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 Feuilleton
23.01.2008

Jenseits rein musikalischer Dimensionen

Die √∂sterreichische Komponistin Olga Neuwirth gewinnt den Heidelberger K√ľnstlerinnenpreis

Eine Komposition wie ein Gewitter: Das Heidelberger Philharmonische Orchester f√ľhrte Olga Neuwirths St√ľck "... miramondo multiplo ..." auf und kommunizierte dabei meisterlich mit dem Solisten William Forman.

Olga Neuwirth schockiert. Und zwar so gut, dass sie daf√ľr den Heidelberger K√ľnstlerinnenpreis bekam, wie beim vierten Philharmonischen Konzert in der Heidelberger Stadthalle geschehen.


Die Komposition der √∂sterreichischen K√ľnstlerin st√ľrmte gleichsam durch den Konzertsaal und durch die K√∂pfe des Publikums. In den Kontrast des Rahmenprogramms aus H√§ndels Oper ‚ÄěRinaldo‚Äú und Mendelssohn Bartholdys ‚ÄěSchottischer‚Äú Symphonie gespannt, erklangen nicht etwa melodische, barocke Kl√§nge von mitunter ergreifender Melancholie oder tragende, romantische Weisen, die durch die neblige Landschaft Schottlands schweben. Im Gegenteil! Die Trompete des Solisten William Forman zerriss die Luft beinahe wie ein Donnerschlag.

Dieser holte das Publikum in das gro√üe Experiment Gegenwart zur√ľck; weckte es auf, zwang es beinahe zu einer intellektuellen Auseinandersetzung mit den zun√§chst fremden, aber bald seltsam vertrauten (weil zeitgen√∂ssischen), Kl√§ngen und T√∂nen, die das Orchester im stetigen Diskurs mit Forman erschallen lie√ü.

Neuwirths Musik regt unmittelbar zur Interpretation an, so heftig wirkt das scheinbar wilde Tongewitter auf die Ohren. Der Dialog Solotrompete - Orchester bestimmt dabei das klangliche Geschehen, erscheint oftmals unharmonisch, die Grenze zwischen Klang und Ger√§usch auslotend. Mal √ľbert√∂nt die geballte Wucht des Ensembles das einzelne Instrument, mal lassen sich individuelle Stimmen ausmachen.

Mal gibt die Trompete eine Melodie vor, mal das Orchester, zwischendurch weht eine H√§ndelvariation hinein. Im Zentrum des St√ľcks stehen die ‚Äěverschiedenartigen Beziehungen zwischen dem Individuum und der Gruppe, nicht auf Wettstreit, sondern auf Kooperation, Demokratisierung und genauem gemeinsamen Zuh√∂ren basierend‚Äú, so Neuwirth.

Musik auf Begriffe gebracht. Begriffe, die ebenso gut einer Abhandlung √ľber Ethik oder Politik entstammen k√∂nnten. Neuwirth setzt mit ihrer Komposition ‚Äě‚Ķ miramondo multiplo ‚Ķ‚Äú eine deutliche Aussage jenseits rein musikalischer Dimensionen, indem sie sich dabei virtuos der M√∂glichkeiten des Mediums bedient. Ihre k√ľnstlerische Botschaft will die Vielf√§ltigkeit der Perspektiven im Akt des Betrachtens der Welt aufzeigen. Und wenn dabei zuletzt der Solist das Wort hat, so triumphiert er nicht √ľber das Orchester, vielmehr komponiert Neuwirth eine weitere Metapher: Respekt vor der Individualit√§t jedes Menschen.

Neuwirths Schocktherapie wirkt und gewann zu Recht den Heidelberger K√ľnstlerinnenpreis. Durch die gl√§nzenden Leistungen Formans, des Dirigenten Dietger Holm und des Philharmonischen Orchesters der Stadt Heidelberg, die den musikalischen Sturm meisterhaft zwischen H√§ndel und Mendelssohn Bartholdy einbetteten, bleibt die deutsche Erstauff√ľhrung in Heidelberg eine bleibende Impression.

von Armin Ulm
   

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