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15.05.2007

Piepsen und T√∂nen √ľberall

Ohne akustische Signale funktioniert in Japan nichts

Eigentlich gibt es wohl kein unbeliebteres Ger√§usch als das Klingeln des Weckers. Das √§ndert sich schnell, wenn der Morgen in Japan beginnt. Denn akustische Signale werden hier h√§ufiger genutzt als in Mitteleuropa – vor allem im Servicebereich. So informieren Ansagen in der Bahn den Fahrgast nicht nur √ľber den Namen des n√§chsten Bahnhofes, sondern auch √ľber s√§mtliche Umsteigem√∂glichkeiten.

Johanna Shizuka Berg, Kyoto (Japan)

Gleichzeitig erinnern die freundlichen Stimmen daran, beim Aussteigen nichts liegen zulassen und weisen bei Regenwetter zum Beispiel explizit darauf hin, den Regenschirm nicht zu vergessen. Handys hingegen sind lautlos zu schalten und vom Telefonieren ist ganz abzusehen, um andere Fahrgäste nicht zu stören. Damit diese Verhaltensregeln auch jeder mitbekommt, werden diese Ansagen nach etwa jedem dritten Halt wiederholt.

Service bedeutet in Japan auch, sich f√ľr Selbstverst√§ndliches zu entschuldigen: Im Bus wird f√ľr pl√∂tzliches Bremsen und Versp√§tungen um Verst√§ndnis gebeten und die Au√üensprechanlage entschuldigt sich an den Bushaltestellen bei den wartenden Fahrg√§sten f√ľr die Wartezeit – auch, wenn der Bus p√ľnktlich gekommen ist. Automatisch werden Busnummer und Ziel angesagt.

Beim Einsteigen folgt die Bitte, keine Gefahrengegenst√§nde mit in den Bus zu nehmen. Die T√ľr schlie√üt mit der Ansage „Die T√ľr schlie√üt“, wonach die Stimme des mikrofonbeh√§ngten Busfahrers das Anfahren des Busses ank√ľndigt.

Die Au√üenbeschallung sorgt daf√ľr, dass nicht nur die Fahrg√§ste, sondern auch die anderen Verkehrsteilnehmer vom Abbiegen des Busses in Kenntnis gesetzt werden. Jeder Busfahrer beendet seine Fahrt mit der Ansage: „Danke f√ľr die Nutzung“ – auch das ist im ganzen Bus zu h√∂ren, ebenso wie sein Husten und Schniefen.

Die meisten Fahrgäste hören sowieso ihre eigene Musik und bekommen nur wenig von diesem Service mit. Zwecklos ist dementsprechend auch die Beschallung der Bahnhöfe mit Vogelgezwitscher und mechanischem Kuckuck. Eigentlich soll dieser der Entspannung dienen, nach anderthalb Minuten Warten ohne eigene Stöpsel im Ohr Рist er allerdings nur noch nervtötend.

Doch nicht nur im Transportwesen wird get√∂nt. Blinden weisen piepsende Ampeln den Weg √ľber die Stra√üen. √Ėffentliche Treppen und automatische Schiebet√ľren werden gleichfalls akustisch ausgeschildert. Die Fu√üg√§nger haben sich an den Service gew√∂hnt und gehen, nur auf die Piepser vertrauend, ohne zu schauen √ľber die Stra√üen – allerdings auch an Stra√üen ohne piepsende Ampeln. Akustischen Service gibt es zudem an Fahrkarten und Geldautomaten: Eine freundliche Frauenstimme f√ľhrt durch das Men√ľ. Sie imitiert die H√∂flichkeitsfloskeln und eine Frauenfigur auf dem Bildschirm verbeugt sich brav dazu.

