hausarbeit. Ich habe immer alles auf den letzten Drücker gemacht“, bestätigt Langzeitstudent Daniel.

Die Gefahr, von universitären Aufgaben abgelenkt zu werden, ist groß. „Nach der Zwischenprüfung verlor ich das Studium aus den Augen“, sagt Daniel. Er habe viel gejobbt, nebenher studiert. In der Mitte des Studiums habe er am meisten geschoben. „Ich dachte damals, ich warte erstmal auf eine gute Idee für die Magisterarbeit.“

Auch eine Studie der Psychologinnen Inga Opitz und Julia Patzelt von der Universität Münster verdeutlicht, dass vor allem Studierende von Prokrastination betroffen sind. Sie zeigt: Besonders anfällig für Aufschiebeverhalten sind Geisteswissenschaftler. In unstrukturierten Fächern wie Germanistik oder Anglistik wird häufiger aufgeschoben als in Fächern mit kontinuierlicher Leistungsprüfung. Ein weiteres Ergebnis: Unter den Aufschiebern befinden sich mehr Männer als Frauen. Sie neigen eher zu Startschwierigkeiten und leiden unter Planungsproblemen.

Aber warum schieben wir auf? „Menschen sind ökonomische Wesen und versuchen, ihre Energie sparsam einzusetzen“, sagt Professor Funke vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg. Aufschieben funktioniere dann wie ein Selbstschutz, der vor Ängsten, insbesondere des Versagens, schützt. Auch aus Trotz, Ärger, Perfektionismus, Scham, Abhängigkeit, Ohnmacht oder aus Minderwertigkeitsgefühlen schieben Menschen auf.

Chronische „Prokrastinatoren“ geraten in einen Teufelskreis aus Angst und Druck, setzen sich immer neue Fristen und lassen diese wieder verstreichen. Vorsätze zu mehr Selbstdisziplin erzeugen weitere Negativgefühle. Spätestens wenn sich der Leidensdruck der Betroffenen in Qual verwandelt, wird „Aufschieberitis“ zu einem ernsthaften Problem. Der „harte“ Aufschieber gerät zusätzlich mit seinen Mitmenschen in Konflikt. Auch Daniel hat negative Erfahrungen gesammelt. „Da wo ich herkomme haben mich die Nachbarn oft gefragt: Studierst du denn immer noch?“

Was hilft also gegen die „Aufschieberitis“? Laut Hans-Werner Rückert, Diplompsychologe, besteht der erste Schritt in einer veränderten Selbstwahrnehmung: sich selbst nicht mehr als Aufschieber abzustempeln, stattdessen klare Ziele zu setzen und sich bei Erreichung zu belohnen. Wichtig ist auch das Ausschalten von Störfaktoren. Also Telefon ausschalten, Fernbedienung weglegen und E-Mail-Programm schließen.

Das Forschungsgebiet rund um die Prokrastination ist noch jung und wurde erst in den letzten 20 Jahren von der Wissenschaft entdeckt. Der Psychologie-Professor Joe Ferrari vertritt die These, dass unsere Gesellschaft nicht nur Prokrastination erlaubt, sondern sogar dazu ermutigt und dieses Verhalten belohnt. Er verweist auf die Schlummertaste, die seit 50 Jahren in Wecker integriert ist. Aufschiebeverhalten sei das Ergebnis gesellschaftlicher Lernprozesse. Und dennoch: Aufschieber zahlen einen hohen Preis. „Unsere Just-In-Time Gesellschaft toleriert keine Nachlässigkeiten. Die Kunst besteht eher darin, sich zu entspannen und aus dem Getriebe, in dem man steckt, herauszuziehen“, sagt Funke.

Aber an der Prokrastination ist nicht alles schlecht. In einer neueren Studie „Rethinking Procrastination“ gelangen die Autoren zu dem Ergebnis, dass sich aktives Prokrastinationsverhalten sogar positiv auf Einstellung und Leistung auswirkt. Während viele aus Ängsten Aufgaben vermeiden, entscheiden sich aktive „Prokrastinatoren“ freiwillig für ein Aufschieben, um unter dem notwendigen Druck arbeiten zu können. Sie passen sich spontan ihrer Umgebung an, meistern neue Herausforderungen und können effizienter arbeiten.

Wer also an Aufschiebeverhalten leidet, der muss nicht gleich verzweifeln. Auch Daniel hat einen Weg gefunden. „Bei meiner Magisterarbeit schiebe ich nicht mehr auf. Irgendwann will ich mich schließlich Politikwissenschaftler nennen und mich nicht nur so fühlen.“ Dann fügt er hinzu: „Ich war schon immer ein großer Aufräumer, aber wenn ich jetzt Magisterarbeit schreibe, teile ich mir meinen Tag ein. Einen Tick aufgeräumter ist die Wohnung aber immer noch.“

von Stephanie Uther, Sebastian BĂĽhner
   

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