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15.05.2007

Zähne zeigen an der Grenze

Ein politisches Flaggenritual zwischen Pakistan und Indien

Regen f√§llt auf die satten, gr√ľnen Wiesen und Felder des Punjab, dem an der Grenze zu Pakistan liegenden Bundesstaat in Indien. Wir sind auf dem Weg zur allabendlichen Grenzzeremonie bei den Orten Attari auf der indischen und Wagah auf der pakistanischen Seite.

Von Cara Schwalb aus Amritzar (Indien)

Die beiden s√ľdasiatischen L√§nder, die 1947 durch eine blutige Teilung aus Britisch-Indien entstanden sind und einander als Atomm√§chte gegen√ľber stehen, veranstalten jeden Abend am Grenzposten eine aufw√§ndige und bei Zuschauern beliebte Grenzschlie√üungszeremonie. 

Unser Fahrer, ein Mitglied der im Punjab dominierenden Religionsgruppe der Sikh, zu erkennen an ihren stattlichen Turbanen, stoppt das Taxi auf einem schlammigen Parkplatz. Den letzten Kilometer zum eigentlichen Spektakel m√ľssen wir zu Fu√ü zur√ľcklegen. Mit uns sind hunderte Inder aus allen gesellschaftlichen Schichten unterwegs, darunter ganze Gro√üfamilien, die sich bei fliegenden H√§ndlern schon einmal mit F√§hnchen und M√ľtzen in den indischen Landesfarben eindecken.

Gelenkt von Polizei und Armee erreichen wir den Ort des Geschehens. Auf beiden Seiten der durch ein Eisentor markierten Grenze befinden sich gro√üe Steintrib√ľnen, die sich langsam zu f√ľllen beginnen. In Pakistan h√§lt man sich dabei streng an die Geschlechtertrennung: Die linke Trib√ľne ist f√ľr Frauen, die rechte f√ľr M√§nner reserviert. Auch auf der indischen Seite versuchen Soldaten den nicht enden wollenden Besucherstrom zu regeln – eher vergeblich. Trotz einzelner kleiner Rangeleien um die besten Pl√§tze ist die Stimmung dabei ausgelassen und friedlich.

Kurz vor Beginn der Zeremonie haben sich trotz des schlechten Wetters auf beiden Seiten gesch√§tzte 5000 Zuschauer versammelt. Bevor die eigentliche Zeremonie anf√§ngt, laufen auf beiden Seiten mehrere kleine Rituale ab. Auf der durch das eiserne Tor getrennten Grenzstra√üe veranstalten einige Teilnehmer Fahnenwettl√§ufe. Dabei st√ľrmen je zwei junge M√§nner mit der  indischen beziehungsweise pakistanischen Nationalflagge von einem bestimmten Punkt aus auf das eiserne Tor zu. Inder und Pakistani bejubeln dabei lautstark die L√§ufer der eigenen Nation. Wer das Ziel als Schnellster erreicht, ist Sieger dieses kleinen Duells.

W√§hrend dieser Wettk√§mpfe spielt durchgehend laute Hindi-Musik, immer wieder unterbrochen von einem jungen Mann, der, verst√§rkt durch ein Megaphon, die Menge anheizt. Rufe wie „Hindustan Zindabad!“ (Es lebe Indien!) und „Bharat mata ki!“ (Heil Mutter Indien!) werden von hunderten Kehlen beantwortet. Von der pakistanischen Seite schallen √§hnliche Rufe her√ľber. Die Spannung steigt und die regenfeuchte Luft vibriert fast vor patriotischen Gef√ľhlen. Auch bei uns unbeteiligten G√§sten verursacht dies G√§nsehaut.

Als die eigentliche, nur wenige Minuten dauernde  Zeremonie beginnt, werden die jeweiligen Landesfahnen gehisst und die in Paradeuniformen gekleideten Soldaten verlassen im Stechschritt ihre Posten. Die Menge bejubelt dabei jede Bewegung „ihrer“ Soldaten, die in genau vorgegebenen Schrittfolgen zu dem eisernen Grenztor eilen. Als sich das Tor √∂ffnet und sich nun indisches und pakistanisches Milit√§r Auge in Auge gegen√ľber stehen, h√§lt es die Zuschauer kaum noch auf den R√§ngen.

Es kommt zu einem kurzen H√§ndesch√ľtteln zwischen den Soldaten beider L√§nder und nach weiteren, heftig bejubelten akrobatischen Schrittfolgen und milit√§risch- akkuratem Salutieren werden die Fahnen der L√§nder wieder eingeholt. Dabei achten beide Seiten darauf, dass keine der Flaggen h√∂her steht als die andere, denn dies w√ľrde eine √úberlegenheit des jeweiligen Landes andeuten. Nachdem die Soldaten ihre Fahne wieder zur√ľck in den Grenzposten getragen haben, ist die Zeremonie zu Ende und die Zuschauer str√∂men auf die Stra√üe, um mit den Soldaten f√ľr Erinnerungsfotos zu posieren. W√§hrend der Zeremonie ist alles friedlich geblieben.

Das ist nicht selbstverst√§ndlich zwischen zwei L√§ndern, die seit 1947 mehrere Kriege gegeneinaner gef√ľhrt haben. Zwar unternehmen  beide Seiten immer wieder friedliche Ann√§herungsversuche, doch die diplomatischen Bem√ľhungen k√∂nnen die Z√§hne zeigen an der Grenze ideologischen Gr√§ben noch nicht √ľberwinden. Die beiden Staatskonzepte, Indiens S√§kularismus und Pakistans muslimischer Hintergrund, stehen einander diametral gegen√ľber. Der bilaterale Konflikt entz√ľndet sich immer wieder in der seit Jahrzehnten von beiden L√§ndern zum Teil besetzten Kaschmir- Region, die beide Staaten vollst√§ndig f√ľr sich beanspruchen. Kaschmir gilt als eine der gro√üen Krisenregionen der Erde; bis heute steht eine L√∂sung des Konfliktes aus.


DIE INDISCH-PAKISTANISCHE GRENZE

Im Jahr 1947 wurde Britisch-Indien in die Staaten Indien und Pakistan g
eteilt. Seitdem haben beide Staaten drei Kriege gegeneinander gef√ľhrt: 1947, 1965 und 1971. Zuletzt gab es in der Kargil-Region in Kaschmir eine lokal begrenzte milit√§rische Auseinandersetzung zwischen Indien und Pakistan, die aber nicht zu einem Krieg eskalierte. Die t√§gliche friedliche Zeremonie, die an dem einzigen √úbergang entlang der indisch-pakistanischen Grenze zwischen Amritsar und Lahore stattfi ndet, stellt eine Ausnahme in der sonst so konfliktbelasteten Beziehung dar. Genau durch diesen Grenzbereich bei den Orten Attari und Wagah f√§hrt auch die Zuglinie „Samjhauta“, welche die indische Hauptstadt Neu-Delhi und das pakistanische Lahore verbindet. Diese ist im Jahre 2004 wieder in Betrieb genommen worden, was als ein symbolischer Akt der gegenseitigen Ann√§herung interpretiert wurde. Die positive Entwicklung der letzten Zeit wurde allerdings durch einen Anschlag auf einen Zug am 19. Februar diesen Jahres gef√§hrdet.

von Cara Schwab
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