Dies ist ein Archiv der ruprecht-Webseiten, wie sie bis zum 12.10.2013 bestanden. Die aktuelle Seite findet sich auf https://www.ruprecht.de

ruprecht-Logo Banner
ruprecht/Schlagloch-doppelkeks-Jubiläum
Am 13.10. feiern wir 25 Jahre ruprecht/Schlagloch und 10 Jahre doppelkeks [...mehr]
ruprecht auf Facebook
Der aktuelle ruprecht
ruprecht vor 10 Jahren
Andere Studizeitungen
ruprechts Liste von Studierendenzeitungen im deutschsprachigen Raum
ruprecht-RSS
ruprecht-Nachrichten per RSS-Feed
 Weltweit
01.06.2008

Zentrale am Stadtrand

Junge Russen haben den Verein „Molodaja Evropa“ gegrĂŒndet. Ihr Ziel: Russland soll in die EU. Doch der Staat behindert die Arbeit.

Die russische Politik macht den Nichtregierungsorganisationen das Leben schwer, wie Human Rights Watch unlĂ€ngst offiziell bestĂ€tigte. „Molodaja Evropa“ aus Sankt Petersburg haben trotzdem große PlĂ€ne fĂŒr die Zukunft.

Aus St. Petersburg berichtet unsere Korrespondentin Cosima Stawenow

Pavel, Mascha, Ilona und Gleb von der Organisation „Junges Europa“, auf russisch „Molodaja Evropa“, wollen sich zu einer Sitzung treffen. Dazu fahren sie in das nagelneue Jugendzentrum am Stadtrand von Sankt Petersburg.

Von weitem ist es schon an seiner Leuchtschrift zu erkennen und erstrahlt auch innen in frischen Farben. Auf dem Weg ins cremefarben gestrichene BĂŒro kommt man durch einen Kinosaal mit hellblauen PlĂŒschsesseln. Das ist aber schon so ungefĂ€hr alles an Komfort, den der Bau bietet.

Das BĂŒro bekam die Gruppe von der Stadt zugewiesen. Es ist bitterkalt und auch sonst wird man im GebĂ€ude nicht so recht warm miteinander. Wie in allen öffentlichen Einrichtungen Russlands sitzt am Eingang Aufsichtspersonal, dass sich „Wache“ oder „Schutz“ nennt. Die SicherheitskrĂ€fte dort vergeben nicht nur die SchlĂŒssel, die man beim Verlassen des GebĂ€udes wieder abliefern muss, sondern auch viele RatschlĂ€ge und Kommentare, gegen die nur eine Portion Gelassenheit hilft.

Geld vom Staat, aber keinen eigenen SchlĂŒssel

Kaum haben wir das GebĂ€ude betreten, will uns die mĂŒtterlich-strenge Aufseherin eine der laufenden Veranstaltungen schmackhaft machen: Wir sollen uns dem Fest eines Diabetikerclubs anschließen. Wir lehnen dankend ab. „So geht der Staat mit seinen Jugendvereinen um“, stellt der 32-jĂ€hrige Pavel Drogow, Oberhaupt der „jungen EuropĂ€er“, lakonisch fest. „Wir sind registriert, bekommen finanzielle UnterstĂŒtzung von der Stadt, aber keinen eigenen SchlĂŒssel. Man traut unserer Arbeit nicht.“ Der Grund: Molodaja Evropa hat dem staatlichen Komitee fĂŒr Jugendpolitik nicht genĂŒgend Treue geschworen. So erklĂ€rt sich jedenfalls Pawel das Misstrauen.

„Molodaja Evropa“ ist ein Sammelbecken fĂŒr junge Menschen, die die europĂ€ische Integration Russlands wollen. Die Bewegung entstand 2001 im sĂŒdrussischen Woronesh. Ein Jahr spĂ€ter grĂŒndete der heute 23-jĂ€hrige Gleb Koschelew die Petersburger Abteilung, deren Vorsitzender der Jurist und Allrounder Pavel ist. Gleichzeitig ist Pavel Abgeordneter im Stadtrat des nahegelegenen Peterhof, stellvertretender Vorsitzender des staatlichen Jugendkomitees fĂŒr Sport und Politik und Vorsitzender eines Schachclubs.

