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 Hochschule
06.05.2008

Auf spektakulären Fund folgt Absetzung

Fachwelt rätselt über Armin Schlechters Scheiden aus Heidelberg

Ende November 2007 räumte Armin Schlechter nach elf Jahren seinen Posten als Leiter der Abteilung Handschriften und Alte Drucke der UB. War es der Streit um die entdeckte Identität der Mona Lisa?

“German experts crack Mona Lisa smile” berichtete der Nachrichtendienst Reuters. “Mona really was a Lisa” titelte die New York Times. “Zeigt die »Mona Lisa« wirklich Mona Lisa? Ein überraschender Quellenfund verschafft endlich Klarheit.“ meldete Die Zeit. Zeitungen und Nachrichtenmagazine auf der ganzen Welt beschäftigten sich Anfang Januar mit einer Entdeckung in einem 530 Jahre alten Buch in der Universitätsbibliothek Heidelberg (UB), die beweist, dass Lisa del Giocondo tatsächlich Modell und Namensgeberin des berühmtesten Gemäldes der Welt ist.

Umso überraschender, dass Ende letzten Jahres der Entdecker dieser kunsthistorischen Sensation, Dr. Armin Schlechter, als Leiter der Abteilung Handschriften und Alte Drucke der UB abgelöst wurde. Am 30. November 2007 musste Schlechter nach elf Jahren sein Büro räumen und die Tresorschlüssel zu den wertvollen Handschriften abgeben. Einer Mitarbeiterin wurde die Leitung der Abteilung übertragen.

Als Begründung wurden ihm Mängel in der Verwaltung sowie fehlende Begeisterung für die Digitalisierung des Handschriftenbestandes der UB vorgeworfen. Für die Direktion ist der Wechsel in der Abteilungsleitung eine „nicht unübliche Organisationsanpassung“. Sie betont, dass es sich weder um eine „Strafversetzung“ noch eine „Abstufung“ handle, sondern um „einen ganz normalen Vorgang“.

Durch die Zuteilung neuer Aufgaben wurden die wissenschaftlichen Leistungen Schlechters geradezu anerkannt und unterstrichen, so Sabine Häußermann, die Referentin für Öffentlichkeitsarbeit an der UB. Die Fachwelt hingegen reagierte schockiert. Im Januar forderten 30 Bibliotheksmitarbeiter und Handschriftenexperten aus der ganzen Welt (unter anderem aus Princeton und Harvard) in einem Brief an den Heidelberger Rektor Bernhard Eitel, die Hintergründe des Vorgangs transparent zu machen.

Darin heißt es: „Die Gründe für die drastische Entscheidung der Universitätsbibliothek sind für uns nicht nachvollziehbar. Die Beschneidung von Herrn Dr. Schlechters Aufgabengebiet ist weder seinen fachwissenschaftlichen und bibliothekarischen Qualifikationen noch seiner langjährigen Berufserfahrung angemessen. Aufgrund der mangelnden Begründung dieses Schritts hat bereits jetzt der Ruf von Herrn Dr. Schlechter erheblichen Schaden genommen.“ Vier weitere Briefe von Kollegen Schlechters folgten – beantwortet wurde bislang keiner.

Dadurch bietet sich Raum für Spekulationen. Es wird vermutet, dass UB-Direktor Dr. Veit Probst mit der zunehmenden Bekanntheit Schlechters nicht zurechtkam. Er begann im Jahr 2007 selbst einen Aufsatz über den berühmten Mona Lisa-Fund zu schreiben und veröffentlichte ihn Anfang Februar. Schlechter hatte die aufschlussreiche Randnotiz in einem Frühdruck der Briefe Ciceros bereits 2005 entdeckt und in dem Ausstellungskatalog „Die edel kunst der truckerey“ erstmals publiziert. Diese fand damals allerdings noch wenig Beachtung.

Dass Schlechter das Aufsehen erregende Thema selbst erarbeiten wollte, liegt nahe. „Wenn er ein bisschen Fingerspitzengefühl gehabt hätte, hätte Probst es nicht vor mir gemacht.“, sagt Schlechter, dessen eigene Abhandlung letzte Woche im Internet freigeschaltet wurde. „Ich denke, dass der Neid auf diesen spektakulären Fund eine ganz erhebliche Rolle bei meiner Degradierung gespielt hat.“

Sabine Häußermann von der UB dazu: „Seit dem Fund 2005 wartete die wissenschaftliche Welt auf eine detaillierte Einordnung der neuen Quelle in die Mona-Lisa-Forschung. Nach einer einjährigen Präsentation in unserer Ausstellung und der Publikation im Katalog hätte jedermann darüber publizieren können. Exklusivrechte auf die Auswertung oder Bearbeitung einmal publizierter Quellen gibt es bekanntlich in der Wissenschaft nicht.“

Zum ersten April wechselte Schlechter an die Pfälzische Landesbibliothek in Speyer, der 47-Jährige bezeichnet die Ausschreibung der Stelle zu diesem Zeitpunkt als Glücksfall. Er hätte sich „aufgrund des von der Direktion verschuldeten, sich immer weiter verschlechternden Betriebsklimas in der UB auch ohne die Degradierung auf diese Stelle beworben.“ Schlechter wurde bei seiner Enthebung gesagt, die Verwaltungsmängel in der Abteilung unter seiner Leitung hätten zur Verzögerung bei der Erschließung des Inkunabelkatalogs geführt (gedruckte Schriften von vor 1500), jenes Kataloges bei dessen Erarbeitung Mona Lisas Identität geklärt werden konnte.

Elf Jahre wurde daran gearbeitet, nicht wenige Steuergelder wurden fĂĽr das Vorhaben aufgewendet, der Katalog ist so gut wie fertiggestellt. Ohne Armin Schlechters Mitarbeit ist nicht sicher, ob das Projekt beendet werden kann.

von Hannes Zahner
   

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