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06.05.2008

Versklavt in der Silbermine

Tödliche Arbeit als einzige Überlebenschance im Cerro Rico, Bolivien

Wer in der Mine im Cerro Rico, des „reichen Berges“ in PotosĂ­ sein Brot verdient, schuftet wie ein Tier. Die barbarischen Arbeitsbedingungen haben sich in den letzten 400 Jahren kaum verĂ€ndert.

Und dann wird es kĂ€lter. Tiefer und tiefer grĂ€bt sich die Gruppe in den Stollen. Die Luft enthĂ€lt spĂŒrbar weniger Sauerstoff. Ohne das Licht der am Helm befestigten Lampen wĂ€re es stockfinster. „Achtung, da kommen Minenarbeiter!“, schallt es der Gruppe entgegen. Einen Augenblick spĂ€ter schnellt eine Lore auf den Schienen vorbei.

Die Begehung des Cerro Rico, des „reichen Berges“ in PotosĂ­, am östlichen Rand des bolivianischen Hochlandes, ist eine QuĂ€lerei. Immer schmaler und niedriger wird der Gang, bald krabbelt die Gruppe auf allen Vieren. Der aufgewirbelte Staub tanzt in den Lichtkegeln der Stirnlampen, Schweißtropfen perlen ĂŒber die Gesichter.

Schon vor Beginn unserer Besichtigung hatte Carlos Rodriguez, 39, der einst selbst in der Mine arbeitete, seit 15 Jahren aber FremdenfĂŒhrer ist, auf die Gefahren hingewiesen: „Die Tour ist körperlich sehr anstrengend. Ihr werdet einer Menge Staub, möglicherweise toxischen Gasen ausgesetzt sein. Falls ein Stollen einbricht, sitzt ihr genauso in der Falle wie die Arbeiter.“ Mindestens einer von ihnen stirbt jede Woche in der Mine. Wer in der Mine von PotosĂ­ sein Brot verdient, schuftet wie ein Tier. Die barbarischen Arbeitsbedingungen haben sich in den letzten 400 Jahren kaum verĂ€ndert. Mit Hammer, Meißel, Spaten und bloßen HĂ€nden kĂ€mpfen sich die „mineros“ seit Mitte des 16. Jahrhunderts in den dunklen Berg, schaffen Silber und andere Edelmetalle ans Tageslicht. Die Arbeiter ruinieren ihre Körper und rauben sich den Verstand. Lediglich die Erfindung des Dynamits vor knapp 140 Jahren erleichterte ihnen den Bergwerksalltag.

Die Backen der Arbeiter sind prall gefĂŒllt mit KokablĂ€ttern, die Blicke glasig. Sie wirken apathisch, ganz auf die stumpfe Arbeit konzentriert. Auf Fragen reagieren sie reserviert. Man könnte meinen, dass sie genervt seien von den vielen Touristen. Die kommen mittlerweile tagtĂ€glich in die Stollen, gaffen, fotografieren und verschwinden kurz darauf wieder mit betretenem Gesichtsausdruck.

Raus aus dem Berg, zurĂŒck in ihr komfortables Leben, in dem dieser Ausflug nur ein kleines Abenteuer ist. Aber die Touristen bringen kleine PrĂ€sente: ErfrischungsgetrĂ€nke, KokablĂ€tter, Dynamit. So haben sich die mineros mit den Menschenströmen arrangiert. Carlos erzĂ€hlt, dass der „mercado de los mineros“, der Markt der Minenarbeiter, der einzige Ort auf der Welt sei, an dem es Dynamit legal und unbeschrĂ€nkt zu kaufen gibt. Das Komplettpaket enthĂ€lt Nitroglyzerin, eine Dynamitstange und die einen Meter lange ZĂŒndschnur, die die Explosion um sechs Minuten verzögert. Kostenpunkt: 27 Bolivianos, zwei Euro fĂŒnfzig.

Der Alkohol, den die Besucher den Arbeitern ebenfalls mitbringen, hilft ihnen, ihrer dunklen Hölle fĂŒr kurze Zeit zu entfliehen. Sie berauschen sich mit Zuckerrohrschnaps, der unglaubliche 96 Prozent Alkohol enthĂ€lt. In einer fĂŒnfköpfigen Gruppe vernichten sie schon mal drei Liter des betĂ€ubenden Fusels. „Die meisten mineros sind Alkoholiker”, sagt Carlos. Ihre Trinkgelage veranstalten sie in einer Mulde zu FĂŒĂŸen einer bunten Tonfigur, tio, Onkel genannt. In seinem fratzenhaften Mund steckt eine Zigarette, er ist mit Girlanden geschmĂŒckt und mit KokablĂ€ttern ĂŒbersĂ€t. Er schĂŒtzt die Arbeiter.

