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19.06.2007

Wie Vögel geleitet vom Wind

Von den Hoffnungen und TrÀumen junger Frauen in Papua-Neuguinea

Heute wollen wir einen Ausflug machen. Es ist Samstag und somit können auch die MĂ€dchen mitkommen, die sonst in die Schule gehen mĂŒssen. Jirat und ich packen SĂŒĂŸkartoffeln, Mais und GrĂŒngemĂŒse ein, um diese spĂ€ter im Feuer grillen zu können. Die Sonne brennt und wir warten auf dem Dorfplatz bis alle eingetroffen sind.

Heute wollen wir einen Ausflug machen. Es ist Samstag und somit können auch die MĂ€dchen mitkommen, die sonst in die Schule gehen mĂŒssen. Jirat und ich packen SĂŒĂŸkartoffeln, Mais und GrĂŒngemĂŒse ein, um diese spĂ€ter im Feuer grillen zu können. Die Sonne brennt und wir warten auf dem Dorfplatz bis alle eingetroffen sind.

Mein Aufenthalt im kleinen Dorf Gua wird vier Wochen dauern, um ein ethnologisches Feldforschungs- praktikum durchzufĂŒhren. Meine Aufgabe dabei ist es, etwas ĂŒber die Lebenswelt junger, unverheirateter Frauen in Papua-Neuguinea herauszufinden – und auch ĂŒber ihre WĂŒnsche und TrĂ€ume. Mit Jirat habe ich mich bald nach meiner Ankunft angefreundet. Sie ist ungefĂ€hr so alt wie ich, offen, und spricht sehr gut Tok Pisin, eine Art Pidgin-Englisch, die am weitesten verbreitete Verkehrssprache in Papua-Neuguinea. In manchen Gegenden ist es auch die erste Sprache, die Kinder lernen.

Auf Papua-Neuguinea existieren ĂŒber 700 Sprachen

Sechs junge Yupno-Frauen (der Name leitet sich vom Fluss Yupno ab, der durch das Finisterre-Gebirge fließt) und ich wandern mit Taschen bepackt und Sonnenschirmen in der Hand durch eine atemberaubende Landschaft: hohe Berge, saftig grĂŒne WĂ€lder, steile FelswĂ€nde, duftende GrĂ€ser.

Das Dorf Gua liegt auf 2000 Meter Höhe, direkt auf der Grenze der Provinzen Madang und Morobe. Die Yupno mĂŒssen einen Marsch von zwei Tagen auf sich nehmen, um zur KĂŒste zu gelangen. Straßen gibt es nicht. Ein Flug nach Gua, die mit winzigen Flugzeugen mit nur vier SitzplĂ€tzen möglich sind, dauert etwa eine Stunde. Das an der NordostkĂŒste Papua-Neuguineas gelegene Madang hieß frĂŒher einmal „Friedrich-Wilhelmshafen" und war von 1884-1914 Teil des deutschen Kolonialgebietes „Kaiser-Wilhelm-Land", dass den nordöstlichen Teil von Neuguinea umfasste.

Unsere Wanderung geht weiter durch einen Bambuswald, sonnige Wiesen und hĂŒfthohes Schilfgras. Nachdem wir einige dunkle KaffeewĂ€lder durchquert haben erreichen wir einen Fluss, an dem wir fĂŒr in Picknick Rast machen. Auf dem Weg erklĂ€ren mir die Frauen, wo die GĂ€rten der einzelnen Dorfbewohner liegen und erzĂ€hlen die dazugehörigen Geschichten. Sie können zu jedem Ort in der Landschaft eine Geschichte erzĂ€hlen.

Die Bevölkerung Papua-Neuguineas spricht etwa 700 verschiedene Sprachen. Auch die Yupno sprechen untereinander immer in ihrer eigenen, gleichnamigen Sprache, die zur Familie der Papua-Sprachen gehört. Gerade die jungen Frauen, die zumeist wenig herumkommen, sprechen Tok Pisin manchmal nicht fließend. Zum Teil ist es daher schwierig, ĂŒberhaupt eine Unterhaltung anzufangen, weil manche sich dafĂŒr schĂ€men.

Auch ich habe anfangs ziemliche Probleme mich in der fremden Sprache auszudrĂŒcken. Aber mit der Zeit, und Dank der Abgeschiedenheit zur Außenwelt, verbessern sich auch meine Sprachkenntnisse und ich bekomme einen kleinen Einblick in die Lebenswelt der jungen Frauen.

An unserem Picknick-Ort am Yupno-Fluss springen wir erst einmal ins Wasser, um uns abzukĂŒhlen. Danach beginnen wir damit, die Kochbananen, SĂŒĂŸkartoffeln und Mais auf dem Feuer zu grillen. Dazu fĂŒllen wir vorher gefĂ€llte Bambusröhren mit dem GemĂŒse, und legen diese aufs Feuer – die traditionelle Art zu kochen, wie mir Huareka erklĂ€rt. So haben es die „tumbuna", die Vorfahren, gemacht, als es noch keine Kochtöpfe gab.

