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 Interview
15.05.2007

Wer sind wir Deutschen?

Ulrich Wickert über die nationale Identität und die Notwendigkeit, sich für eine humane Gesellschaft einzusetzen.

Kosmopolit, Korrespondent, Mister Tagesthemen – 15 Jahre lang moderierte Ulrich Wickert jeden Abend die Nachrichten des Tages. Nebenbei verfasste er zahlreiche Bücher, in denen er sich kritisch und ironisch mit der Gesellschaft auseinandersetzte. Das gilt auch für seine neueste Veröffentlichung „Gauner muss man Gauner nennen – Von der Sehnsucht nach verlässlichen Werten“.

Kosmopolit, Korrespondent, Mister Tagesthemen – 15 Jahre lang moderierte Ulrich Wickert jeden Abend die Nachrichten des Tages. Nebenbei verfasste er zahlreiche Bücher, in denen er sich kritisch und ironisch mit der Gesellschaft auseinandersetzte. Das gilt auch für seine neueste Veröffentlichung „Gauner muss man Gauner nennen – Von der Sehnsucht nach verlässlichen Werten“.


Herr Wickert, ist das Schreiben fĂĽr sie ein journalistisches GrundbedĂĽrfnis, weil Sie jahrelang bei den Tagesthemen nur Nachrichten gelesen haben?

Nein, ein Journalist bleibt vom Handwerk her immer ein Journalist. Da ist es ganz egal, ob er bei der Zeitung oder anderen Medien arbeitet. Ich hatte nie Probleme damit, mich in allen Medien zu bewegen.


Worum geht es Ihnen bei ihrer journalistischen Arbeit?

Ich setze mich kritisch mit gesellschaftlichen Missständen auseinander. Ich sage ganz bewusst „gesellschaftliche“ und nicht „politische“. Denn durch meine humanistische Bildung geprägt habe ich mich schon früh eher den Werten, den Verhaltensregeln in einer Gesellschaft, und nicht den Ideologien zugewandt.


Worum geht es in Ihrem neuen Buch „Gauner muss man Gauner nennen“?

Wir müssen diejenigen benennen, die sich schädlich für unsere Gesellschaft verhalten. Es geht darum, warum manche Werte in Deutschland mehr und andere weniger wert sind. Ich denke, dass sich so etwas aus der nationalen Identität heraus entwickelt. Daher müssen wir einmal herausfinden, wer wir sind und versuchen, die Tabus, die unsere nationale Identität geprägt haben, abzubauen. Darüber hinaus finde ich die Frage wichtig: Wie werden Werte eigentlich angewandt?


Sie sprachen von der nationalen Identität. Was macht denn die deutsche Identität aus?

Die Identität wächst erst einmal zu Hause, in der Familie. Ich habe hier in Handschuhsheim die Mönchhofschule besucht. Auch was ich von dort kenne und erfahren habe, gehört zu meiner Identität. Ein Heidelberger wird sich ganz anders fühlen als ein Ostfriese. Aber wenn der Ostfriese und der Heidelberger zusammen nach Paris fahren, wird der Franzose sie beide als Deutsche mit einer gemeinsamen Identität ansehen. Zur Identität des Ostfriesen und des Heidelbergers gehört auch die gemeinsame Sprache, die gesamte deutsche Kultur und vor allem die deutsche Geschichte.


Die ja nicht gerade unproblematisch ist.

Nein, denn das Problem mit unserer Identität ist, dass diese auch das Dritte Reich, den Zweiten Weltkrieg und den Nationalsozialismus beinhaltet. Das ist unangenehm und hat auch zur Entwicklung von Tabus geführt. Damit müssen wir umgehen, sonst fehlt etwas in unserer Gemeinschaft. Und dann haben wir auch den Zugang zu gewissen Werten nicht.


Welche Werte meinen Sie?

Zunächst einmal gehe ich von den republikanischen Werten Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit aus. Auch Verantwortung und Toleranz sind wichtige Tugenden. Aber: Wir haben zum Beispiel ein Toleranzproblem. Aufgrund unserer Vergangenheit gibt es ein übertrieben tolerantes Reagieren – auch in Bereichen wo es keine Toleranz geben darf, wie im staatlichen Bereich. Letztens hat eine Richterin in Frankfurt eine Eilscheidung wegen häuslicher Gewalt abgelehnt. Die Begründung war, dass der Ehemann Marokkaner sei und im Islam der Ehemann seine Frau schlagen dürfe.

