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 Feuilleton
11.07.2008

Selbstbedienung in der Wörterkiste

Jury-Mitglied Anika Meier stellt Brentano-Preisträgerin Ann Cotten vor

In Ann Cottens Lyrikdebüt „Fremdwörterbuchsonette“ bringt sie die Wörter wie selbstverständlich zum Schwimmen. Cotten ist die frischgebackene Gewinnerin des Clemens-Brentano-Förderpreises für Literatur der Stadt Heidelberg.

„Wörter werden wie Wale von sich selbst verwaltet“, heißt es in Sonett 47 aus Ann Cottens Lyrikdebüt „Fremdwörterbuchsonette“, in dem sie die Wörter trotz ihres Schwergewichts wie selbstverständlich zum Schwimmen bringt. Cotten ist die frischgebackene Gewinnerin des Clemens-Brentano-Förderpreises für Literatur der Stadt Heidelberg. Vergangene Woche nahm sie den mit 10.000 Euro dotierten Preis entgegen.

 

Foto: Friederike Hentschel

Im Vorfeld überzeugte sie die Jury, die aus drei Profi-Juroren (Burkhard Spinnen, Ursula März und Marius Meller) und drei Studenten des Germanistischen Seminars der Uni Heidelberg bestand. Cotten wurde für ihr „anarchisches Formbewusstsein und ihren künstlerischen Eigensinn“ gewürdigt. Sie belebe „die Tradition des Sonetts und bringt unpoetisches Sprachmaterial zum Klingen“, so die Begründung der Jury.

Vor der Preisverleihung war die Schriftstellerin zu Gast im Lyrik-Seminar im Germanistischen Seminar und plauderte mit den Studenten ĂĽber ihre Gedichte.

Cotten: „Generell ist es sehr gut, wenn man Geld bekommt und man kann sich sehr viele Gedanken darüber machen, wer einen aus welchen Gründen gut findet. Es ist seltsam, wenn ein Feedback in Zahlen kommt. Es war interessant in dem Lyrik-Seminar gewesen zu sein und einen Einblick zu bekommen, warum die Studenten meine Gedichte mögen. Ich glaube es ist prinzipiell gut, wenn Studenten dabei sind und es eine gemischte Jury ist, da es dann um Literatur geht und nicht rein ein Literaturbetriebsspiel gespielt wird - so etwas Abgekartetes. Die Studenten sind sozusagen das Korrektiv, was ich gut finde.“

An der Uni gelernt wie Sprache funktioniert

Sie studierte in Wien Germanistik und schrieb ihre Abschlussarbeit über die Liste in der Konkreten Poesie. Derzeit promoviert die 25-Jährige über den Schriftsteller Johann Karl Wezel. Im Studium lernte sie Nützliches für ihre Schreibarbeit: „Ich habe einige Texte gelesen. Ich habe zum Beispiel Roman Jakobson und viel über Sprechakttheorien gelesen - das sind Sachen, die man lernt und wie Sprache funktioniert. Das ist glaube ich schon sehr wichtig.“

Bevor Cotten mit fünf Jahren nach Wien zog, wuchs sie im US-amerikanischen Ames (Iowa) auf. Ihre Zweisprachigkeit bedingt, dass manche Fremdwörter für sie vertrauter klingen, als für das Ohr eines Deutschen. Sie greift tief in die Fremdwörterkiste und haucht Worten wie Loxodrom, Palindrom, Isanabase und kubital Leben ein. „Man braucht aber kein Fremdwörterbuch, um meine Sonette zu verstehen“, verspricht Cotten. Ihre Worte klingen neu, frisch und erfreulich unverbraucht in der deutschen Lyriklandschaft.

Berlin eignet sich nicht zum Spazierengehen

Seit 2006 lebt sie in Berlin und ist Teil der dortigen jungen Literaturszene. Das Feuilleton betitelt sie gern als „Wunderkind“. Mit ihr habe die Lyrik in Deutschland wieder ein Gesicht bekommen, ist das Urteil der Fachpresse. Cotten geht gerne und ausgiebig spazieren. Da drängt sich die Frage auf, ob ihr beim Schlendern durch die Natur Ideen für ihre Arbeit kommen.