UnglÀubiges Staunen ob der HÀuser aus Stein

Alle sind sie begeisterte GĂ€rtnerinnen. Die Kunst des Gartenbaus lernen die MĂ€dchen – zumindest noch teilweise – von ihren Eltern. Durch die hohe Lage begĂŒnstigt wĂ€chst hier eine breite Auswahl an Obst und GemĂŒse.

Die Arbeit im Garten macht den Frauen Spaß und dient dabei hauptsĂ€chlich der Selbstversorgung. Neben den Nahrungspflanzen gibt es noch die „Cash crops". Das sind Tabak und Kaffee, die fĂŒr den Verkauf angebaut werden und die die Bewohner unter großen MĂŒhen zu den weit entfernt gelegenen MĂ€rkte transportieren mĂŒssen, um sie dort zu verkaufen. Viele Frauen haben die Gegend noch nie verlassen. Sie kennen das Leben in den StĂ€dten nur aus ErzĂ€hlungen. Das Stadtleben sei gefĂ€hrlich und berge viele Gefahren, glauben sie. Generell fĂŒhlen sich die Frauen wohl im Dorf: Sie leben in Frieden – Essen, Wasser und Unterkunft sind umsonst. Dass man in den StĂ€dten Geld dafĂŒr bezahlen muss, erscheint den jungen Frauen verrĂŒckt.

Ebenso verrĂŒckt hört es sich fĂŒr die jungen Frauen an, dass wir in Deutschland in HĂ€usern aus Stein wohnen. Als ich davon erzĂ€hle, ist das Entsetzen groß: „Was macht ihr, wenn es ein Erdbeben gibt?", fragt mich Jirat unglĂ€ubig. Die Yupno-HĂ€user sind rund, mit einem GerĂŒst aus Bambus-Holz und einem aus Schwertgras bedeckten Dach.

Es ist oft schwierig, die MĂ€dchen dazu zu bekommen, etwas ĂŒber die eigenen TrĂ€ume und WĂŒnsche zu erzĂ€hlen. „Man soll nicht zu viel planen", sagt Ronare, „Menschen sollen sich nur von Gott fĂŒhren lassen, wie Vögel, die der Wind leitet". Seit den 1950ern ist der Einfluss der Lutheranischen Kirche hier groß.

Nach und nach entlocke ich den Frauen dann aber doch ein paar Informationen: Einen guten Beruf lernen, dann ins Dorf zurĂŒckkommen, um der Familie zu helfen, das wĂ€re toll.

Nicht jeder kann sich das Schulgeld leisten

Der wohl grĂ¶ĂŸte Wunsch ist es, der eigenen Verwandtschaft helfen zu können. Kaum eine Frau stellt es sich schön vor, auf Dauer weit weg vom Heimatdorf zu wohnen. Die MĂ€dchen trĂ€umen von fĂŒr westliche VerhĂ€ltnisse ganz banalen Dingen: Es wĂ€re schön, genug Töpfe und Pfannen zum Kochen zu haben. Matratzen. Geld, damit die eigenen Kinder einmal die Schule besuchen können. Stifte, Hefte, Gutes Essen, mal etwas im GeschĂ€ft des Nachbardorfes einkaufen können.

Junge MĂ€nner sieht man im Dorf selten. Da es hier auf dem Land unmöglich ist Geld zu verdienen, halten sie sich oft in den StĂ€dten auf; manche nur fĂŒr ein paar Wochen oder Monate am StĂŒck, andere ziehen dauerhaft in die StĂ€dte. Wobei das Wort „Stadt" in Pagua-Neuguinea eine andere Dimension hat: So zĂ€hlt hat Madang gerade einmal ungefĂ€hr 27 000 Einwohner.

Weil das Geld bei den Yupno so knapp ist, ist es oft schwierig, das Schulgeld aufzubringen, das ab der ersten Klasse bezahlt werden muss. Ape und Suap, zwei junge Frauen Anfang zwanzig, mussten die Schule vorzeitig abbrechen, weil kein Geld mehr da war. Ihr Bruder hingegen geht jetzt auf eine weiterfĂŒhrende Schule in Madang. Das wenige vorhandene Geld wird vorwiegend in die Ausbildung der MĂ€nner investiert.

Doch es gibt Ausnahmen: Tale, Esta und Erao, meine drei Gastschwestern, gehen alle zur Schule. Saimon, der einzige Sohn der Familie, muss noch warten. Das Geld reicht momentan nur fĂŒr die Ausbildung der MĂ€dchen. Eheyupe, mein Gastvater, bedauert, dass noch keine Frau aus der Yupno-Gegend die Schule ĂŒber die zehnte Klasse hinaus besucht hat.

Als wir abends von unserem Ausflug zurĂŒckgekommen sind, sitze ich mit meiner Gastfamilie im Haus noch ein wenig ums Feuer. Eheyupe erzĂ€hlt mir dabei von seinem Traum: „Olgeta pikinini meri bilong mi mas kamap sampela wokmeri", erzĂ€hlt er mir: „Alle meine Töchter sollen einmal einen guten Beruf lernen."

Saimon wartet bis seine Schwestern Geld verdienen und dann das Schulgeld fĂŒr ihn bezahlen können.

von Lena Heinzmann
   

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