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01.07.2008

„I am your convoy, Sir“

Taxifahrten, Blaulicht und Pump-Guns: Wie sicher ist Mexiko-City?

Unser Korrespondent Alexey Yusupov hat sich anlĂ€sslich der diesjĂ€hrigen Model United Nations Conference in Mexiko-City einmal umgeschaut und ein paar interessante Erkenntnisse ĂŒber die dortige Sicherheitslage gewonnen.

Am 20. August 1940 durchbrach Jaime RamĂłn Mercader del RĂ­o HernĂĄndez den SchĂ€del seines Gastgebers und Lehrers Leo Trotzki mit einem Eispickel. Wenn man in Trotzkis Arbeitszimmer steht, dessen WĂ€nde durch Einschusslöcher markiert sind, kann man sich den Mord sehr bildhaft vorstellen. Das Haus, Trotzki von seiner Geliebten Frida Kahlo geschenkt, sieht von außen aus wie eine Festung, erhöhte Mauern, festmontierte Stahlschilder, die die Bewohner vor Kugeln schĂŒtzen sollten, zugemauerte Fenster, EisentĂŒren. Im Innenhof herrscht dagegen eine paradiesische Ruhe, einen harmonischeren Ort habe ich selten gesehen: PrĂ€chtige tropische Vegetation, ein leicht plĂ€tschernder Teich und schattige Ecken geben einem ein unvorstellbares SicherheitsgefĂŒhl. Ein trĂŒgerisches?

Rund 600 Kriminaldelikte pro Tag - die Dunkelziffer liegt viel höher

Ich kam nach Mexiko im MĂ€rz dieses Jahres, eingeladen als Mitglied des Heidelberger Teams bei der Model United Nations Conference. Meine Vorfreude auf die Reise wurde etwas ernĂŒchtert, je weiter ich mich ĂŒber die Sicherheitslage im Land informierte. Einerseits versicherten ReisefĂŒhrer und Blogs, das touristische Mexiko sei ein vollkommen ungefĂ€hrlicher und entspannter Aufenthaltsort, man dĂŒrfe lediglich den gesunden Menschenverstand nicht abschalten, andererseits warnte das AuswĂ€rtige Amt vor einer erheblichen Zunahme der KriminalitĂ€t, unter Anderem durch die Polizei und die SicherheitskrĂ€fte. TĂ€glich 600 Kriminaldelikte in der Hauptstadt (die Dunkelziffer wird viel höher angesetzt). Man konnte sich dem Eindruck nicht ganz entziehen, dass rĂ€uberische Banden, hinterhĂ€ltige Taxifahrer, korrupte Beamte, Drogendealer, Taschendiebe und weitere wenig angenehme Landsleute geradezu fieberhaft auf den nĂ€chsten naiven AuslĂ€nder warteten. Was aber der Wirklichkeit entsprach, galt es selbst herauszufinden.

Nach einem ermĂŒdenden trans­atlantischen Flug stehe ich in der Ankunftshalle des „Aeropuerto Benito JuĂĄrez“ und werde beinahe geblendet von den Dienstmarken verschiedenster Sicherheitsleute, Polizisten, Grenzsoldaten, Zollbeamten und weiterer, schwierig identifizierbarer WaffentrĂ€ger. Ein großer Mann, auf dessen Brust „PolicĂ­a Federal Preventiva“ steht, poliert liebevoll eine riesige Pump-Gun. Auf mich stĂŒrzen sich sofort ein Dutzend schlecht rasierter MĂ€nner in strahlendweißen Hemden und wollen mich offenbar in die Stadt fahren. Was hat nochmal unsere Gruppenleiterin in Heidelberg gesagt? Nur autorisierte Taxis, damit man nicht ausgeraubt wird?

Blaulichter und Soldaten in den Straßen: Alltag statt Ausnahmezustand

Jeder von den Taxifahrern hat einen riesigen Lichtbildausweis mit ganz vielen Stempeln und Unterschriften, den sie mir ungefragt vor die Nase halten. Ich willige ein (mein erster großer Fehler, denn die wirklich autorisierten Taxis werden an einem Stand am Ende der Halle bestellt und sind vier mal billiger – sprich, ich werde letztendlich doch „ausgeraubt“) und werde zu einem riesigen SUV gefĂŒhrt. Auf dem Beifahrersitz sitzt ein lĂ€chelnder Mexikaner, der sich mit „I am your convoy, Sir“ vorstellt. Wir rasen in die Nacht. Unterwegs werde ich von den Beiden ausgefragt, was ich in Mexiko mache, ob ich hier schon jemanden kenne und wo ich denn ĂŒbernachten werde. Ich frage mich, ob sie nur freundlich sind oder Böses im Schilde fĂŒhren. Die Stadt wird erhellt von Blaulichtern, auf dem Standstreifen der Autobahn stehen LKWs, aus denen Soldaten springen und sich in Formation aufstellen. Ausnahmezustand, Krieg, Revolte?

Heil im Hotel angekommen, werfe ich mich aufs Bett und schlafe ein. Sicheres und ruhiges Europa, du scheinst dich auf einem anderen Planeten zu befinden. Nachts trÀume ich davon, dass Wolfgang SchÀuble als Weihnachtsmann verkleidet in einem Einkaufszentrum kleine Kinder beschenkt.

Wo gibt es denn bitte keine Taschendiebe?

Die darauffolgenden zwei Wochen verlaufen außerordentlich angenehm. Die Mexikaner sind gastfreundlich, das Land wunderschön und die Schreckensgeschichten des AuswĂ€rtigen Amtes scheinen dem ĂŒbermĂŒdeten Gehirn eines hoffnungslos ĂŒberforderten Lateinamerika-Referenten zu entspringen.

Sollte ich jetzt versuchen, aus der subjektiven Erfahrung meines sehr kurzen Aufenthalts ein mehr oder minder unverzerrtes Bild zu zeichen, mĂŒsste ich vieles abwĂ€gen. Auf den U-Bahn-Stationen zum Beispiel gibt es markierte Zonen, in denen Kinder und Frauen nachts auf den Zug warten sollen, denn diese Bereiche sind besser ĂŒberwacht. Dass jemand dies in Anspruch nimmt, habe ich nicht erlebt. Und die Polizeipatrouillen fahren in diesem Land nun mal immer mit Blaulicht, nicht nur, wenn sie gezielt auf Verbrecherjagd sind.

Wo gibt es denn keine Taschendiebe, die einen Touristen austricksen wollen, wobei meistens der in die Gegend glotzende Touri selbst schuld ist? (An dieser Stelle möchte ich mich bei einem Teamkollegen entschuldigen, auf dessen Rucksack ich doch nicht gut genug aufgepasst habe, und der uns vor dem Youth Hostel geklaut wurde.) Und welche Großstadt hat keine Gegenden, in denen man lieber nicht alleine unterwegs sein sollte, ob in China, Deutschland oder SĂŒdafrika? Mein persönliches Urteil fĂ€llt daher eher zurĂŒckhaltend aus: Solange man sich an die Tipps und Regeln hĂ€lt, wird einem auch in Mexiko-City nichts schlimmes passieren.

Ein Nachtrag: Am 08. Mai wurde der Chef der mexikanischen Bundespolizei erschossen. Er setzte sich verstĂ€rkt fĂŒr den Kampf gegen die Drogenkartelle ein. Die KriminalitĂ€t hat viele Gesichter und nicht immer begegnet man ihr als einfacher Reisender.

von Alexey Yusupov
   

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