Dies ist ein Archiv der ruprecht-Webseiten, wie sie bis zum 12.10.2013 bestanden. Die aktuelle Seite findet sich auf https://www.ruprecht.de

ruprecht-Logo Banner
ruprecht/Schlagloch-doppelkeks-Jubiläum
Am 13.10. feiern wir 25 Jahre ruprecht/Schlagloch und 10 Jahre doppelkeks [...mehr]
ruprecht auf Facebook
Der aktuelle ruprecht
ruprecht vor 10 Jahren
Andere Studizeitungen
ruprechts Liste von Studierendenzeitungen im deutschsprachigen Raum
ruprecht-RSS
ruprecht-Nachrichten per RSS-Feed
 Interview
21.06.2007

Im Mainstream von attac

Ein Interview mit Peter Wahl, Vorstandsmitglied von attac, im Rahmen des IPW-Forums 2007 der Fachschaft des Instituts f√ľr Politikwissenschaft der Universit√§t Heidelberg.

ruprecht: In Ihrem Vortrag spielte Afrika eine gro√üe Rolle. M√ľsste man nicht, anstatt immer weitere Erh√∂hungen der Entwicklungshilfe zu fordern, die Systematik, nach der Hilfe geleistet wird, ver√§ndern?

Peter Wahl:
Das ist eine richtige Kritik an der Entwicklungshilfe, die seit langem ge√ľbt wird und √ľber weite Strecken v√∂llig berechtigt ist. Es kommt viel st√§rker darauf an, ohne einer Einstellung der Entwicklungshilfe das Wort zu reden, die Strukturen vor Ort selbst zu ver√§ndern. Hierzu geh√∂ren an erster Stelle Demokratisierung, Empowerment unterprivilegierter und verwundbarer Gruppen, die St√§rkung ihrer Rechte und Durchsetzungsm√∂glichkeiten durch Selbstorganisation, durch Gewerkschaften und NGOs.

Im n√§chsten Schritt m√ľssen die √∂konomischen Verh√§ltnisse verschoben und ver√§ndert werden. Es ist viel st√§rker eine Binnenorientierung n√∂tig, die auf die Bed√ľrfnisse der Menschen in Afrika und nicht jene der M√§rkte in Europa und Amerika eingeht, wie es in den letzten Jahren der Fall war, etwa im Fall Ostafrikas, wo anstatt Hirse nunmehr Blumen f√ľr den europ√§ischen Markt produziert werden. Dies hat zu einem R√ľckgang der Nahrungssicherheit gef√ľhrt sowie dazu, dass die Produktion von Gro√üfarmern beherrscht wird. Nur kann man Blumen nun einmal nicht essen. Solche und √§hnliche Strukturen gilt es zu ver√§ndern. Andernfalls wird Entwicklungshilfe zum Fass ohne Boden.


Aber ist es daher nicht problematisch, aus √∂kologischen Gr√ľnden eine Reduzierung des √úberseehandels zu fordern? Kann freier Welthandel nicht dazu dienen, L√§nder wirtschaftlich zu st√§rken?

Nein. Chinas Aufstieg ist, ebenso wie jener Japans und S√ľdkoreas, ein Aufstieg der v√∂llig klassisch ablief, √§hnlich der Entwicklung in Europa im 19. Jahrhundert, und zwar durch Abschottung und Protektionismus. Liberalisierung und √Ėffnung erfolgten erst als man international wettbewerbsf√§hig war. China ist heute noch kein durchliberalisiertes Land.

Es gibt immer noch sehr viele politische Regulierungen. Der Erfolg beruht hierbei also gerade nicht auf der neoliberalen Ideologie. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass der chinesische Industrialisierungstyp genau derselbe ist wie jener in Europa während der Industrialisierung. China wird zur Werkbank der Welt mit den entsprechenden ökologischen Schattenseiten.


Könnten die G8, so sie willens wären, bei der von Ihnen geforderten Demokratisierung nicht mehr erreichen als etwa die UNO, nicht zuletzt angesichts des dort herrschenden Einflusses undemokratischer Staaten?

Prinzipiell schon, nur tun sie das nicht. Die G8 konsolidideren viel mehr die bestehenden Machtverh√§ltnisse durch ihr Verhalten. Der Einladung des nigerianischen Staatspr√§sidenten stand der Umstand, dass die Wahlen undemokratisch, um nicht zu sagen gef√§lscht, waren offenbar nicht im Wege, was daran liegt, dass er den westlichen internationalen Konzernen weiterhin gestattet, zu guten Konditionen √Ėl zu f√∂rdern.

