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 Interview
06.05.2008

Vom Labor in die Zeitschrift

„Nature“-Chefredakteur Philip Campbell ĂŒber grĂŒndlichen Journalismus

Das Magazin in der Forschergemeinde zu den angesehensten. Seine Ergebnisse hier zu publizieren ist ein internationaler Ritterschlag. Campbells Redakteure entscheiden dabei ĂŒber Forscherkarrieren.

Was fĂŒr Aufgaben und Verantwortungen haben Sie als Chefredakteur von Nature?

Zuallererst muss ich dafĂŒr sorgen, dass „Nature“ eine hohe QualitĂ€t und Genauigkeit besitzt, da unsere Leserschaft die kritischste auf der Welt ist. Ich lege auch Wert auf einen starken Effekt. Es gibt Leute, die den Effekt einer wissenschaftlichen Arbeit anhand der ZitierhĂ€ufigkeit messen. Damit meine ich, dass das VerstĂ€ndnis der Menschen darĂŒber, wie diese Welt funktioniert, signifikant vertieft wurde.


Wie groß ist Ihre Redaktion?

Die Redaktion besteht aus 85 Leuten, davon etwa 60 in London. Der Rest verteilt sich auf die USA, das restliche Europa und einige Leuten in Tokyo. Ich bin Teil einer viel grĂ¶ĂŸeren Firma, der “Nature publishing group”.  


Welche Ausbildung oder FÀhigkeiten werden bei einem Magazin wie Nature benötigt?

Einige haben die Hauptaufgabe, wissenschaftliche Arbeiten auszusuchen, die veröffentlicht werden. Die besitzen Forschungserfahrung, und sind zum Beispiel Postdocs. Sie haben die FĂ€higkeit, wissenschaftliche Arbeiten aus benachbarten Themengebieten sehr schnell aufzunehmen. Außerdem sitzen sie nicht nur vor dem Schreibtisch. Sie reisen, besuchen Labore, nehmen an Konferenzen teil und haben dadurch einen guten Überblick.

Die anderen beiden Berufsfelder sind Journalisten und Redakteure. Wer bei uns im journalistischen Bereich arbeitet, hat einen wissenschaftlichen Hintergrund, ebenso wie die Redakteure, die Artikel schreiben. Deren FĂ€higkeit ist es, komplizierte schwer verstĂ€ndlich Tatsachen, in etwas Lesbares zu verwandeln. 


Welche Anforderungen mĂŒssen Ihre Journalisten erfĂŒllen?

Sie mĂŒssen vor allem wissenschaftlich korrekt sein. Unsere Journalisten sind Leute, die sich absolut darĂŒber im Klaren sind, was sie nicht wissen. Wenn sie etwas nicht wissen, dann recherchieren sie es nach. Sie werden also nicht einfach raten oder so tun, als ob sie Bescheid wĂŒssten und dann irgendwas schreiben. Darauf bestehen wir sehr nachdrĂŒcklich, denn wenn man Fakten in Nature falsch darstellt, egal in welchem Bereich, dann bekommen wir einen Brief - wahrscheinlich eher fĂŒnfzig. Eine weitere Anforderung, ist fĂŒr mich sogar noch wichtiger: OriginalitĂ€t. Wir versuchen immer, die von uns veröffentlichten Papers, den Journalismus sowie unsere Kommentare originell zu gestalten. Das ist eine schwierige Aufgabe und es gibt Wochen, an denen man nicht viel davon sieht. 


Wie sucht Nature die Gutachter aus?

Das kommt drauf an. Jedes Paper kann auch einem Bereich kommen, mit dem wir noch nicht konfrontiert wurden, so dass wir auf uns allein gestellt neue Gutachter finden mĂŒssen. In anderen Bereichen wissen wir sehr gut, an wen wir uns wenden können. Oft ist das der Leiter einer Forschungsgruppe. Den bitten wir dann um einige Namen seiner Postdocs. Dabei bevorzugen wir junge Leute, die nĂ€her an der richtigen Forschungsarbeit stehen.


Was macht Nature so besonders?