Kontakte zwischen Deutschland und Russland knĂŒpfen

FĂŒr das zivilgesellschaftliche Desinteresse der Studenten in Russland hat er wenig ĂŒbrig: „Wenn man an die Uni geht und sagt, dass man Mitglied einer gesellschaftlichen Organisation ist, wird man bestenfalls gefragt: 'Wieviel verdienst du da?'“, meint er sarkastisch. „Bei uns wird leider nicht viel gedacht. Die jungen Leute gehen lieber ins China-Restaurant.“

An diesem Abend plant „Molodaja Evropa“ die jĂ€hrlich in Sankt Petersburg stattfindende internationale Kontaktmesse. Dort sollen Jugendorganisationen aus Deutschland und Russland untereinander Kontakte knĂŒpfen. Alexander Kostrikin, der als stĂ€dtischer Koordinator zwischen den Petersburger Jugendorganisationen vermittelt, legt das Programm vor. Als Gewinner einer Ausschreibung bekam „Molodaja Evropa“ dieses Jahr die Aufgabe, die Messe vorzubereiten und durchzufĂŒhren. Das bedeutet UnterkĂŒnfte und Busse mietet und die Teilnehmer von den FlughĂ€fen und Bahnhöfen abholen. „Ich bereite die Exkursionen vor“, meldet sich Mascha Tichowa, die hauptberuflich als FremdenfĂŒhrerin arbeitet. Die zierliche 25-jĂ€hrige ist bei „Molodaja Evropa“, weil sie gerne mit engagierten Leuten zusammen arbeitet und sich fĂŒr Menschen und MentalitĂ€ten aus ganz Europa interessiert.

Wer Geld aus dem Ausland bekommt, macht sich verdÀchtig

 

Die „registrierten“ Gruppierungen und Vereine Russlands stehen in stĂ€ndiger Konkurrenz. Und der Druck ist hart. Es geht darum die Existenz zu sichern. SĂ€mtlich Gruppen versuchen sich einen Namen bei den stĂ€dtischen, regionalen oder ĂŒberregionalen „Wettbewerben“ zu machen. Wenn sie gewinnen, bekommen sie neben einem Auftrag auch etwas Geld, um eigene Projekte zu finanzieren. Geld aus dem Ausland zu erhalten ist schwierig: „Unser Staat misstraut inzwischen jedem, der Gelder aus dem Ausland bekommt“, sagt Pavel. „Das bringt unsere ‚uneingeschrĂ€nkte Demokratie‘ mit sich“.

Als registrierter Verein muss „Molodaja Evropa“ sein Finanzen offenlegen. Jahr fĂŒr Jahr verschĂ€rfen sich die Registrierungsbedingungen fĂŒr NGOs. Der Anmeldezirkus macht die GrĂŒndung von neuen Gruppen fast unmöglich. Wer sich nicht registrieren lĂ€sst, macht sich verdĂ€chtig.

Der 20-Jahres-Plan: Euro statt Rubel

Pavels ehrgeiziges Ziel, dem er zusammen mit „Molodaja Evropa“ entgegenwirken will, ist es, Russland im Schengener Abkommen, also in der EU zu sehen. Seine Vision ist, dass es die russische WĂ€hrung Rubel in zwanzig Jahren nur noch als Souvenir gibt. „Dann ist Russland in der EU, zahlt endlich auch mit dem Euro und die Visapflicht ist abgeschafft.“

Diese kĂŒhne Vorstellung reicht weit ĂŒber den engen Horizont hinaus, den der Staat und mit ihm die Aufseherin des Sankt Petersburger Jugendzentrums vorgeben. Im Lauf des Abends platzt die WĂ€chterin herein. Ihre völlig absurde Frage: "Warten nicht schon Eure Eltern auf Euch?" Und pĂŒnktlich um neun Uhr erscheinen zwei MĂ€nner in der Uniform des Sicherheitsdienstes, die das GebĂ€ude abschließen wollen.

   

Archiv Weltweit 2022 | 2021 | 2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004