Im Falle einer Revolution und einer sich an den Interessen der Bev√∂lkerung orientierenden Regierung w√ľrde das √Ėl unter Umst√§nden an andere Abnehmer verkauft, oder selbst genutzt und zum Aufbau und zur Entwicklung des Landes verwendet. Hieran haben Shell, Elf und Co keinerlei Interesse. Und in so einem Fall hat eben auch Frau Merkel daran kein Interesse.


Ist Ihre Kritik somit eher pragmatischer Natur, und geht es Ihnen weniger um die strukturellen Misst√§nde, etwa die mangelnde Representativit√§t oder mangelnde demokratische Struktur der G8, sondern darum, dass die G8 keine ‚Äěgute‚Äú G8 sind?

Eine ‚Äěgute‚Äú G8 w√§re besser als die G8, die vor allem die Privilegien der Reichen und M√§chtigen weiter verteidigt.


K√∂nnte oder m√ľsste attac, um politisch mehr Einfluss zu nehmen, sich nicht anders organisieren, zum Beispiel direkt eingreifen, etwa in Form einer attac-Partei?

Das glaube ich nicht. Das w√ľrde attac innerlich zerrei√üen, das w√ľrden viele nicht mitmachen. Ich wei√ü auch nicht, wie das ausgehen w√ľrde. Ein Blick auf die Meinungsumfragen nach Heiligendamm zeigt, dass Frau Merkel gut dasteht; was im Vergleich zu Beck vielleicht auch keine gro√üe Kunst ist. Es zeichnet sich immerhin in der bestehenden Parteienlandschaft eine positive Entwicklung ab. Die an diesem Wochenende stattfindene Fusion von Linkspartei und WASG k√∂nnte in dieser Hinsicht hilfreich sein, da deren Anspruch ein globalisierungskritischer ist.
Ob dieser Anspruch umgesetzt wird, steht auf einem Blatt. Ich habe da gewisse Zweifel, dass das so bald funktionieren könnte.


Hierbei erscheint jedoch problematisch, dass Linke und WASG eben nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, wie es bei den Grundwerten von attac der Fall zu sein scheint.

Wenn wir bei Wahlen antreten w√ľrden, w√ľrden wir die hohen Zustimmungsraten sicherlich nicht halten k√∂nnen. Es ist wohl m√∂glich, dass wir in den Bundestag einziehen k√∂nnten; das will ich nicht ausschlie√üen. Dass wir eine Mehrheit erreichen k√∂nnten, die es uns erlauben w√ľrde, all die notwendigen Entscheidungen zu treffen, bezweifle ich dann doch.


Stellt die Vielfalt von attac hierbei auch ein Problem dar?

Sicherlich. Dar√ľberhinaus w√ľrde aber auch unsere Glaubw√ľrdigkeit verloren gehen, wenn wir kandidieren w√ľrden. Immer gr√∂√üere Teile der Bev√∂lkerung verlieren das Vertrauen in die repr√§sentative Demokratie und ich glaube nicht, dass wir hieran etwas √§ndern k√∂nnten.


In letzter Zeit gab es Stimmen, die kritisierten, dass sich bei attac gewisserma√üen zentralistische Strukturen herausbilden, dahingehend, dass, auch von Ihnen, beispielsweise Mitteilungen herausgegeben werden, die von der Basis nicht uneingeschr√§nkt unterst√ľtzt werden. Sind Sie zu konservativ f√ľr attac?

Ich sehe mich mit meinen Aussagen im Mainstream von attac. Attac ist eine sehr pluralistische Organisation, und so kann es passieren, dass man, wie ich nach Heiligendamm, von Teilen des linken Fl√ľgels kritisiert wird, w√§hrend der rechte Fl√ľgel ganz zufrieden ist. Hier gibt es naturgem√§√ü Kontroversen und Konflikte, mit denen man umgehen muss. In einer Partei w√ľrde so etwas von der F√ľhrung unterdr√ľckt, was bei attac nicht geht. Es geht bei attac aber genausowenig, dass der linke Fl√ľgel sich gegen√ľber dem rechten durchsetzt und die Organisation in eine andere Richtung zieht. Hier gibt es eine gewisse Tr√§gheit durch das Konsensprinzip und auch durch die Tatsache, dass wir nicht gezwungen sind, konkrete Entscheidungen zu treffen.
Wenn attac an der Regierung w√§re, w√ľrde sich wohl auch deswegen nichts √§ndern, weil sich Einigungen an der Basis sehr langwierig gestalten w√ľrden.