Letztes Jahr haben wir viel Arbeit darin investiert, den “Zustand des Planeten” in seiner Ganzheit darzustellen und daraus eine Serie ĂŒber neue Energieressourcen gemacht. Macht uns das zu etwas Besonderem? Ich weiß es nicht, aber ich persönlich fand sie gut und es gab sehr gute Kommentare dazu. Eine andere gute veröffentlichte Geschichte war ein Artikel ĂŒber kognitive Leistungssteigerung und Substanzen, die dafĂŒr benutzt werden. Der war komplett unsere eigene Initiative und sorgte fĂŒr sehr viel Diskussion im Internet und in den Medien. Das war ungewöhnlich und ich versuche immer, Leute einzustellen, die KreativitĂ€t besitzen.


Wie lang dauert es, bis ein Paper begutachtet wird?

Wir versuchen immer die Zeitspanne möglichst kurz zu halten, weil unter den Wissenschaftlern starke Konkurrenz herrscht und verschiedene Forscher zeitgleich Àhnliche Themen bearbeiten. Im Durchschnitt dauert es etwa drei bis vier Monate, bis die Arbeit gedruckt wird.

Wir versuchen aber die Zeitspanne zwischen Annahme und Online-Publikation weiter zu verkĂŒrzen. Wenn es dann online ist, dann ist das die Veröffentlichung. Das kann eine Woche dauern, meistens aber sind es drei bis vier Wochen. Sobald eine Arbeit kommt, schauen wir sie uns an und entscheiden anschließend, ob wir sie zu einem Gutachter schicken. An diesem Punkt schicken wir mehr als die HĂ€lfte der Arbeiten bereits zurĂŒck, weshalb wir jede Woche eine Menge Leute enttĂ€uschen. Die Gutachter verfassen eine Analyse der Arbeit und dĂŒrfen auch die Wichtigkeit kommentieren, aber letztendlich treffen wir die Entscheidung, ob es wichtig ist oder nicht.


Wie schwierig ist es fĂŒr Autoren, neuartige Thesen zu veröffentlichen? Fördern Sie neue Ideen?

Wie gesagt ist es unser erklĂ€rtes Ziel, originelle Ideen zu entdecken. Das ist allerdings sehr schwierig. Was dabei wichtig ist, ist eine sehr subjektive Frage. Sowohl Gutachter als auch Redakteure können da sehr konservativ sein. Wir diskutieren oft darĂŒber und ich versuche, da die entsprechenden Redakteuren zu ĂŒberzeugen. Im Großen und Ganzen bin ich mir ĂŒber die QualitĂ€t der Dinge, die wir veröffentlichen, sehr sicher. Weniger sicher bin ich mir bei den Dingen, die wir ablehnen. Mir ist klar, dass wir einige sehr gute und wichtige Paper abgelehnt haben.


Gibt es ein Beispiel hierfĂŒr?

Es gibt sogar ein sehr berĂŒhmtes Beispiel, nĂ€mlich eine Veröffentlichung von Enrico Fermi. Dabei ging es um die theoretische Analyse einer bestimmten Art des radioaktiven Zerfalls.


Die Haltung von Nature ist, dass die Gutachter anonym bleiben sollten, um sie vor entstehenden Konflikten zu schĂŒtzen. Die Autoren hingegen sind nicht anonym. Warum?

Viele Gutachter wĂŒrden diese Arbeit nicht machen, wenn man sie identifizieren könnten. Wenn ein Gutachter den Autor und die Herkunft des Papers nicht kennt, es strittig ist, ob er wirklich die bestmöglichen Fragen ĂŒber die Arbeit stellt, dann ist es unsere Aufgabe die Fairness zu wahren. Es ist besser, so viel wie möglich zu wissen, wenn man ein Gutachten schreibt.

Eine kĂŒrzlich erschienene Studie hat ergeben, dass viele in der wissenschaftlichen Gemeinschaft eine anonyme Autorenschaft fĂŒr besser hĂ€lt. Andere Journale haben die AutorenanonymitĂ€t ausprobiert. Sie haben es aber aufgegeben, weil es viele Autoren selbst nicht wollten und viele Gutachter bereits dem Lesen des Papers den Autor herausfinden konnten. Warum sich also die MĂŒhe machen?