Die Richterin wollte wahrscheinlich nur tolerant sein und die Kultur des Schlagenden mit in ihre Entscheidung einbeziehen. Das ist falsch und hat in unserer Rechtsprechung nichts zu suchen. Solche Richter denken, ohne es zu wissen, in Tabus und glauben dabei sogar, fortschrittlich zu urteilen.


Sind wir Deutschen also verwirrt in Bezug auf unsere Identität und die Werte, die daraus resultieren?

Ich bin eher der Meinung, dass wir ein Problem haben, welches viele nicht erkennen. Denn mancher leugnet den Begriff „nationale Identität“, weil er so das zwangsläufig dazugehörende Dritte Reich mit all seinen Schrecklichkeiten von sich weisen will.

Ein weiteres Beispiel: Die Organspende ist bei uns eine individuelle freiwillige Entscheidung, weil wir die schrecklichen EinflĂĽsse des damaligen NS-Staates auf die Medizin erfahren haben.

 Die Franzosen hingegen haben gesagt: „Freiheit, Gleichheit, BrĂĽderlichkeit sind Grundwerte unserer Republik.“ Dann ist es selbstverständlich, dass jeder solidarisch sein will. Daher kommt es auch, dass jeder Franzose als Organspender angesehen wird – es sein denn, er möchte es ausdrĂĽcklich nicht. Es gibt also einen Unterschied bei der Umsetzung des Wertes, der Wert an sich ist gleich.


Im letzten französischen Präsidentschafts-Wahlkampf haben beide politischen Lager die Rückbesinnung auf patriotische Werte beschworen. Wäre so etwas bei uns möglich?

In dieser Form nicht, weil wir eine andere Vergangenheit haben. Für die Franzosen spielt der Begriff „Frankreich“ eine ganz andere Rolle als „Deutschland“ bei uns. Der ehemalige französische Präsident De Gaulle sagte einmal: „Frankreich ist eine Idee und die Franzosen sind Kälber, die muss man in die Richtung dieser Idee treiben.“ Da geht es um mehr als nur einen geographischen Begriff sondern es hat einen Inhalt. Wenn sie einen französischen Jungen fragen, was er werden will, antwortet er: Präsident. Das ist für einen Franzosen das Allerhöchste, weil der Präsident Frankreich verkörpert.


Der Untertitel ihres Buches lautet: „Von der Sehnsucht nach verlässlichen Werten”. Wie sieht diese deutsche Sehnsucht nach verlässlichen Werten aus?

In den letzten Jahren habe ich von vielen Leuten gehört, dass sie sich in einer orientierungslosen Phase befinden. Dann habe ich mich mit der Thematik auseinandergesetzt und festgestellt, dass es wichtig ist, dass man diese Fragen einmal zusammenfasst und darauf hinweist, was die Gründe sind und dass jeder Einzelne etwas tun kann. Viele sagen „es funktioniert nicht“, aber keiner tut was. Es ist eine falsche Vorstellung, Verantwortung immer auf die Politik abschieben zu wollen. Jeder Staatsbürger kann etwas tun, wenn er merkt: Hier läuft etwas nicht so, wie es in einer Gesellschaft laufen sollte.


Ist Disziplin eine Tugend, die erstrebenswert ist und in Deutschland fehlt?

Ich selbst war ein völlig undisziplinierter Schüler und Student. Doch ich bin ganz alleine zu einem relativ disziplinierten Mensch geworden und zwar deswegen, weil ich gemerkt habe, welchen Wert die Disziplin hat. Disziplin besteht aus zwei anderen Begriffen, Regelmäßigkeit und Selbstdisziplin. Wenn man das erkannt hat, wird man feststellen, dass Disziplin eine ganz gute Sekundärtugend ist. Sekundärtugenden haben deswegen einen Sinn, weil sie das Zusammenleben der Menschen angenehmer gestalten. Daran fehlt es uns in Deutschland.


Was haben uns andere Länder voraus?