Hat das globalisierungskritische Lager hier nicht dahingehend ein Problem, dass es ihm schwerfällt, sich auf gewisse Kernthemen zu konzentrieren? Noam Chomsky betont, dass hochgradig ideologisierte antiimperialistische Positionen der Bewegung eher schaden, da sie Kräfte binden, die anderorts gebraucht werden.

Das ist die Realit√§t von attac. Mir wird manchmal unheimlich, wenn ich erlebe, wie die Bewegung zu einem Hoffnungstr√§ger hochstilisiert wird, von dem erwartet wird, dass er die Welt retten k√∂nnte; weder wir noch die G8 werden die Welt retten. Hier muss sich noch vieles ver√§ndern, und m√ľssen unsere eigenen Grenzen realistisch einsch√§tzen.

 


M√ľsste sich attac hierzu nicht entideologisieren, um √ľberhaupt Kernthemen festlegen zu k√∂nnen?

Es ist sicherlich ein Problem, dass wir zu viele Themen haben. Andererseits geh√∂rt dies zu den Widerspr√ľchen, mit denen attac leben muss. Wir akzeptieren und bef√ľrworten die Selbstt√§tigkeit unserer Mitglieder, sodass wir die Besch√§ftigung mit etwa Gentechnologie nicht zugunsten anderer Bereiche wie Armutsproblematik beschr√§nken w√ľrden. Dies geh√∂rt zu unseren Dilemmata, weshalb die Handlungsf√§higkeit von attac in F√§llen konkreter Entscheidungen nicht √ľberm√§√üig gro√ü einzusch√§tzen w√§re, von eindeutigen Konsensf√§llen einmal abgesehen. W√§hrend niemand bei attac f√ľr die Privatisierung der Bahn ist, gibt es im Bereich Steuerpolitik oder Armutsbek√§mpfung bereits gro√üe Differenzen.

Eine Entideologisierung ist daher ein unrealistisches Ziel. Selbst Einzelthemen wie die Armutsproblematik lassen sich nicht in einem ideologischen Vakuum bearbeiten, da unterschiedliche Analysen der Gr√ľnde bereits zu Differenzen f√ľhren.


Mittlerweile legt attac gro√ües Gewicht auf die √Ėkologie, vor allem die Klimaentwicklung. Wie stark lenkt das von anderen Problemen, wie Hungerkatastrophen ab, beziehungsweise widerspricht ihrer L√∂sung, wie zum Beispiel im Fall der Malariabek√§mpfung mit DDT?

Themenkonkurrenz ist ein schwierig zu handhabendes Problem. Wir versuchen dies durch Verkn√ľpfung aufzul√∂sen, indem darauf hinweisen, dass die gr√∂√üten Opfer der Klimakatastrophe die Menschen in Afrika sein werden. In unseren Breiten gibt es, so zynisch das klingen mag, auch Gewinner, wenn etwa in Brandenburg Riesling angebaut werden kann oder die Ostsee zum Urlaubsparadies wird, weil die Hitze am Mittelmeer nicht mehr auszuhalten ist; das ist ein Problem. W√§hrend sich also die Sahara immer weiter nach S√ľden ausbreitet, das Wasser knapper wird und somit Menschen ihrer Lebensgrundlage beraubt werden, gibt es aus solche, f√ľr die die Entwicklung wirtschaftlich attraktiv ist.


Was ist Ihre Vision von attac in zehn Jahren?

Vielleicht hat Attac dann zwei Millionen Mitglieder, ist aber hoffentlich nicht so b√ľrokratisiert und erstarrt, wie dies bei Gro√üorganisationen √ľblich ist, sondern wird seine gro√üe Lebendigkeit und Frische bewahrt haben und dynamisch geblieben sein.


Herr Wahl, vielen Dank f√ľr das Gespr√§ch.

von Stefan Dworschak
   

Archiv Interview 2023 | 2022 | 2021 | 2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004