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13.11.2007

Kommunistischer Klamauk

Festkultur in Sankt Petersburg: ein bisschen wie früher

Es gibt viele Parks in Petersburg und jeder will etwas Besonderes sein. Einer davon ist sogar angeblich der Beste. Die Rede ist vom Kirow-Park, dem Petersburger Freizeitpark auf der Elagin-Insel, der am 9. September seinen 75. Geburtstag feierte.

Aus Sankt Petersburg berichtet unsere Korrespondentin Cosima Stawenow

Viele Parks gibt es in und um Petersburg und jeder will gerne etwas Besonderes sein. Einer davon ist sogar angeblich der beste. Die Rede ist vom Kirow-Park, dem Petersburger Freizeitpark auf der Elagin-Insel, der am 9. September seinen 75. Geburtstag feierte. In Deutschland ist der Namensgeber Sergej Kirow wenig bekannt. Er war der erste Parteisekretär Leningrads, zerschlug Anfang der 1930er Jahre die sowjetische Akademie der Wissenschaften und schreckte sogar vor brutalen Maßnahmen gegen Bauern und Strafgefangene nicht zurück.

Nach seinem Tod infolge eines Attentats 1934 wurde Kirow zur Ikone. Der Park erhielt seinen Namen 1932, also noch in der finstersten Stalinzeit. Doch dass diese so finster gar nicht gewesen sei, davon konnte sich der Besucher des Geburtstagsfests selbst überzeugen. Wer glaubt, Sowjetflagge, Pionieraufmarsch und die wohlgenährte Bäuerin mit dem Kopftuch gehören der Vergangenheit an, der wird im Kirow-Park eines Besseren belehrt.

Am Eingang des Parks steht eine Ehrentafel mit den Namen des Parkpersonals, wie anno dazumal: die „Helden der Arbeit”. Stachanov lässt grüßen! Passend dazu gibt es Clowns, Karaoke, Schaschliki und alles, was sonst noch das Herz des Besuchers erfreut. Besonders für die Kinder wird gesorgt – sie können auf Ton, Glas und Seide malen, Körbe flechten und Wollfäden knüpfen. Hoch über dem großen Platz, auf dem so eifrig gebrutzelt, gebastelt und verkauft wird, hängt zur Erklärung ein Banner. Gelb auf Rot heißt es da: Kulturu – v massy! Zu Deutsch: Kultur für die Massen! Das soll wahrscheinlich anheimelnd sozialistisch klingen. Klingt aber lustig, weil der Platz bei weitem  nicht so voll ist, dass man von einer Massenveranstaltung sprechen könnte.

Auf der Bühne, die in etwa so groß geraten ist wie die Kazanskij-Kathedrale, erden die Glückwünsche von Stadt und Zoo entgegengenommen. Unter anderem bekommt „der beste Park” dabei ein Eisbär-Maskottchen überreicht. Dankesworte regnen, begleitet von begeisterten Ura!-Rufen der feiernden „Masse“. Doch nicht die Besucher zollen da Beifall, sondern eine abenteuerliche Prozession von Claqueuren, bestehend aus Clowns, Königinnen und Pionieren. Letztere dürfen den feierlichsten Moment begehen: Zu Ehren des Parks tragen sie ein weißes Banner auf die Bühne, wo es unter Trommelwirbel gehisst wird.

Im Anschluss tanzt eine Truppe kleiner Pioniermädchen, die in ihrer Aufmachung doch deutlich an Sport treibende BDM-Mädels erinnern. Dann wird auch die Kopftuch tragende Bäuerin in einem offenen Wagen der Roten Armee vorgefahren. Einer der Soldaten ergreift ein Megafon und versucht, die Menge vor der Bühne mit weiteren „Ura!“-Rufen anzuheizen. Die Masse schweigt zwar, weicht aber auch nicht vom Fleck. Gelassen sieht sie stattdessen der geballten Ladung russischem Retro-Kitsch ins Auge.

Kommunismus im heutigen Russland – das ist Kunst und Klamauk, das ist weit entfernt von Stalin, Kirow und dem Terror der 1930er Jahre. Im Taumel des Vergessenen wird dem Besucher des Festes nun klar: Das Ganze ist genauso harmlos wie unser deutscher „Musikantenstadl”.

von Cosima Stawenow
   

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