 Höflichkeit zum Beispiel ist etwas, das ich im Ausland gelernt habe. Warum sind die Amerikaner, die wir normalerweise als Barbaren bezeichnen, im Schnitt sehr viel höflicher? Weil es eine Einwanderungsgesellschaft ist. Da will man den Fremden, der hereinkommt, erst einmal durch Höflichkeit integrieren und ihm als Mensch Respekt erweisen. Das sind auch Dinge, die nichts kosten.
Außerdem macht Höflichkeit Spaß!


Wo ist aber die Grenze zwischen Höflichkeit und Oberflächlichkeit?

Höflichkeit kann in gewisser Weise oberflächlich sein. Aber es muss auch nicht in jeder menschlichen Handlung gleich ein Zweck mit philosophischen Gründen stecken. Ich gebe einer Frau Feuer, wenn sie sich eine Zigarette anstecken möchte. Sie können sagen, das ist Flirten. Aber wenn sie neunzig ist, dann ist das kein Flirten mehr, sondern einfach nur nett. Das sind ja so Gesten, die sich in jeder Gesellschaft anders eingespielt haben. Es geht darum, anderen einen gewissen Respekt zu zollen.


Sie sprechen in ihrem Buch die fehlende Moral einiger Politiker an. War das der Grund, warum sie 1980 ihr SPD-Parteibuch abgaben?

Ich habe mein Parteibuch nie zurückgegeben! Ich bin ins Ausland gegangen und gehörte keinem Ortsverein mehr an und irgendwann haben die gesagt: „Den gibt es ja gar nicht mehr!“ und haben mich aus der Kartei gestrichen. Aber mein erstes Buch “Die Freiheit, die ich fürchte” war eine starke Kritik am Parteiestablishment und an unserer Art der Parteienrepublik, mit der ich mich nicht identifizieren kann.


Was kann der BĂĽrger dagegen tun?

Kritische BĂĽrger sind ein Gegenmittel. Die dĂĽrfen dann aber nicht nur motzen, sondern mĂĽssen zu Parteiversammlungen gehen und direkten Kontakt mit den Abgeordneten pflegen. Und das ist das Problem: Kein Mensch weiĂź doch, wer sein Abgeordneter ist. Deshalb bin ich einerseits der Meinung, wir mĂĽssen ein anderes Wahlrecht haben, wo die Listenwahl abgeschafft wird. Und andererseits bin ich dafĂĽr, die Parteienfinanzierung abzuschaffen, weil sie dazu gefĂĽhrt hat, dass wir Parallelhierarchien haben.

Wenn der Bürgermeister einer Stadt eine Entscheidung fällen muss, wird das zunächst in der Partei diskutiert, die dann entscheidet, was der Bürgermeister macht. Das ist doch abenteuerlich.


Sie entwickeln die Vision einer humanen Gesellschaft...

Visionen lassen sich nicht erfüllen. Trotzdem muss man sie haben, damit zumindest eine richtige Richtung eingeschlagen wird. Ohne Visionen entwickelt sich eine Atmosphäre der Gleichgültigkeit. Gerade wir Deutschen, die mit dem Dritten Reich soviel Schreckliches verursacht haben, haben eine Verantwortung, uns für die humane Gesellschaft einzusetzen. Wir haben beispielsweise die Verantwortung, Völkermorde zu verhindern. Dafür müssen wir uns politisch einsetzen aber auch militärisch!


Sie plädieren für ein selbstbewusstes und außenpolitisch aktives Deutschland?

Wir mĂĽssen uns zu unserer Geschichte bekennen, aus ihr Konsequenzen ziehen. Auschwitz darf kein Tabu, sondern muss fĂĽr uns eine Verpflichtung sein, dort einzugreifen, wo Ă„hnliches geschieht.


Mit welchen Konzepten würde Deutschland zu verlässlichen Werten zurückzufinden und die Vision einer humanen Gesellschaft näherbringen?

Wir könnten damit anfangen, dass wir den Ausspruch von John F. Kennedy ernst nehmen: “Frage nicht, was Dein Land für dich tun kann, frage, was Du für Dein Land tun kannst”. Wenn wir damit anfangen würden in unserem Denken, könnten wir schon Grundlagen legen. Doch laut Umfragen sind 30 Prozent der Leute für diesen Spruch, 40 Prozent lehnen ihn ab und die anderen behaupten, ihn nicht zu kennen. Aber da anzusetzen, dass wäre für mich der erste Schritt.


Herr Wickert, vielen Dank für das Gespräch.

von Alexander Graf, Fabian Wennemer
   

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