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 Heidelberg
06.05.2008

Auch ein Teil Geschichte

Erst seit zehn Jahren erinnert ein Mahnmal an „Euthanasie“- Opfer

Der Gedenkstein vor der Psychiatrischen Klinik in Heidelberg. 1998 setzte die Arbeitsgruppe „Geschichte der Psychiatrie im Nationalsozialismus“ nach langjährigen Diskussionen die Errichtung des Mahnmals durch.

„Den Opfern zum Gedenken, uns zur Mahnung“ steht auf dem runden Gedenkstein vor der Psychiatrischen Klinik in Heidelberg. Vor zehn Jahren, am 8. Mai 1998, setzte die Arbeitsgruppe „Geschichte der Psychiatrie im Nationalsozialismus“ nach langjährigen Diskussionen die Errichtung des Mahnmals durch. Es gedenkt der 21 behinderten Kinder, die in den Jahren 1942 bis 1944 in der Psychiatrischen Klinik Heidelberg behandelt, untersucht und ermordet wurden.

Leiter der Klinik war der Psychiater Carl Schneider, Kind eines ehemaligen Pastors, überzeugter Nationalsozialist und konsequenter Befürworter des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Ein Gesetz, das Empfängnisverhütung durch Unfruchtbarmachung vorsah und 1934 in Kraft trat.

Psychatrie mit Zwangsarbeit

Dabei waren nicht nur Sterilisierungen gängiges Verfahren, auch Morde an psychisch Kranken wurden unter Schneider zum festen Bestandteil psychiatrischer Regelversorgung. Während heilbare Kranke mit allen Mitteln behandelt werden sollten, fielen „unheilbare Pflegefälle“ der „Euthanasie“ zum Opfer – jedoch nicht, ohne sich vorher ihrer Arbeitskraft bedient zu haben.

Unter Carl Schneider reduzierte sich das Forschungs- und Lehrangebot der Klinik auf rassenhygienische und erbbiologische Themen. Von der „Euthanasiezentrale“ erhielt er die finanziellen Mittel, umfangreiche Grundlagenforschung zur
Schizophrenie, Epilepsie und zum Schwachsinn durchzuführen. Nach Abschluss der Untersuchungen an 53 behinderten Forschungskindern wurden 21 von ihnen in die Landesheilanstalt Eichberg verlegt und durch eine Überdosis an Morphium desheilanstalt und dem Schlafmittel Luminal ermordet. Ihre Gehirne sollten für Forschungszwecke genutzt werden, um die Unterscheidung von erblichen und erworbenen Schwachsinnsformen zu ermöglichen.

Mahnmal soll das Tabu brechen

Schneider selbst nahm sich 1946, nach einem misslungenen Fluchtversuch vor den Amerikanern, während der Untersuchungshaft das Leben. Sein Assistent Hans Joachim Rauch praktizierte noch viele Jahre in der psychiatrischen Klinik. „Dieser Teil der Geschichte war für die Klinik lange Zeit ein Tabu“, sagt Maike Rotzoll, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medizingeschichte und Mitglied der historischen Arbeitsgruppe. Man spreche nach wie vor nicht darüber.

Schweigen auch auf Seiten der Angehörigen, die ungern im Zusammenhang mit ermordeten Kindern genannt werden. Diese Haltung, so die Fachärztin für Psychologie, unterstütze die Stigmatisierung der behinderten Kinder. Das Mahnmal soll das Tabu brechen. Es trägt die Namen und Alter aller ermordeten Kinder. Keine Nachnamen – die unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht.

von Jenny Genzmer
   

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