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 Feuilleton
01.07.2008

Harlekin mit "Heia Ho!"

YouTube-Star Alexander Markus und die Electrolore

„Wir wandern von der Oder bis zum Rhein. Es ist angezapft, komm’ schenk was ein. Hussassa, Hussassa, Hussassa – Heia Ho!”. Der, der das zu Electronic Beats im Hintergrund singt, heißt Alexander Markus und tauchte letztes Jahr bei YouTube auf.

In Sachen Musik hätte es bei der Europameisterschaft schlimmer kommen können. Schlimmer als die gegrölte Baseline aus „Seven Nation Army“ wäre beispielsweise gewesen, wenn den Fans beim Public Viewing folgende Zeilen ins Ohr gedröhnt worden wären: „Wir wandern von der Oder bis zum Rhein. Es ist angezapft, komm’ schenk was ein. Hussassa, Hussassa, Hussassa – Heia Ho!”.

Der, der das zu Electronic Beats im Hintergrund singt, heißt Alexander Markus und tauchte letztes Jahr bei YouTube auf. Der Dauergrinser mit Oberlippenflaum entsteigt dort samt Plastikhummer in einem wackeligen Video einem Baggersee und singt von Fischern, Sehnsucht und dem fernen Land „Papaya“. Später tanzt er in einer Altbauwohnung.

Brilliante Marketingstrategie

Beim ersten Sehen scheint klar: ein verdrehter Typ, so wie sein Tanzstil. Aber seine Verdrehtheit macht die Filmchen spannend fĂĽr mehr als nur ein paar vereinzelte Websurfer: Vor Redaktionsschluss wurde „Papaya“ fast 900 000 mal bei YouTube angesehen. Die anderen Videos von Alexander Markus zusammengezählt, darunter das als FuĂźballhymne angelegte „1, 2, 3“, kommen auf mehrere Millionen Klicks. Nun ist seine CD erschienen mit dem Titel „Electrolore“, die Wortneuschöpfung, mit der Markus und sein Management seine Musikmischung aus Elektro und Volksmusik bezeichnet.

Die Vermarktungsstrategie ist brilliant: Die Videos beschränken sich nie auf die Bebilderung der Songs. Sie sind voll von merkwürdigen bis abseitigen Motiven – wenn sich der Interpret im Lachkrampf schüttelt oder wie in „Brüderchen“ überzogen eine Verbrennung mimt. Warum fährt da jemand im Harlekin-Kostüm Auto? Und wieso taucht in jedem Clip ein aufblasbarer Globus auf? Und vor allem: Warum grinst der Typ derart, während er so singt wie in seiner Altersgruppe vielleicht noch Florian Silbereisen? Es sind nicht die Antworten, die den Zuschauer dazu bringen, einen Clip nach dem anderen anzusehen: Es sind die Fragen selbst.

Der Soundtrack der Generation Alkopop

Electrolore als CD, ohne die Internet-Videos, ist ein akustischer Totalschaden. Alexander Markus singt immer mal wieder haarscharf an den richtigen Tönen vorbei, und die Beat-Samples, mit denen der Gesang unterlegt ist, sind ausgetüftelt, aber nicht besonders variationsreich. Die Verbindung von Pop und Techno-Stilmitteln haben beispielsweise Zweiraumwohnung schon viel einfallsreicher probiert. Dass manche der Songs Ohrwurmqualitäten haben, macht sie nicht besser, sondern erhöht die Folgeschäden beim Publikum.

Einige der Tracks erinnern an längst verdrängt Geglaubtes: „Guten Morgen“ klingt deutlich nach „Das ist Wahnsinn“, und im Refrain von „1, 2, 3“ klingen die Buschtrommeln von Rose Laurens’ „Africa“ durch. Mit viel Alkohol oder noch effektiver das Bewusstsein vernichtenden Mitteln mag Electrolore funktionieren: Die Generation Alkopop hat ihren Soundtrack gefunden.

von Gabriel Neumann
   

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