„Berlin ist gar nicht so gut zum Spazierengehen“, urteilt die Preisträgerin. „Es ist flach und öd und es dauert ewig, um vom Hundertsten zum Tausendsten zu kommen. Wahrscheinlich beeinflusst mich das schon irgendwie im ganzen Leben, und das Leben hat Einfluss auf die Gedichte. Man kann schon sagen, dass ich esse und trinke und aufs Klo gehe, das beeinflusst meine Gedichte, was natĂĽrlich irgendwie stimmt, aber ich mach das halt trotzdem, auch wenn ich keine Gedichte schreibe.“

Im Interview mit einer großen deutschen Zeitung erklärt Cotten, dass sie vielleicht überhaupt nicht schreiben würde, wäre sie nicht in Wien aufgewachsen. Was hat sie in Wien zum Schreiben gebracht?

„Direkt ist es natürlich nicht so, nur dass ich weiß, dass Amerika etwas ist, wo ich mich vielleicht schon längst umgebracht hätte, wenn ich dort aufgewachsen wäre. Das sind Spekulationen, die sicher übertrieben sind, aber vielleicht würde ich eher Musik machen. Es wäre alles anders gelaufen, wenn nicht zufällig Wien da gewesen wäre und auch die österreichische und deutschsprachige Literatur in den Bibliotheken. Die hätte ich sicher nicht kennen gelernt, wenn ich weiter in Amerika aufgewachsen wäre.“

Aufgenommen, zusammengeschnitten und Musik produziert

Musik spielt in Cottens Sonetten eine große Rolle. Da taucht Frank Zappa mit seiner Farfisa-Orgel auf, Patti Smith mit ihrer Gloria, Daniel Johnston schaut um die Ecke und auch die Islandelfe Björk hat einen kurzen Gastauftritt. Cotten experimentiert aber auch selbst gern mit Klängen, der eigenen Stimme und allem was Geräusche macht. „Funny little piece“ heißt eines ihrer Musikstücke, bei dem der Name Programm ist.

„Das Musikstück ist im Vorfeld der ersten „Rotten Kinck Schow“ entstanden. Ich habe mit meinem Kollegen Hanno Millesi, in Wien gejammt und dabei ist auch die Single „Babywaran“ entstanden und eben auch dieses Stück, dass ich aus mehreren Sachen zusammengeschnitten habe . Eins davon war, dass wir verschiedene Klospülungen ausprobiert haben. Das war sehr erfreulich. Dann kommt meine Schwester mit einer Hintergrund-Geigenmusik und dann war auf der Kassette zufällig eine Aufführung von meiner kleinen Schwester, bei der sie ein Barockstück gespielt hat. Das alles habe ich dann zusammen geschnitten und es „Funny Little Piece“ genannt. Ein vergnügliches Intermezzo am späten Nachmittag.“

Das kommende Cotton-Projekt findet im Internet statt

Das kommende literarische Projekt mit dem Titel „Glossar Attrappen“ ist bereits in den Startlöchern. Die „Glossar Attrappen“ sollen wie ein digitaler Karteikasten funktionieren, der im Internet zugänglich sein soll. Der Nutzer kann sich dann nach Herzenslust am Sprachmaterial bedienen und seine eigenen Sprach- und Satzverknüpfungen herausarbeiten.

„Das Projekt kommt ins Internet und beim Ausnahme Verlag machen sie Bücher, die man wie geplant zusammenstellen kann. Wann genau das passiert, kommt darauf an, bis wann der Webmaster und ich es schaffen, die Website mit dem vorhandenen Material zu füllen und online zu stellen. Das wird voraussichtlich irgendwann im Herbst sein.“

Als Vorbilder für das Projekt dienten ihr Walter Serner und Ambrose Bierce mit seinem „The Devil’s Dictionary“. Am Ende verriet sie auch, woran sie derzeit arbeitet: „Das nächste Buch wird eine Art pataphysischer Botanik, wo es teilweise die Pflanzen darin sehr wohl gibt, teilweise nicht und teilweise schon, nur nicht so wie ich sie beschreibe. Dann gibt es noch Exkurse über Beete und über Atmosphäre, Schnittblumen, getrocknete Blumen, tote Blumen, Schlingpflanzen und irgendwelche Tiere, die gar keine Blumen sind. Es geht ein bisschen drunter und drüber und es ist noch lange nicht fertig. Wenn man Kategorien braucht ist es eher Prosa als Lyrik, aber abgefahren, wobei es nicht erzählerische Prosa ist, da keine Geschichte erzählt wird.“

 

von Anika Meier
   

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