WĂ€hrend ihrer ritualisierten Zeremonie, die das Wochenende einlĂ€utet, gießen die MĂ€nner immer mal wieder ein paar Tropfen ihres Trunks auf den Boden. Zu Ehren von Pachamama, der Mutter Erde, der sie dafĂŒr danken, die Woche ĂŒberlebt zu haben, und die sie anbeten, dass es in der nĂ€chsten Woche wieder so sein werde. Juan ist einer der Arbeiter. 43 Jahre ist er alt. „Seit 29 Jahren arbeite ich in der Mine, fĂŒnf bis sechs Tage pro Woche. Eine Schicht dauert zehn bis 14 Stunden“, sagt er und starrt wieder ins Leere. Es ist normal, dass Kinder mit 14 Jahren in der Mine zu arbeiten beginnen.

Versklavt in der Silbermine

Obwohl Kinderarbeit offiziell verboten ist, sind viele Familien finanziell darauf angewiesen, ihre Kinder in den Berg zu schicken. Die Geschichte von PotosĂ­, der mit 4070 Metern höchstgelegenen Stadt der Welt, ist tragisch. Man könnte den gigantischen Reichtum, der im „Cerro Rico“ schlummerte, fĂŒr großes GlĂŒck halten. Viele Bolivianer sprechen von einem Fluch. „Der Berg hat stets nur wenigen GlĂŒck gebracht“, sagt die Marktfrau Maria. „Am wenigsten den Bewohnern von PotosĂ­.“ Zwar seien immer wieder einige zu großem Geld gekommen. Die meisten Einwohner aber hausen außerhalb des kolonialen Stadtkerns in einfachsten, dunklen und schĂ€bigen HĂŒtten.

Wo ist der Reichtum geblieben? Nachdem die Inkas die Mine entdeckt hatten, bekamen die spanischen Kolonialisten schnell Wind von dem begehrlichen Fund. 1545 grĂŒndeten sie die Siedlung am Fuße des Silberberges und begannen mit der systematischen Ausbeutung. Die Stadt im damaligen Alto-Peru wuchs rasant. Knapp 70 Jahre spĂ€ter war sie mit ĂŒber 150.000 Einwohnern zur grĂ¶ĂŸten Metropole der westlichen HemisphĂ€re angeschwollen; grĂ¶ĂŸer als Madrid, London oder Paris. Die Stadt wurde zum SĂŒndenpfuhl. Etliche Bordelle und Spielhallen eröffneten, prachtvolle HĂ€user schossen aus dem Boden, die Spanier pflasterten einige Straßen sogar mit Silber. Zugleich gaben sie sich gottgefĂ€llig. Die 32 noch existierenden Kirchen zeugen davon.

Die Gier der Spanier kannte keine Grenzen. Sie versklavten die einheimische Bevölkerung, die sich bis zu 16 Stunden tĂ€glich in den Minen plagte. Sicherungsmaßnahmen gab es kaum. Die Arbeiter verreckten wie die Fliegen. Knapp zehn Jahre malochten die Zwangsarbeiter im Schnitt, bis sie die Silikose, die Staublunge, dahinraffte. Bald mangelte es an ArbeitskrĂ€ften. Die spanische Krone schiffte Sklaven aus Afrika ein, die jedoch Probleme mit der dĂŒnnen Luft hatten und weniger leistungsfĂ€hig waren. Über acht Millionen Menschen ließen im Laufe der Jahre in dem Berg ihr Leben. „Er ist ein Massengrab“, sagt Carlos. Noch immer bestimmt dieser Berg das Schicksal der Menschen.

Zwar hat die Bedeutung von Silber abgenommen, der weltweite Bedarf an Blei, Zink und Zinn löste jedoch einen neuen Boom des Bergbaus aus. Außerdem arbeiten die mineros selbstbestimmt; seit 1985 liegen die SchĂŒrfrechte bei insgesamt 45 Kooperativen. Deutlich verbessert hat sich die Situation der derzeit 15 000 Arbeiter indes nicht. Als Anteilseigner erhalten sie keinen festgesetzten Lohn. Ihr Einkommen orientiert sich an ihren Funden. Dazu kommt: „Die Minenarbeiter mĂŒssen die Preise immer neu mit den Abnehmern verhandeln“, wie Carlos sagt. Der Arbeiter Juan ergĂ€nzt: „HĂ€ufig verdienen wir nur 800 Bolivianos pro Monat.“ UngefĂ€hr 75 Euro.

Ob GlĂŒcksfall oder Fluch, Chance oder Verderben, vielleicht erledigt sich das Thema in absehbarer Zeit ohnehin von selbst. „In 20 Jahren werden die Erzvorkommen des Cerro Rico erschöpft sein“, sagt Carlos. Was dann kommt, weiß hier und heute noch niemand.

von Sebastian BĂŒhner
   

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