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 Hochschule
15.05.2007

Ver(sch)wendung?

Was die Uni mit unseren GebĂĽhren macht

Gute zehn Millionen Euro hat die Universität im April durch die Studiengebühren zusätzlich auf ihrem Konto. Ein Großteil davon ging gemäß dem Verteilungsmodell der Beratenden Senatskommission an die Institute und Fakultäten – zweckgebunden für „Aufgaben in Lehre und Studium“.

Gute zehn Millionen Euro hat die Universität im April durch die Studiengebühren zusätzlich auf ihrem Konto. Ein Großteil davon ging gemäß dem Verteilungsmodell der Beratenden Senatskommission an die Institute und Fakultäten – zweckgebunden für „Aufgaben in Lehre und Studium“.

Die ersten Auswirkungen sind bereits spürbar: So öffnet die Universitätsbibliothek die ganze Woche durchweg bis 22 Uhr und erstmals auch am Sonntag. „Die Verlängerung der UB-Zeiten wurde sehr positiv aufgenommen“, resümiert Michael Schwarz, Pressesprecher der Universität, die Reaktion vieler Studenten. An den Instituten erarbeiten „Beratende Kommissionen“ mit Zwei-Drittel-Mehrheit Vorschläge wie sie die Gebühren verwenden wollen. Diese Verwendungspläne leitet das mehrheitlich von Studenten besetzte Gremium dann an die Fakultätsräte weiter.


Damit haben die Studenten ein ungewöhnlich starkes Mitbestimmungsrecht bei der Gebührenverwendung. Im entscheidenden Uni-Gremium, dem Senat, sind beispielsweise nur vier von vierzig Mitgliedern Studenten.

Stefan Korn vom AK-Studiengebühren geht diese Art der Mitbestimmung nicht weit genug: „Um es demokratisch zu machen, müssten ge­wählte Studentenvertreter über die Gebühren entscheiden“, kritisiert er, „dieses Pseudo-Mitbestimmungs­recht soll nur die Studiengebühren legitimieren“.

Die meisten Studenten jedoch kümmert die Grundsatzfrage „Studiengebühren – Ja oder Nein“ nur noch wenig. Nach dem gescheiterten Boykott sind sie eher an der Verwendung der Gebühren interessiert. Protest regt sich, wenn trotz des zusätzlichen Geldes keine Verbesserungen im Studienalltag zu spüren sind.

Bei vielen Studenten war die Enttäuschung groß: Sie fanden sich immer noch in überfüllten Seminaren oder auf Wartelisten wieder. Bei den Germanisten drängten über 200 Studenten in drei Hauptseminare der Mediävistik. Hier musste am Ende das Los über die 120 Plätze der Pflichtveranstaltung entscheiden. Viele Studenten blieben frustriert außen vor.

Den Vorwurf, dass die Institutsleitung Gelder falsch verwende oder versickern lasse, weist der Direktor des Germanistischen Instituts Professor Helmuth Kiesel von sich: „Wir versuchen, bei den Ausgaben auf Nachhaltigkeit zu achten, um eben keine teuren Schnellschüsse zu produzieren.“ Professor Kiesel sieht in den
Gebühren die Chance, ein interessantes Lehrangebot zu ermöglichen: „Dabei ist es allerdings wichtig, erst die Stelle zu beschreiben und dann auszuschreiben.“

Die „Beratende Kommission“ der Germanisten kam, so Kiesel, erst Ende Februar dazu, weil sie vorher noch keine genauen Zahlen über die zusätzlichen Einnahmen hatte. Und tatsächlich hat das Institut sein Lehrangebot in Mediävistik mittlerweile ausgeweitet.

Andere Institute waren schneller. Seit dem 1. April hat das Institut für Politische Wissenschaft (IPW) eine ganze und drei halbe Lehrstellen neu besetzt. Die Kommission der Politologen entschied, fünf zusätzliche Lehr­auf­träge zu finanzieren und schrieb zahlreiche Hiwi-Stellen aus. Die zusätzlichen Mittel ermöglichten auch am Philosophischen Se­mi­nar eine Erweiterung des Angebots: Eine weitere Vorlesung, vier zusätzliche Hauptseminare und elf weitere Proseminare.

Diese Posten sind überdies auf den Internetseiten der Institute für jedermann nachzulesen. Besonders flexibel zeigten sich die Biologen: Sie richteten Tutorien schon zu Semesterbeginn ein – lange bevor der Fakultätsrat erst letzte Woche offziell grünes Licht dafür gab.

An den meisten Instituten bietet sich ein ähnliches Bild. Neben der UB haben etliche Bereichsbibliotheken die Öffnungszeiten verlängert, bestellen eifrig Bücher und abonnieren Zeitschriften, die sie aufgrund gekürzter Budgets abbestellt hatten. Aufgeschobene Investitionen in die technische Ausstattung, wie neue Computer und Beamer, holen die Institute nun nach. Hinzu kommen die vielen neuen Hiwi-Jobs. Auch Andreas Barz, Uni-Dezernent für Studium und Lehre, glaubt fest, dass die Gebühren ein Segen sind: „Ich habe den Eindruck, dass die Mittel gewinnbringend für die Lehre eingesetzt werden.“

Doch kaum ist die chronische Finanzknappheit vorbei, plagt einige Fakultäten schon ein anderes Problem: Bei Mathematik und Informatik ist nach Abzug aller Ausgaben ein hoher fünfstelliger Betrag übriggeblieben, dessen Verwendung bislang noch unklar ist.

Damit zeigt sich, dass die finanziellen Bedürfnisse der Fakultäten sehr unterschiedlich sind. Vom derzeitigen Verteilungsmodell bleiben diese aber unberücksichtigt. Alle zugewiesenen Mittel richten sich streng nach der Anzahl der Studierenden.

Bei den Germanisten offenbart sich noch ein weiteres Problem: Zwar verfügt das Institut nun über ausreichende Mittel für neue Dozentenstellen, jedoch dürfen Lehrverträge laut Fachschaftsmitglied Sonja Riedel, nur für maximal zwei Jahre abgeschlossen werden. „Das ist kein sinnvoller Einsatz zur Sicherung der Lehre“, bemängelt sie und betont, dass diese neuen Dozentenverträge nicht attraktiv seien.

Doch die Bedenken bei Fachschaft und Direktorium sind grundsätzlicher Art. Gerade durch die Studiengebühren bestünde die Gefahr, dass der Staat sich langsam aus der Hochschulfinanzierung zurückzieht und mit dem Geld der Studenten in Zukunft auch die grundlegende Lehre bezahlt werden soll.

„Die Studiengebühren sollten dazu genutzt werden, das kanonische Lehrangebot zu erweitern“, äußerst sich Kiesel zum gleichen Thema. Und auch Andreas Barz bekräftigt: „Gebühren sind zusätzliche Einnahmen für die Aufgaben in Studium und Lehre.“ Nicht mehr und nicht weniger.

von Andreas Hofem
   

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