Denken Sie, dass eine Entwicklung weg vom klassischen Peer Review System stattfindet?

Nein, obwohl sich das natĂŒrlich langfristig Ă€ndern könnte: Wenn die nĂ€chste Forscher-Generation nachrĂŒckt, ist es möglich, dass Leute teilnehmen, die mit offeneren Formen der Kommunikation vertraut sind.


Was halten Sie von offen zugĂ€nglichen Online-BĂŒchereien wie “Open Access”?

Ich halte PLOS [Public Library Of Science] fĂŒr ein sehr interessantes Experiment: Nicht die Abonnenten, sondern die Autoren zahlen fĂŒr die Veröffentlichung. Und weil der Autor zahlt, kann man die Arbeit sofort frei zugĂ€nglich machen. Um das in Journals mit hoher QualitĂ€t umzusetzen, muss man aber viele Leute einstellen: Gute, hochqualifizierte Redakteure,  Veröffentlichungs- und Produktions-Software-Spezialisten und so weiter. Das ist ein teures GeschĂ€ft. Um die Kosten zu decken, muss man also viele Autoren haben und jedem davon viel bezahlen. Ich glaube, dass dieser freie Zugang finanziell nicht tragbar wĂ€re und bislang deuten die Zeichen tatsĂ€chlich darauf hin. Es ist ein Modell mit Potenzial, aber es wird wohl nicht funktionieren, weil es nicht genĂŒgend Wissenschaftler gibt, denen es wichtig genug ist.


Wie groß ist die Leserschaft, die Sie mit Nature erreichen und wie groß ist dabei der Anteil an Wissenschaftlern und Nicht-Wissenschaftlern?

Die Leserschaft unserer gedruckten Magazine betrĂ€gt 65.000. Online hingegen lesen uns jeden Monat drei Millionen Menschen. Die Mehrheit davon sind Forscher. Es gibt aber eine sehr signifikante Minderheit, die keine Forscher sind. Ich gehe aber davon aus, dass diese irgendeine Art von wissenschaftlicher Ausbildung haben. Das können Leute von der Regierung, der Industrie oder anderen Berufsfeldern sein, die bestimmte ZusammenhĂ€nge verstehen mĂŒssen oder einfach generell an Wissenschaft interessiert sind.


Welche Rolle spielt die Öffentlichkeit in Bezug auf Kommunikation ĂŒber wissenschaftliche Themen?

Wenn man sich die wirklich brisanten Diskussionen ĂŒber eine bestimmte Wissenschaft oder Technologie anschaut, Diskussionen die gesellschaftswirksam sind, sei es ĂŒber Umweltfragen oder Ethik: Die Öffentlichkeit, die sich wirklich damit beschĂ€ftigt, lernt die Sprache der Forscher und liest die Veröffentlichungen. Die Öffentlichkeit hat die Pflicht die Wissenschaft zu verstehen oder es wenigstens zu versuchen. Und es gibt tatsĂ€chlich viele, die das tun. 


Können Sie uns ein Beispiel fĂŒr einen starken Einfluss geben, den sie mit ihren Veröffentlichungen erzielten?

Es gab eine Ausgabe, die zu der Zeit herauskam, als Spanien sein universitÀres System begutachtete. Darin kritisierten wir das spanische System und warfen ihm Nepotismus vor. Das löste eine Diskussion genau zum richtigen Zeitpunkt aus.


Das Internet gewinnt immer mehr an Einfluss. Erscheint nature bald nur noch im Internet?

Warten wir ab. Wir sprechen zwar generell nicht darĂŒber, aber ich kann so viel sagen, dass auch fĂŒr nature die Online-Veröffentlichungen immer wichtiger werden. Aber meine Verleger und ich werden definitiv auch die Printausgabe behalten.


Wir danken vielmals fĂŒr das Interview, Mr Campbell.

von Viktoria Keerl, Xiolai Mu
   

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