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 Feuilleton
19.05.2008

„Himalaya“ als Gipfelstürmer

Volker Schmidts TheaterstĂĽck zeigt AbgrĂĽnde in einer Welt des Ăśberflusses

"Am Ende zerfällt alles zu Staub. Nur die Wolkenkratzer wachsen beständig weiter." Die bürgerliche Tragödie "Himalaya" von Volker Schmidt, Stückemarkt-Preisträger 2007, will Bruchlinien der Gesellschaft aufspüren.

Das Stück beginnt, bevor der eigentliche Vorhang aufgeht und alle Zuschauer im zwinger1 Platz finden. Die zehnjährige Sarah, ein kleines Genie, gebildet wie eine Erwachsene, kritzelt Wolkenkratzer auf Boden und Wände. Sie malt eine Welt, in der sie selbst lebt: materieller Überfluss lässt die Menschen immer mehr in die Höhe bauen, viele der Bewohner leben zurückgezogen, in emotionaler Isolation und Einsamkeit – mitten in der Menschenmenge.

Das Erstlingswerk des Stückemarkt-Preisträgers 2007 Volker Schmidt zeichnet dieses Bild von Abgründen der bürgerlichen Gesellschaft anhand von Sarahs Familie. Mutter Sabine (Antonia Mohr), überzogen durchgestylt, stellenweise hysterisch und ein Produkt des Wohlstandes, flüchtet sich in eine Traumwelt aus Wellness-Anwendungen und Klangschalenmassagen.

Vater Gabor (Victor Calero), erfolgreicher Produktmanager, trägt seinen Pyjama, mit dem er verwachsen zu sein scheint, wie einen Purpurumhang spazieren und stolziert mit seinen Badelatschen wie ein edler Herrscher umher. Er ist absoluter Workaholic („Ich bin mein Beruf“) aber ebenso auf der Suche nach Leere („Wenn du alles hast, ist es gut, nichts zu haben“) und einem Ausweg aus der Scheinwelt der Schönen und Reichen.

Tochter Sarah, die an einem Aneurysma (einer krankhaften Erweiterung der Schlagader, die tödliche Folgen haben kann) leidet, therapiert Psychologen, erklärt die Kritik von Globalisierungsgegnern und frägt dann ihr neues Kindermädchen Caroline (Maria Prüstel): „Denkst du, ich bin nicht normal?“ Normal ist die Rolle der Sarah sicherlich nicht. Sie ist mit einer Puppe besetzt, erst Puppenspielerin Steffi König haucht ihr Leben ein. Das gelingt ihr so beeindruckend, dass der Zuschauer bei Monologen Sarahs oftmals vergisst, dass es sich hierbei nicht um einen realen Menschen handelt.

Sarah, die Puppe, wird von den Eltern weitergeschubst zum neuen Kindermädchen Caroline, die zu Beginn sehr frech, sportlich und mit Berliner Schnauze auftritt. Gabor findet Gefallen an ihr, überhäuft sie mit Luxusgeschenken, wie einem fürchterlich goldenem Paillettenkleid, dass einem regelrecht ins Auge sticht. Dann kündigt sich Michael (Benjamin Hille), Carolines Freund und entschiedener Globalisierungsgegner, zu Besuch an. Mit den beiden Männer prallen nicht nur zwei Konkurrenten um die Gunst des Kindermädchens aufeinander – auch die Weltanschauungen könnten verschiedener nicht sein.

In heroischer Manier kommt es zum Duell, aus dem eine irrsinnige Abmachung entwächst: Michael soll für Gabor arbeiten, ist er nach dieser vorübergehenden Beschäftigung immer noch von seiner Konsumkritik überzeugt, dürfe er Gabor töten.

SehnsĂĽchte und Gedanken der fĂĽnf Charaktere werden an einer goldfarbene Wand, welche die Kulisse des Wohnhauses darstellt, oder in Traumsequenzen mit lauter Musik und Tanz abgebildet. Regisseurin Anna Bergmann brachte hiermit zwei Ebenen mit ein, die meist ohne gesprochenes Wort auskommen, aber viel Effekt erzeugen.

Wenn Mutter Sabine wütend „Isch bin hübsch“ an die Wand kritzelt, spürt man regelrecht ihre Eifersucht auf die wesentlich jüngere Konkurrentin Caroline. Wenn Sarah sich als Engel vor einer Bergkette zeichnet, ist sie dem Elternhaus schon fast entkommen.

Zerstörung beherrscht am Ende das Bild. Der Goldschein ist dahin und die Figuren sind abgestürzt. Vater Gabor erleidet einen Schlaganfall, der ihm vom mächtigen Kreativgestalter in ein pflegebedürftiges Häufchen Elend verwandelt. Am Boden sitzend erzählt er lallend, was aus den anderen geworden ist. Vieles deutet daraufhin, dass alles vorherige als Rückblick aus seiner Sicht dargestellt wird. Das wirkliche Ende des Stückes wird zwar unnötig hinausgezögert – ein Gang ins Theater ist aber dennoch absolut lohnenswert.

von Stefanie Fetz
   

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