Der Krach in einer japanischen Spielh√∂lle hat indes mit Service nichts mehr zu tun. Die Dezibelzahlen sind vergleichbar mit denen eines Presslufthammers. Tats√§chlich erz√§hlt ein Angestellter, dass er anfangs immer ein Fiepen im Ohr hatte. Er habe fr√ľher aber selbst oft gespielt, da sei die Ger√§uschkulisse wichtig f√ľr die Atmosph√§re gewesen. Diese wird von f√ľnfzig pl√§rrenden Spielger√§ten geschaffen, dar√ľber breitet sich ein Technomusik-Soundteppich aus, dekoriert mit dem Rasseln und Klicken der Metallkugeln in den Flipper-Automaten.

Eigentlich soll die Musik in Gesch√§ften eine angenehme Atmosph√§re schaffen. In Japan hei√üt das Motto aber: „Wer am lautesten br√ľllt, hat die meisten Kunden“. So vermischen sich in den Einkaufsstra√üen der Verkehrsl√§rm, die Musik der Bekleidungsgesch√§fte, die Stimmen der Verkaufsanimierer, die Musik der √ľberdachten B√ľrgersteige, das Klicken und Rasseln aus den Spielh√∂llen und das Trappeln und Schlappen tausender Beinpaare zu einer ohrenbet√§ubenden Kakophonie zusammen.

Zur√ľck „im stillen K√§mmerlein“ geht es weiter: In der Woche vor Wahlen wird den politischen Parteien erlaubt, mit Wahlkampf-Autos die Namen der Kandidaten in Wohnvierteln auszurufen. Allerdings wird die Zuordnung von Politiker und Partei wegen der Vielzahl von Parteien und trotz ganzt√§giger Beschallung am Ende etwas problematisch. Die Wahlk√§mpfer sagen, es gehe aber vor allem darum Namen bekannt zu machen. Das politische Anliegen m√ľsse der W√§hler Flugbl√§ttern und Zeitungen entnehmen. Dabei ist ihnen bekannt, dass sich Anwohner durch die Ansagen bel√§stigt f√ľhlen. Sie nehmen es aber getrost hin. Schlie√ülich sagen Wahlberechtigte, dass erst die Wahlkampf-Autos auf Wahlen aufmerksam machten.

Wenn allerdings Gemeinde- und Pr√§fekturwahlen an aufeinander folgenden Sonntagen abgehalten werden und aus einer Woche Beschallung zwei oder drei Wochen werden, dann sieht es mit der Toleranz etwas anders aus. Denn die M√ľllsammel-Autos, die ihr Kommen mit Liedern ank√ľndigen, das Piepsen der R√ľckw√§rtsg√§nge und die „es wird nach rechts abgebogen“ Ansagen aller gr√∂√üeren Autos, werden auch in Wahlkampfzeiten nicht eingestellt.

In diesem Get√∂se zieht auch der Mann mit den Klangst√§ben um die H√§user und erinnert mit dem Klicken die Hausfrauen daran, den Gas-Herd abzustellen. Seine Existenz bis heute verweist auf die Urspr√ľnge der andauernden Beschallung. Wie in Europa priesen auch im mittelalterlichen Japan fahrende H√§ndler ihre Ware an und Ausrufer verk√ľndeten die neuesten Gesetze.

W√§hrend diese Gepflogenheit in Europa verschwand, hat sie sich in Japan bis heute gehalten. Das mag an der schalldurchl√§ssigen Bauweise der H√§user liegen oder am Erfolg der fahrenden H√§ndler, die noch immer mit ihren Spezialit√§ten durch die Viertel ziehen – wie der T√īfu-H√§ndler, der sich mit seiner charakteristischen Fl√∂tenmelodie ank√ľndigt. Heutzutage wird diese allerdings von einem Tonband abgespielt; in einer Lautst√§rke, die selbst Betonw√§nde durchdringt.

Nach ein paar Monaten in Japan erkl√§rt sich vieles neu. Selbst was anfangs nur als nervig und √ľberfl√ľssig empfunden wurde, gewinnt mit dem Erkennen von Zusammenh√§ngen an Bedeutung. Aber bei allem Verst√§ndnis f√ľr die fremde Kultur w√§chst in dieser durch akustischen Service gepr√§gten Gesellschaft eines: Die Sehnsucht nach dem Schrillen eines Weckers, der die morgendliche Stille durchbricht. 

   

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