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19.06.2007

Möhreneintopf und Igluzelte

Heidelberger Studenten in den Camps der G8-Demonstranten

Der G8-Gipfel ist offiziell beendet, der Zaun wird wieder abgebaut, die Protestanten sind wieder in ihren HeimatstÀdten und der XXL-Strandkorb, in dem Angela Merkel mit den anderen Regierungschefs posierte, wird vermutlich irgendwann bei E-Bay versteigert. Langsam kehrt wieder Ruhe in die in das Seebad Heiligendamm.

Der G8-Gipfel ist offiziell beendet, der Zaun wird wieder abgebaut, die Protestanten sind wieder in ihren HeimatstÀdten und der XXL-Strandkorb, in dem Angela Merkel mit den anderen Regierungschefs posierte, wird vermutlich irgendwann bei E-Bay versteigert. Langsam kehrt wieder Ruhe in die in das Seebad Heiligendamm.

Von langsam einkehrender Ruhe merken die Heidelberger Studenten, die direkt vor Ort gegen den Gipfel protestierten, allerdings noch nicht viel. Die Diskussionen um die Themen des G8-Gipfels reißen nicht ab und auch die gewaltsame Eskalation der Großdemo vom 2. Juni sorgt immer wieder fĂŒr GesprĂ€chsstoff.

Es ging alles ganz schnell. Plötzlich forderten die Ordner die Demonstranten dazu auf, Ketten zu bilden. Die Demonstration sollten nicht weglaufen sondern sich untereinander einharken. Die Parolen, die vorher noch gesungen wurden, versummten. Mitglieder einer tĂŒrkischen Organisation forderten die Teilnehmer auf, die Ruhe zu bewahren. Kurz danach tauchten die mit Tuch und Sonnenbrille maskierten ersten Mitglieder des schwarzen Blocks auf und begannen, mitgebrachte Steine zu werfen. Unter den Demonstranten herrschte allgemeine Konfusion, darĂŒber wohin sich ausweichen sollten, als die Polizei versuchte die Steinewerfer festzunehmen. Es herrschten chaotische ZustĂ€nde.

Kreativer und vielseitiger Protest

In den Medien dominierten Bilder des Schwarzen Blocks und der Wasserwerfer, doch sie entsprachen nur zu einem kleinen Teil dem Gesamtbild der G8-Proteste: Neben den Demonstrationen verschiedener Gruppen bot das Rahmenprogramm den Teilnehmern etliche andere Aktionen wie Straßentheater und Konzerte. „Ich habe noch nie einen so vielfĂ€ltigen Protest erlebt", berichtet Ajit. Der 28-jĂ€hrige Student der Politischen Wissenschaft ist bei BlockAid und Attac Campus aktiv. Heiligendamm war bereits der dritter Gipfel, an dem er teilnahm.

Auch Jurastudent Alexander (25) bestĂ€tigt, dass die Eskalationen nicht den Gesamtverlauf rund um Heiligendamm beherrschten: „Bis auf die traurigen Ausschreitungen war es ein kreativer, friedlicher und vielseitiger Protest." Noch nie habe er so viele kritische Begleitveranstaltungen, Demonstrationen und Aktionen von Gruppen unterschiedlichster Kontinente erlebt.

Dass in den Medien hauptsĂ€chlich ĂŒber die Gewaltexzesse berichtet wurde, bemĂ€ngelt auch Susanne. „Es hat mich gewundert, dass die Steinewerfer auf jedem Titelbild zu sehen waren", sagt die 25-jĂ€hrige Germanistik- und Politikstudentin. „Das Bild der Demonstranten wurde dadurch extrem verzerrt, denn die allermeisten waren friedlich", meint sie. Trotz reger Beteiligung zweifeln einige Teilnehmer daran, inwiefern Sitzblockaden, Musik und Theater Einfluss auf die politischen Entscheidungen der G8-Staaten nehmen können.

Auf die Frage, ob die Proteste einen direkten Einfluss auf den laufenden Gipfel haben, antwortet Dominik von Attac Campus mit einem klaren „Nein". Alexander bewertet die Proteste rund um den G8-Gipfel trotz allem als erfolgreich. „Die Proteste beeinflussen den öffentlichen Diskurs ĂŒber G8 und die Global Governance Strukturen", meint er. „Zudem hat sich die Sprache und Themenpalette der G8 unter dem wachsenden Druck der Proteste stark verĂ€ndert", fĂŒgt Alexander hinzu.

Nicht alle Demonstranten wollen auf Konsum und Genuss verzichten

Zwar sind die Demonstrationen gegen die Agenda des G8-Gipfels nun vorĂŒber, Klimaschutz und Globalisierungskritik jedoch finden sich auch in dem privaten Konsumverhalten vieler G8-Kritiker. „Es ist eine Form des Widerstandes möglichst viele Bio- oder fairgehandelte Produkte zu kaufen", glaubt Ajit. So versucht sich zum Beispiel seine Wohngemeinschaft solidarisch der Supermarkt-Konsumstruktur zu entziehen.

FĂŒr Politikstudentin und Attac Campus Mitglied Nina hat bewussteres Einkaufen allerdings ĂŒberhaupt nichts mit dem Gipfel zu tun. Vielmehr steht fĂŒr sie die Überzeugung dahinter, dass ein verĂ€ndertes Konsumverhalten bei dem Ziel einer nachhaltigeren und schließlich gerechteren Welt unumgĂ€nglich ist.

Alexander erklĂ€rt, dass er trotzdem Konsumkind und Genussmensch bleibe. In einigen Camps hingegen setzten die Globalisierungskritiker auf gewissenhaftes Konsumieren und Zusammenleben. Das Essen dort war ausschließlich vegan; jeder zahlte dafĂŒr nur soviel wie er auch ausgeben konnte. Auch wenn das Essen nicht jedermanns Geschmack traf, waren die meisten Teilnehmer mit der Umsetzung und Organisation der Camps durchaus völlig zufrieden.

Zwischen bunten Igluzelten und gemeinschaftlichem GemĂŒseschneiden gab es dabei manchmal auch ein interessantes Wiedersehen. Nach dem Motto: „Hey, dich kenne ich doch von den Blockaden."



Fakten zum G8-Gipfel in Heiligendamm

  • Am ersten Treffen im französischen Rambouillet nahmen neben Deutschland und Frankreich auch die USA, Großbritannien, Italien und Japan teil. 1976 trat Kanada (G7) und 1998 Russland der G8-Gruppe bei.

  • Helmut Schmidt und ValĂ©ry Giscard d‘Estaing, die damaligen Regierungschefs Deutschlands und Frankreichs, riefen 1975 den Gipfel (damals: „Weltwirtschaftsgipfel" genannt) ins Leben.

  • Beim ersten Gipfel standen die weltweiten wirtschaftlichen Auswirkungen der ersten Ölkrise von 1973/74 im Vordergrund.

  • In den G8-Staaten leben zwar nur 14 Prozent der Weltbevölkerung, diese besitzen jedoch zwei Drittel des Welteinkommens.

  • Mit etwa 100 Millionen Euro fallen die Kosten des Gipfels in Heiligendamm höher aus als erwartet. Einen Großteil der Kosten muss wohl das Land Mecklenburg-Vorpommern tragen.

  • An der G-8-kritischen Großdemo vom zweiten Juni beteiligten sich etwa 50 000 Menschen.

  • WĂ€hrend des Gipfels waren 16 000 Polizisten und 1100 Bundeswehrsoldaten im Einsatz.

von Kristin Bleyder, Jenny Genzmer, Stephanie Uther
   

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