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 Heidelberg
17.07.2007

Von Malern und Tänzern

Letzter Teil der ruprecht-Serie „Hip-Hop in Heidelberg“

Obwohl überall Graffiti die Wände von Heidelberg zieren, bleiben deren Schöpfer Phantome aus dem Untergrund; kaum einer wagt sich an die Öffentlichkeit. Dagegen zeigen Breaker hin und wieder ihr Können am Bismarckplatz. Das Haus der Jugend dient, damals wie heute, als Treffpunkt für alle, die ihren Körper dem Beat hingeben.

Obwohl überall Graffiti die Wände von Heidelberg zieren, bleiben deren Schöpfer Phantome aus dem Untergrund; kaum einer wagt sich an die Öffentlichkeit. Dagegen zeigen Breaker hin und wieder ihr Können am Bismarckplatz. Das Haus der Jugend dient, damals wie heute, als Treffpunkt für alle, die ihren Körper dem Beat hingeben. Einer davon ist Jones, der dem Breaken vor sechs Jahren verfiel.

Nach zwei Breakdance-Workshops packte ihn das Tanzfieber und seitdem trainiert er täglich. Ihn prägte noch die alte Hip-Hop-Kultur. Doch heute scheint es ihm, als würden die „B-Boys“ an den Rand gedrängt werden. „Es gibt kaum noch Veranstaltungen, wo man wirklich sieht, dass es eine einzige Kultur ist. Die meisten gehen nur wegen der Rapper zu einer Jam und die Breaker bekommen irgendwo eine viel zu kleine Tanzfläche.“ Für ihn ist Breakdance definitiv ein Teil von Hip-Hop, aber für viele Rapkonsumenten nicht: „Die Kultur hat sich im Laufe der Jahre aufgesplittet.“

Junge Tänzer sind selten. Das könnte daran liegen, dass der Nachwuchs sich nicht traut, an die Erfahrenen heranzutreten, um Fragen zu stellen. Es gibt keinen „Trainer“ und neue Moves bringt man sich gegenseitig bei oder schnappt sie in Videos auf. Feste Crews existieren schon länger nicht mehr, dennoch entstehen gemeinsame Projekte: Zum Beispiel das selbst choreographierte Theaterstück von Schillers „Verbrecher aus verlorener Ehre“.

Von offiziellen Breakdance-Meisterschaften hält Jones nichts, da die Tänzer aus Tanzschulen kommen, ihre Fähigkeiten nicht auf der Straße erworben haben und nichts mit B-Boying zu tun haben. Selten sind B-Girls in diesem rauen Tanzsport zu finden. Recon stört diese Tatsache allerdings wenig. Sie hat schon in ihrer Heimat Kapstadt nur mit Jungs getanzt. Weil ihr die flüssigen Tanzbewegungen so gut gefielen, übte sie die ersten Schritte in einer Gruppe ihrer Uni. Ihre Doktorarbeit, die sie am European Molecular Biology Laboratory (EMBL) schreibt, brachte sie im Oktober 2006 nach Heidelberg. Sie hielt sofort Ausschau nach B-Boys und machte nach kurzer Zeit das Haus der Jugend ausfindig. Hier stellten sich die Weichen zu der Weinheimer Crew Loco Motivez, mit denen sie trainiert und auftritt.

Ihre Wurzeln liegen im Turnen, was bei manchen Moves hilfreich ist. Aber wenn sie Spezielles in Sachen „Footwork“ wissen möchte, fragt sie die anderen: „Man kann schauen, was andere machen, aber es ist wichtig seinen eigenen Stil zu finden und ihn nicht von anderen zu kopieren.“ Denn plumpes Imitieren, genannt „biten“, verstößt gegen den Tänzerkodex.
Für Dennis hat Tanzen eine ganz spezielle Bedeutung. Nachdem in den letzten Jahren vieles „ziemlich übel lief“, war das Breaken für ihn die Chance, wieder Struktur in sein Leben zu bringen. Seit fünf Jahren übt Dennis seine Moves. Früher noch in Neckargemünd, kommt er nun seit einem Jahr in das Jugendzentrum.

 Er mag, dass es beim Breakdance keine Regeln gibt, lediglich „Wannabes“ stören den athletischen 26-jährigen. „Man muss selbst kreativ sein“, fasst er seine Sicht ĂĽber die Hip-Hop-Kultur zusammen. Dennis mag insbesondere Powermoves, das sind kraftvolle Drehungen, und sein Rotieren und Wirbeln erinnert an die KĂĽr eines Kunstturners. „Footwork“ oder Tanzstile wie „Electric Boogie“ mag er weniger und dies ist vielleicht auch der Grund, weshalb er seine Fähigkeiten noch nicht in Battles präsentiert hat.

Das ambivalenteste Verhältnis zur Ă–ffentlichkeit besitzen innerhalb der Hip-Hop-Kultur die Graffiti-KĂĽnstler. Eine fortwährende Diskussion ĂĽber Grenzen der Kunst, Illegalität und Sachbeschädigung drängt sie in den Untergrund und entsprechend schwierig gestaltet sich die Kontaktaufnahme. Black117 aus Heidelberg gibt schlieĂźlich Einblick in dieses Element. Auch in diesem Bereich kann Heidelberg auf eine lange Tradition zurĂĽckblicken und KĂĽnstler wie Kane, TPM Crew, Wild Punks,  und die Illheads etablierten einen guten Ruf innerhalb der Szene.

Heute verdeutlichen Anlaufstellen wie der Montana Store in der Plöck oder das Heidelberger Graffiti Magazin „Most         Wanted“ die Dynamik der  lokalen Szene. Was aber fehlt, sind legale Flächen, die besprĂĽht wer­den dĂĽrfen, so genannte „Walls of Fame“. In Heidelberg kommen auf die zwei legalen Flächen am Skate­park und am Messplatz geschätzte 40 Writer. Legales Ăśben wird so unmöglich.

Für Black117 hat sich Sprühen aus dem Hip-Hop-Kosmos weitgehend gelöst und zu einer autarken Kunstform entwickelt, die auch ohne die anderen Elemente auskommt. „Die meisten Sprüher, die ich kenne, hören keinen Hip-Hop und haben auch sonst nichts damit zu tun“, stellt Black117 fest. Spaß, Freundschaft aber auch „Fame“ (Anerkennung durch andere Sprüher), sind wichtiger als die Orientierung an einer Hip-Hop-Kultur, die sich für viele Sprüher in eine falsche Richtung entwickelt hat.

 â€žHeute kaufst du dir Hip-Hop, trägst XL-Shirts und eine goldene Kette, auf der Motherfucker steht. Mal ehrlich: Das hat nicht mehr viel mit Hip-Hop zu tun“, so die nĂĽchterne Bilanz von Black117.

von Jörn Basel, Karla Kelp
   

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